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Wahl in Frankreich: Die Armen wählten rechtsextrem

Unterstützer von Marine Le Pen auf einer Wahlparty des Front National in Henin-Beaumont; dpa

Die Armen wählten rechtsextrem

Von TIMO STEPPAT
Unterstützer von Marine Le Pen auf einer Wahlparty des Front National in Henin-Beaumont; dpa

24.04.2017 · Mit Macron und Le Pen stehen sich zwei grundverschiedene Politikentwürfe gegenüber. Das gilt auch für ihre Wähler. Wieso die Chancen der Rechtsextremistin im zweiten Durchgang schlecht stehen – und gerade das zur Gefahr werden kann. Die Wahlanalyse.



B lickt man auf die Karte Frankreichs, ist nahezu der gesamte Nordosten schwarz. Überall dort hat, wenn auch teilweise knapp, Marine Le Pen die meisten Stimmen bekommen. Dass sie etwa im Department Pas-de-Calais fast 35 Prozent erreicht, ist wenig überraschend – die Region ist wirtschaftlich gebeutelt und Le Pen stammt von hier. Sie kommt aber auch in den Ardennen auf fast 32,4 Prozent, im Department Aisne sind es fast 36 Prozent. Im Vergleich zum ersten Wahlgang 2012 sind das regionale Zugewinne von zehn, bzw. acht Prozentpunkten.

In beiden Fällen lag vor fünf Jahren der spätere Präsident François Hollande deutlich vorn. Während seiner Amtszeit hat sich die Politikverdrossenheit vieler Franzosen deutlich erhöht. Zwei Drittel gaben in einer Umfrage vor der Abstimmung an, sie beobachteten den Wahlkampf mit „Enttäuschung, Abscheu und Zorn“.


Es ist auch Ausdruck dieses tiefen Misstrauens in die Politik und die Parteien, dass zwei Politiker in die Stichwahl kommen, die sich selbst als Anti-Establishment verkaufen. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen vom Front National tut das schon sehr lange. Emmanuel Macron, der seine Partei En Marche erst vor wenigen Monaten gegründet hat, vorher aber Wirtschaftsminister war, betont ebenfalls gerne seine Distanz zu Parteien. Er will sich nicht in ein Rechts-Links-Schema einordnen.

Wer hat Le Pen gewählt – wer Macron?

Macron und Le Pen sind politisch zwei radikale Gegenentwürfe; das zeigt sich auch in ihrer Anhängerschaft, die fast wie gespiegelt ist. Die Wähler von Le Pen leben eher auf dem Land, Macron hat dagegen vor allem in den Großstädten viele Anhänger. Das setzt sich beim Haushaltseinkommen fort: In der Gruppe der Menschen, die mit weniger als 1250 Euro im Monat auskommen müssen, erreicht Le Pen die höchste Zustimmung (32 Prozent), ebenso unter denen, die zwischen 1250 und 2000 Euro verdienen (29 Prozent). Ein hoher Anteil der Le Pen-Wähler gibt an, gar nicht oder sehr schwer mit dem Geld auszukommen.

Emmanuel Macron punktet bei denen, die mehr oder viel Geld haben: Ein Viertel derer, die 2000 bis 3000 Euro im Monat einnehmen, wählten ihn, bei denen mit mehr als 3000 Euro erreicht er ein Drittel.

Diese Spaltung zeigt sich bei den Berufen nur zum Teil. Unter den Arbeitslosen punktet vor allen Dingen der Sozialist Jean-Luc Mélenchon. Bei der Bildung dagegen setzt sich diese Art der Spiegelung fort: Wer einen geringeren Abschluss als das Abitur hat, stimmte zu einem Drittel für Le Pen. In den Gruppen mit Abitur oder Hochschulstudium gewinnt Macron haushoch. Die Wähler von Macron beschreiben sich selbst mehrheitlich als Mitte (47 Prozent), bei Le Pen dagegen dominiert die Selbsteinschätzung „sehr rechts“ (80 Prozent).

Auch die Wahlmotive sind grundverschieden. Den Anhängern von Macron sind laut dem Institut Harris Interactive die Themen Arbeit (51 Prozent), Europa (41), Bildung (39) und mehr Moral in der Politik (34) am wichtigsten. Für die Anhänger von Marine Le Pen dagegen geht es um Migration (80 Prozent), den Kampf gegen Terrorismus (64), den Schutz der Menschen (44) und den Arbeitsmarkt (34 Prozent). In der Gewichtung der wahlentscheidenden Themen ähnelt sich die Anhängerschaft der von François Fillon; auch hier waren Sicherheit, der Kampf gegen Terrorismus und Immigration entscheidend.

Jungwähler: Viele Nichtwähler, überraschend viele Le Pen-Stimmen

Die Wahlbeteiligung am Sonntag in Frankreich war mit über 77 Prozent hoch; deutlich höher als im ersten Durchgang 2012. Vor allem die Alten waren es, die in die Wahllokale gingen. Bei den Über-60-Jährigen stimmten laut Erhebungen von Ipsos 84 Prozent ab, bei den Über-70-Jährigen sogar noch mehr (88 Prozent). In dieser Gruppe konnte besonders François Fillon überzeugen, er erreicht bis zu 45 Prozent. Marine Le Pen dagegen ist hier nahezu chancenlos.


Es ist besonders die Gruppe der Wähler unter 35, die zuhause bleibt. Fast ein Drittel hat am Sonntag nicht abgestimmt. Überraschend ist auch, dass besonders viele Jungwähler für Le Pen stimmten. Bei den 18 bis 24-Jährigen ist sie zweitstärkste Kraft (24 Prozent) nach dem Linkspopulisten Mélenchon (30 Prozent). Das ist vielleicht die einzige Gemeinsamkeit von Macron und Le Pen, beide bekommen vor allem von den Mittelalten Stimmen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Bei Macron ist es es eher die Gruppe der Berufsanfänger zwischen 25 und 35; bei Le Pen vor allem diejenigen zwischen 35 bis 49. Es sind auch die Wähler, für die eine klassische Parteienbindung, die sich bei den Älteren noch im Falle Fillons zeigt, nur noch eine nachgeordnete Rolle spielt.

Die meisten Wähler von Macron haben 2012 noch für Hollande gestimmt (42 Prozent), fast ebenso viele Anhänger haben damals den Linksliberalen François Bayrou gewählt. Die meisten Wähler des damaligen Präsidenten Sarkozy gingen zu Fillon über, der für die gleiche Partei kandidierte. Ungefähr gleich viele ehemalige Sarkozy-Wähler wanderten zu Macron (17 Prozent) und Le Pen (14 Prozent) ab.

Chancen von Le Pen

Entscheidend ist die Frage, wie die Anhänger der unterlegenen Kandidaten in der Stichwahl abstimmen. 76 Prozent der Anhänger des Kandidaten der Parti Socialiste, Benoit Hamon, wünschen sich laut einer Umfrage von Harris Interactive einen Sieg Macrons – unter den Fillon-Wählern sind es 47 Prozent, bei Mélenchon 52 Prozent. Wenn Le Pen eine Chance im zweiten Wahlgang haben will, müsste sie sich andere Milieus erschließen. Das ist am ehesten unter den Anhängern von Fillon möglich, 23 Prozent wollen im zweiten Durchgang für Le Pen stimmen. Allerdings war es Mélenchon, der am Sonntagabend keine Empfehlung für Macron aussprach. Etwa ein Drittel seiner Wähler und ebenso so viele von Fillon wollen übrigens keinen der beiden, weder Macron noch Le Pen, wählen.



Le Pen steht unter ihren Wählern im Ruf, sich um die Themen Terror, Migration und Sicherheit zu kümmern. Gerade dieses Thema war auch für Fillon-Anhänger entscheidend. Macron dagegen wird vor allem mit anderen Themen in Verbindung gebracht. Sollte es in Frankreich also in den zwei Wochen bis Stichwahl abermals zu einem Terroranschlag kommen oder das Thema Sicherheit virulent werden, könnte Le Pen davon klar profitieren.

Die Ausgangslage für Macron ist insgesamt sehr gut. Die etablierten Parteien unterstützen ihn, weite Teile der Anhänger anderer Kandidaten wollen für ihn stimmen. Diese Freude könnte für ihn aber auch zum Problem werden: Wenn die Franzosen etwa nach den Umfrage zwischen Le Pen und Macron den Eindruck gewinnen, dass die Sache entschieden und eine Präsidentin Le Pen verhindert sei, könnte das zu Schwierigkeiten bei der Mobilisierung führen. Linke und Konservative sträuben sich, Macron zu wählen – dafür braucht es das Schreckgespenst Le Pen. Je radikaler sie auftritt, desto besser für ihn. Wahrscheinlich wird sie ihm diesen Gefallen nicht tun.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.04.2017 06:39 Uhr