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Vorzeigeindex : Trotz Wahlen sind Frankreichs Anleger zuversichtlich

Der Tag der Entscheidung naht: Präsidentenpalast in Paris Bild: Matthias Lüdecke

Die Euro-Ausstiegspläne von Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen lassen die Pariser Börse derzeit noch unbeeindruckt. Die Kurse gewinnen an Dynamik. Wird das auch nach den Wahlen so sein?

          Alle reden vom Populismus – doch an der Pariser Börse ist die Popularität der Aktien das Gesprächsthema Nummer eins. In diesem Monat hat der Vorzeigeindex CAC-40 schon mehr als einmal kurzzeitig die Grenze der 5000 Punkte durchbrochen. Das letzte Mal fanden sich die französischen Aktien im November 2015 auf diesem Niveau.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Marine Le Pen mag mit ihren Euro-Ausstiegsplänen als Favoritin für den ersten Präsidentschaftswahlgang am 23. April gelten (nicht aber für den zweiten), die Linkskandidaten Benoît Hamon und Jean-Luc Mélenchon mögen laut der Umfragen mit ihren Utopie-Projekten rund ein Viertel der Urnengänger anlocken – die Börse ficht das kaum an. Die französischen Aktien setzen ihren Aufstieg fort. Im Juli vergangenen Jahres notierte der CAC-40 noch 1000 Punkte tiefer. Seit Anfang Februar haben die Kurse eine neue Dynamik gewonnen.

          CAC 40

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          Gegenüber den Aktien in den Vereinigten Staaten bleiben die französischen und auch die europäischen Papiere jedoch unterbewertet. Eine Marine Le Pen im Elysée-Palast – dieses Szenario lässt dann doch kaum jemanden kalt, vor allem nicht amerikanische Fondsmanager. „Achtzig Prozent unserer Kundengespräche in New York drehen sich um die französischen Wahlen“, sagt Gilles Moec, Analyst bei Bank of America Merrill Lynch.

          „... Europa dürfte wieder interessant werden“

          „Ein wirtschaftlicher Aufschwung setzt ein – die jüngsten Wirtschaftsdaten für Frankreich waren gut –, doch viele internationale Anleger halten sich ausgerechnet jetzt zurück. Das hat eine gewisse Ironie“, meint Didier Saint-Georges, geschäftsführender Direktor der Fondsgesellschaft Carmignac. Bei der Wettbewerbsfähigkeit habe Frankreich gegenüber Deutschland aufgeholt, womit sich ein Teil der Reformen von François Hollande durchaus auszahle. Für den Präsidenten komme aber das zu spät. Und die internationalen Anleger trauen dem Braten noch nicht. Die Börsenparty muss noch warten.

          Bald aber dürfte sich die politische Lage in Frankreich klären. Niemand will einen Wahlsieg von Le Pen ausschließen, doch kaum jemand glaubt daran. Wenn sich aber ein Mainstream-Kandidat durchsetzt, steigen die Kurschancen. „Im Moment sind wir noch stark in amerikanischen Aktien investiert, doch im Laufe der nächsten sechs Monate dürfte Europa wieder interessant werden. Frankreich kann ein Potential bekommen, das es lange nicht mehr gehabt hat“, sagt Saint-Georges.

          Auch sein Kollege Moec ist tendenziell zuversichtlich: „Alle Umfragen zeigen in der Stichwahl für Le Pen einen Rückstand, der außerhalb der üblichen Fehlermargen der Umfrageinstitute liegt.“ Der Analyst hält nach den Wahlen in Frankreich und Deutschland sogar neue Impulse für Reformen im Euroraum für möglich, allerdings nur unter mehreren Voraussetzungen:

          Dass der Front National nur eine Minderheitsposition erringt, die AfD in Deutschland eine Splitterpartei bleibt und die SPD an Einfluss gewinnt. „Dann bekäme die Debatte mehr Offenheit gegenüber dem Vorschlag einer Fiskalunion, die nicht nur Peitsche, sondern auch ein wenig Zuckerbrot bereithalte“, meint Moec.

          Vorsichtiger Optimismus

          Die jüngsten Wirtschaftsdaten geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. 157.000 Stellen hat Frankreichs Privatsektor im vergangenen Jahr nach Abzug der Stellenstreichungen geschaffen. Im Jahr zuvor betrug das Job-Plus nur 90.000. Der Stimmungsindex der Einkaufsmanager liegt auf dem höchsten Stand seit fast sechs Jahren.

          Analyst Moec glaubt, dass Frankreich auf der Basis eines guten Bevölkerungswachstums sowie hoher Produktivität Reformen gelingen könnte, die gar nicht so schmerzhaft sein müssten. Er nennt sie „niedrig hängende Früchte“ und meint damit etwa die weitere Lockerung des Arbeitsrechts und einen sanften Abbau der Neuverschuldung.

          Doch mit welcher Mehrheit regiert der oder die Nachfolger(in) von Hollande? Das ist eine der kompliziertesten Fragen. Am 11. und 18. Juni werden in 577 Wahlkreisen die Abgeordneten der Nationalversammlung bestimmt. Dass der Front National (FN) eine Parlamentsmehrheit erringen kann, hält Bruno Cavalier von Oddo Securities für „sehr unwahrscheinlich“. Das heiße, dass auch alle Ausstiegsszenarien aus Euro und EU kaum Glaubwürdigkeit besäßen.

          Doch könnte der FN so viele Mandate erringen, dass eine stabile Mehrheit durch eine Konkurrenzpartei verhindert wird. „Dieses Risiko erscheint mir besonders hoch, wenn Emmanuel Macron gewählt wird. Seine politische Bewegung hat wenig lokale Verankerung“, meint Cavalier. Eine Folge könnte die Bildung einer Regierung durch eine Mehrparteien-Koalition sein – ein Novum seit 1958.

          So diskutiert die Börse derzeit die Politik, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen. Es gibt ja auch noch andere Themen, etwa eine möglicherweise harte Korrektur auf den Anleihemärkten. Denn die Zinsen sind dort noch sehr niedrig, obwohl sich die Wirtschaftslage aufhellt. Ein rascher Zinssprung könnte auch die Aktienmärkte beeinträchtigen. „Das halte ich für ein höheres Risiko als das politische“, sagt der Carmignac-Mann Saint-Georges.

          Quelle: F.A.Z.

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