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Berlin : Wo alles geht, lassen sich viele gehen

Wo „kunterbunt” vor allem schlampig heißt... Bild: Jens Gyarmaty

Wer sich schlecht benehmen will, ist kaum daran zu hindern. Das lässt sich in Berlin, wo das Wegschauen zu lange als Zeichen der Toleranz galt, geradezu exemplarisch studieren: Es ist eine Art Diktatur des Lumpenproletariats entstanden.

          Jehste vielleicht ma duschen, du altet Ferkel!“ Laut tönt es durch das Weddinger Freibad. Der Angesproche ruft verblüfft die Bademeister als Zeugen an: Er komme doch gerade aus der Dusche! Der rundliche ältere Herr hat nicht begriffen, dass „altet Ferkel“ ein auf ihn gemünzter Kosename ist, ein Zeichen, dass er dazugehört. Bei Regen oder Sonnenschein, sobald das Bad um acht Uhr früh öffnet, trifft sich eine eingeschworene Gemeinschaft älterer Bahnenschwimmer, richtige West-Berliner, die den Kalten Krieg im Herzen und dieses auf dem rechten Fleck haben. Die Frauen heißen Erika und Ilse und helfen sich, wenn nötig, nach dem Duschen auch mal beim Eincremen, die Männer politisieren gern – und haben Spaß an deftigen Liebkosungen.

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          In fast jedem anderen Zusammenhang aber ist selbst der zarteste Hinweis auf beanstandenswertes Benehmen rar geworden. Gestandene Männer wagen nur selten, jüngere in der U-Bahn aufzufordern, die Füße von der Sitzbank zu nehmen, die Musik leiser zu drehen oder das Rauchen einzustellen. Wer mal versucht hat, einem drahtigen Mann im Freibad Pankow auszureden, sich unter der Kaltwasserdusche vor dem Becken einzuseifen, weil sonst jeder durch sein Badewasser laufen müsse, wird es kaum noch einmal tun – so aggressiv war die Reaktion. Die Bademeister aber hatten nichts gesehen.

          Wochenlange Erinnerungen

          In Berlins Schwimmbädern gedeiht so einiges, was die Angestellten angeblich nicht sehen, weil sie den Konflikt mit ihren Gästen scheuen. Graffiti, das ein Teil der Kundschaft in den Umkleidekabinen anbringt, bleibt oft wochenlang dort: Soll der andere Teil der Kundschaft doch merken, wie schrecklich hart der Job bei den „Berliner Bäder-Betrieben“ (BBB) geworden ist. So hält es auch die S-Bahn: „Mutwillig beschädigt“ steht auf den knallroten Schildern, die irgendjemand auf die defekten Türen geklebt hat. Als ob die Fahrgäste Lust hätten, zwischen dem Versagen von Ihresgleichen und dem des Managements zu unterscheiden.

          ...wo Müll zu hinterlassen als Menschenrecht gilt...
          ...wo Müll zu hinterlassen als Menschenrecht gilt... : Bild: Jens Gyarmaty

          Kurz nach der friedlichen Revolution von 1989 sagte der DDR-Bürgerrechtler Jens Reich: „Ein Volk, das wirklich frei sein will, ist frei.“ Analog könnte man heute über Berlin formulieren: Eine Bevölkerung, die sich wirklich schlecht benehmen will, ist kaum daran zu hindern. Ältere empfinden es als unerhört, wenn jemand seinen Müll nicht entfernt; Jüngere hingegen werten es als Mildtätigkeit, die unterwegs geleerte Bierflasche auf die Straße zu stellen: Die armen Obdachlosen können sich mit dem Pfand doch etwas Geld verdienen. Noch so missbilligendes Starren hält gediegene Herren nicht davon ab, die Verpackung des gerade in der S-Bahn verspeisten Gebäcks, ordentlich gefaltet, ganz hinten unter den Sitz zu legen: So weiß der Mann, der den ganzen Tag mit einem Besen und einem Müllsack die S-Bahn-Wagen säubert, dass er es für ordentliche Leute tut.

          Heilbare Berliner Malaisen

          Seit 1920 ist Berlin eine „Einheitsgemeinde“. Es besitzt eine zwei-, manchmal dreistufige Verwaltung, die Senatsverwaltung und die Bezirksverwaltungen, häufig arbeiten zusätzlich noch Landesämter an diesem und jenem. Öffentliche Ärgernisse aber verursacht grundsätzlich „der Senat“. So gelangte eine Zehlendorfer Schule vor einigen Jahren mit der Nachricht in die Zeitung, sie werde so knapp gehalten, dass es nicht einmal mehr Klopapier gebe. Der Schulsenator konterte: Da sei eine Schulleiterin überfordert. Von dem vermeintlichen Skandal hörte man nichts mehr; aber die Haltung hat sich gehalten. Die Bezirke sind Träger der Schulen, zuständig für Gebäude, Hausmeister- und Sekretärinnenstellen, die so oft gestrichen wurden, doch erscheinen sie in Berlin nicht als Träger der Kommunalverwaltung, sondern als die Opfer des Senats. Stadträte werden kurioserweise kaum je zu Objekten der Kritik.

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