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AfD-Hochburg Marzahn : „Ist doch alles am Ende hier“

Die AfD hat im Bezirk Marzahn-Hellersdorf bei der Wahl in Berlin teils deutliche Erfolge erzielt. Bild: dpa

Am östlichen Rand Berlins, in Marzahn-Hellersdorf, hat die AfD bei der Wahl in Berlin teils kräftig abgeräumt. Ein Besuch am Tag nach der Wahl in einem Bezirk, der zwischen Hoffen und Bangen schwebt.

          „Wenn das so weiter geht, dann gibt es hier einen Aufstand. Und der wird nicht so friedlich sein wie 1989.“ Thomas Hermenau spricht diese Worte ganz ruhig aus, ohne Aggression. In seinen Augen kann man Enttäuschung lesen, vielleicht sogar etwas mehr: Hoffnungslosigkeit. Der 55 Jahre alte gelernte Koch und Einzelhandelskaufmann jobbt derzeit auf 450-Euro-Basis in einem Discounter in einem Einkaufszentrum in Marzahn. Einen Vollzeit-Job bekommt er schon lange nicht, obwohl er, wie er sagt, „ständig Bewerbungen“ schreibt. Rücklauf: null. Von der Politik erwartet Hermenau schon lange nichts mehr. Außer vielleicht von der AfD, die er am Sonntag bei der Wahl in Berlin gewählt hat. Ein langjähriger Linke-Wähler, der mit der „etablierten“ Politik, wie er sagt, nichts mehr anfangen kann.

          Marzahn-Hellersdorf, am Tag nach der Wahl. Hier, am nordöstlichen Rand Berlins, haben die Wähler bei 61 Prozent Wahlbeteiligung zu rund 23 Prozent ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Dazu muss man wissen: Der Bezirk ist nicht nur „Platte“, also geprägt durch Großsiedlungen aus DDR-Zeiten, sondern durchaus auch durch Eigenheimsiedlungen, in denen die CDU teilweise gewinnen konnte. Im Wahlkreis 1 jedoch, wo Hermenau wohnt – und wo sich im Laufe des Gesprächs mit dem Reporter noch andere AfD-Wähler einfinden und lautstark mitreden –, hat der AfD-Kandidat Gunnar Lindemann mit mehr als 30 Prozent Erststimmenanteil sogar ein Direktmandat geholt. Aus dem Stand. Am Sonntagabend bedankte Lindemann sich auf Facebook für das Vertrauen seiner Wähler. Viel tun musste er dafür wohl nicht.

          „Die Straßen sind kaputt, und keiner tut was“

          Hermenau kennt Lindemann nicht persönlich, am Wahlkampfstand an der Niemegker Straße hat er ihn neulich mal gesehen. Aber das ist ihm nicht so wichtig, er will, „dass sich was ändert“. „Schauen sie sich um“, sagt er. „Die Straßen sind kaputt, und keiner tut was.“ Seine Tochter absolviert zurzeit eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem nahegelegenen Supermarkt, aber der mache „wahrscheinlich demnächst sowieso zu“. Sein Enkel – „der bekommt keinen Kitaplatz“. Kiezthemen über Kiezthemen, doch dann schlägt Hermenau doch den Bogen ins Kanzleramt: „Und dann sieht man, was die Politik alles für die Flüchtlinge tut. Wobei ich nichts gegen die Flüchtlinge habe – aber die Gewichtung ist falsch: Man tut nichts für Einheimische.“

          Hier, am nordöstlichen Rand Berlins, haben die Wähler bei 61 Prozent Wahlbeteiligung zu rund 23 Prozent ihr Kreuz bei der AfD gemacht.
          Hier, am nordöstlichen Rand Berlins, haben die Wähler bei 61 Prozent Wahlbeteiligung zu rund 23 Prozent ihr Kreuz bei der AfD gemacht. : Bild: dpa

          Zumindest sind die Probleme des Stadtteils mit dem bloßen Auge erkennbar. Die Niemegker Straße ist typisch für diesen Teil Marzahn-Hellersdorfs: eine lange Straße, umrahmt von riesigen Plattenbauten, zwischendrin jahrzehntealte Einkaufspassagen mit teils erheblichem Leerstand. Mehr als 250.000 Menschen leben hier im Bezirk mit neun Stadtteilen, in denen die Linke traditionell stark ist. Bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag allerdings musste sich die Partei erstmals geschlagen geben, wenn auch denkbar knapp mit 23,5 Prozent zu den 23,6 Prozent der AfD beim Zweitstimmenanteil.

          Der große Wahlsieger, die AfD, ist an diesem Tag nur schwer zu erreichen. Lindemann, ein Eisenbahner, der sich am Sonntag das Direktmandat geholt hat, ist am Montag nicht zu sprechen – er arbeitet, wie die meisten anderen AfD-Leute im Bezirk. Immerhin Jeanette Auricht geht ans Telefon, AfD-Kandidatin für den Marzahn-Hellersdorfer Bezirk 5, die es in ihrem eher bürgerlich geprägten Wahlkreis nicht geschafft hat, den vergleichsweise prominenten CDU-Kandidaten und Senator Mario Czaja ernsthaft zu gefährden. Die kaufmännische Angestellte hat nicht viel Zeit, aber eine Meinung zu Herrn Lindemanns Sieg: „Schauen Sie sich den Wahlkreis von Herrn Lindemann an, die hohe Arbeitslosigkeit und die kaputte Infrastruktur“, sagt sie, muss dann aber schnell auflegen, weil ihr jemand im Hintergrund offenbar Dampf macht. „Wir arbeiten heute, wir sind keine Berufspolitiker“, sagt sie noch und lacht, dann ist das Gespräch zu Ende.

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