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Fragen an Wahlforscher Faas : Warum hat die CSU nach der Hochrechnung noch zugelegt?

Thorsten Faas, Wahlforscher und Professor für Politische Soziologie an der FU Berlin Bild: Foto Peter Pulkowski

Wie die CSU das ganz große Debakel verhindern konnte – und vom komplexen Wahlrecht profitiert hat. Vier Fragen an den Wahlforscher Thorsten Faas.

          Herr Faas, zwischen der Prognose um 18 Uhr und den späteren Hochrechnungen lagen mehr als zwei Prozentpunkte für die CSU. Woran lag das? 

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Das ist in der Tat bemerkenswert, denn eigentlich sind die 18-Uhr-Prognosen immer extrem präzise. Dafür werden tausend Menschen vor dem Wahllokal befragt, zufällige Fehler kann es da kaum geben. Hinzu kommt dieses Mal ein besonderes Muster: CSU unterschätzt, Grüne überschätzt – das ist ungewöhnlich. Ein Problem sozialer Erwünschtheit bei dieser Wahltagsbefragung kann ich hier nicht erkennen. Die AfD wurde nicht unterschätzt, was bei früheren Prognosen der Fall war, sondern sogar leicht überschätzt. Ich kann mir das eigentlich nur durch den hohen Briefwahlanteil erklären, denn der bereitet Demoskopen am Wahltag natürlich Probleme.

          Die SPD hat trotz deutlich gestiegener Wahlbeteiligung fast 10.000 Stimmen an Nichtwähler verloren – das ist ungewöhnlich. Woran könnte das liegen? 

          Die SPD hat in erster Linie an die Grünen Stimmen verloren. Aber richtig ist: Der SPD ist es überhaupt nicht gelungen, von der gestiegenen Mobilisierung – infolge gestiegener Zuspitzung und Polarisierung – zu profitieren, was das Problem der SPD auf den Punkt bringt. Sie kam in diesem Wahlkampf eigentlich kaum vor, die Debatten haben andere geführt und geprägt.

          Ein hoher Anteil der Wähler hat sich sehr kurzfristig entschieden. In der Gruppe schneidet die CSU gut ab. Hat Markus Söder in den letzten Tagen vor der Wahl Boden gutmachen können? 

          Vor ein paar Tage hätte man erwarten können, dass die CSU noch tiefer rutscht, denn da gingen die Zahlen stetig nach unten, es gab gab kein Momentum. Das Szenario einer Regierung ohne Beteiligung der CSU mag da geholfen haben, noch einmal aufzuholen. Allerdings gibt es auch einen Befund, der gegen diese Interpretation spricht: Dass die Prognose um 18 Uhr niedriger lag als das letztliche Ergebnis, deutet darauf hin, dass der CSU vor allem die Stimmen der Briefwähler am Ende noch einmal geholfen haben. Außerdem sollte man das komplexe Wahlsystem als wichtigen Faktor nicht unterschätzen: Es prämiert bekannte Kandidatinnen und Kandidaten und davon hat die CSU dann doch die meisten vor Ort. 

          Die Wahl wurde als Zeitenwende für die CSU beschworen. Gibt es eine Chance, dass sie die absolute Mehrheit zurückgewinnen könnte? 

          Diese Wahl zeigt: Es geht nicht nur um präzise inhaltliche Positionierungen, sondern auch um sogenannte Metaaspekte wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Authentizität. Das Anfachen der Flüchtlingsdebatte zu einem Zeitpunkt, als dieses Thema eigentlich keines mehr war, hat der CSU massive Glaubwürdigkeitsprobleme beschert, von der sie sich zumindest kurzfristig nicht mehr erholen konnte. Ob es ihr in Zukunft gelingt, das Vertrauen zurückzugewinnen, kann man im Moment nicht abschätzen.

          Thorsten Faas ist Wahlforscher und Professor für Politische Soziologie an der FU Berlin.

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