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Wahlkampf in Bayern Abstimmung mit den Füßen

Seehofer contra Ude: Im Bierzelt auf dem Gillamoos liefern sich Bayerns Ministerpräsident und sein SPD-Herausforderer einen verbalen Schlagabtausch. Dem CSU-Chef kommt Widerspruch beim Thema Maut gerade recht, Münchens Oberbürgermeister dagegen wirkt schon resigniert.

© dpa Vergrößern Ministerpräsident Horst Seehofer beim politischen Gillamoos-Frühschoppen, mit seiner Frau Karin und dem Landtagsabgeordneten Martin Neumeyer (l, CSU)

In Bayern hat sich schon weit vor Einführung von Fernsehduellen eine eigenständige Form des öffentlichen Schlagabtauschs etabliert: der Gillamoos. Dieses spätsommerliche Hochamt der politischen Auseinandersetzung wird sozusagen im Kraftzentrum des Freistaats abgehalten, in der Hallertau, dem größten Hopfenanbaugebiet der Welt. Wenn dort Anfang September die reifen Dolden geerntet werden, vermählen sich auf der Gillamoos-Wiese Brauchtum, Geschäftssinn und Politik mit der Einsicht, dass ein deftiger Wettstreit eine Freude bereiten kann.

Reinhard Bingener Folgen:  

Auch Ernst Schwertl, 75 Jahre alt und aus Mainburg, teilt diese Auffassung. Ein Fernsehduell wie am Sonntagabend hält der freundliche Mann mit der Wolljacke für „einen Krampf“. Begründung: „Das gegenseitige Abtasten“ im Fernsehen sei „ein Schmarrn“. Schwertl meint: „Es soll jeder seine Meinung sagen und dann ist es gut.“

Der Gillamoos ist da ganz nach seinem Geschmack. Das Personal der Parteien tritt dort zur gleichen Zeit am Vormittag in dicht beieinander gelegenen Bierzelten gegeneinander an. Aufwendige demoskopische Erkundungen des Gewinners werden damit obsolet; das Volk stimmt mit den Füßen ab. Knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl am 15. September verteilt sich das Interesse dabei höchst ungleich.

Seehofer Gillamoss © REUTERS Vergrößern Horst Seehofer: „Wir sind zäh, wir sind hartnäckig“

Bei der FDP und den Grünen sind es nur zwischen 100 und 200 Zuhörer. Ein paar mehr Leute wollen dabei sein, wenn der Vorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, ein „ganz klares Nein zu Gen- und Hormonfleisch aus Amerika“ verkündet und dagegen wettert, dass „deutsche Arbeiter auf Billigkonkurrenz zu den Chinesen“ gesetzt würden.

Herr Schwertl aus Mainburg verspricht sich die meiste Spannung bei der CSU, die etwa 4000 Leute im Zelt versammelt. Sein Maßkrug ist schon halbleer, als um kurz nach zehn Uhr der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zu den Klängen des Bayerischen Defiliermarschs in das prall gefüllte Zelt einmarschiert. Schwertl ist gespannt auf die Reaktion des CSU-Vorsitzenden auf die öffentliche Abfuhr, die ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel am Vorabend im Fernsehen in Sachen Pkw-Maut erteilt hat.

Die Maut - das Thema des Tages

Obwohl das Wort Pkw-Maut lange nicht fällt, ist Seehofers Auftritt ganz und gar auf das Thema zugeschnitten. Die Abfuhr scheint dem CSU-Vorsitzenden nicht gänzlich ungelegen zu kommen. Denn Widerspruch, komme er nun von der Opposition, von der FDP oder von der Kanzlerin und Vorsitzenden der Schwesterpartei, gibt einem CSU-Vorsitzenden auch stets die Gelegenheit, die Eigenständigkeit seiner Partei herauszuarbeiten. „Mir san mir und uns kann keiner was sagen“, intoniert Seehofer also zu Beginn. „Was uns von anderen Stämmen außerhalb Bayerns unterscheidet: Wir sind zäh, wir sind hartnäckig.“ Beim Betreuungsgeld. Oder bei der Mütterrente. „Auch da habe ich ganz allein begonnen“, jetzt stehe sie auch im Programm der CDU, frohlockt Seehofer.

Damit ist der Weg bereitet für das Thema des Tages. Denn der Gillamoos ist der Ort, wo Seehofer sich all jene Kritiker vornimmt, die in den vergangenen Wochen verbreiteten, in der CSU habe man wohl nicht bedacht, dass eine Pkw-Maut nur für Ausländer nicht mit EU-Recht vereinbar sei. „Wir haben uns natürlich überlegt, wie man das anstellen kann“, sagt Seehofer nun. Die Ausländer sollen zahlen - und die Inländer sollen bei der Zahlung der Kfz-Steuer ein „Pickerl“ für die Windschutzscheibe erhalten als Zeichen, dass die Maut schon bezahlt ist. Applaus des erleichterten Publikums, das sich zumindest kurzzeitig befreit fühlt von der Furcht, dass Seehofers Vorstoß dazu führen könnte, dass nicht nur Ausländer, sondern auch sie selbst zur Kasse gebeten werden könnten.

Der Herausforderer wirkt müde

Hundert Schritte weiter blickt Seehofers Herausforderer, der SPD-Spitzenkandidat Christian Ude, in ein großes, gut gefülltes Zelt. Doch der Applaus ist müde, und auch die Attacken des Münchner Oberbürgermeisters waren schon einmal frischer. Ude liegt in den Umfragen weit hinten. Und selbst wenn er Erfolg hätte, müsste er mit den Freien Wählern zusammenarbeiten, mit denen die SPD inhaltlich wenig verbindet.

Volksfest Gillamoos © dpa Vergrößern Münchner Oberbürgermeister Christian Ude neben dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (Mitte l.): „Mitverantwortung der Wähler“

Am Gillamoos schimmert bei Ude an manchen Stellen Resignation durch. „Unser Problem ist, dass die Menschen für den Mindestlohn sind, aber bei der Wahl sagen: Da wählen wir, wie es Brauch ist.“ Der SPD-Spitzenkandidaten Ude folgert aus diesem für ihn unangenehmen Gedanken einen weiteren, ähnlichen: Wenn alle Affären der CSU über Jahrzehnte folgenlos bleiben, dann „gibt es auch eine Mitverantwortung der Wähler“.

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Quelle: F.A.Z.

 
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