Home
http://www.faz.net/-gpf-7h7tu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

TV-Duell Der Hirschfänger bleibt in der Lederhose

Im herrlichsten aller Herren Länder haben sich der „Herr Ministerpräsident“ Seehofer und sein „Herausforderer“ Ude ein Duell nach allen Regeln der Zunft geliefert. Und natürlich war es in Bayern aufregender und bedeutsamer als das Kanzlerduell Merkel-Steinbrück.

© REUTERS Vergrößern Zwei Kandidaten in Schuluniform: der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und der der bayerische SPD-Vorsitzende Christian Ude (rechts)

Was ist bloß mit den Bayern los? Da treffen die Spitzenkandidaten von CSU und SPD, der Seehofer Horst und der Ude Christian, im Fernsehen aufeinander – und es geht zu wie auf einem Evangelischen Kirchentag. Keine Kraftworte, kein Auftrumpfen, kein Spott! Statt dessen zwei ältere Herren, die zwar pflichtgemäß ihre Rollen spielen – der „Herr Ministerpräsident“ und der „Herausforderer“ – , aber der Hirschfänger bleibt in der Lederhose, strikt metaphorisch gesehen. Ja, die Lederhose bleibt überhaupt in der Requisitenkammer: Seehofer und Ude steckten bei ihrem „TV-Duell“ im Bayerischen Rundfunk (BR) in einer Art Schuluniform – schwarzer Anzug, weißes Hemd, blaue Krawatte. Nur beim Schuldirektor, sprich dem Moderator Sigmund Gottlieb, dem Chefredakteur des BR-Fernsehens, durfte es bei Anzugfarbe und Krawatte ein wenig lebendiger zugehen.

Albert Schäffer Folgen:    

Apropos Moderator: Was ist bloß mit dem Bayerischen Fernsehen los? Früher brauchte dort kein CSU-Politiker Angst zu haben, in Feindesland zu geraten. Jetzt musste sich der „Herr Ministerpräsident“ von Gottlieb vorhalten lassen, die CSU-geführten Regierungen hätten den Ausbau schneller Internetverbindungen verschlafen. Früher hätte Gottlieb danach fest darauf vertrauen dürfen, seine BR-Karriere mit einer Korrespondentenstelle  in Hinterpfuideifi krönen zu können. Doch tempi passati – das „Duell“, wie die TV-Dämmerschoppen vor Wahlen heißen, wurde sogar mit einer Frage nach der PKW-Maut für Ausländer begonnen. Zum Eintrittsgeld auf Autobahnen ist zwar alles von allen gesagt, von der Kanzlerin bis zu Seehofer; in der Zeit bis zu den Wahltagen in München und Berlin darf aber die Wiederholungstaste gedrückt bleiben.

Mit den „Großen“ wippen

Sattsam dürfte Zuschauern jenseits der bayerischen Staatsgrenzen auch bekannt sein, dass sie in ein Art Dritten Welt leben, während in Bayern alles famos ist – im Landesidiom „bretzig“. Seehofer stimmte dennoch immer wieder die CSU-Litanei an, bei welchen Ländervergleichen Bayern auf dem ersten Platz liege, von ein paar Ausreißern abgesehen, da wäre man aber auf dem zweiten Platz. Ude blieb nichts anderes übrig, als das berühmte Funkeln seiner Knopfaugen anzuwerfen und in seinem unvergleichlichen Ude-Stakkato – jede Silbe wird erbarmungslos betont, Pardon wird nicht gegeben – anzukündigen, dass es mit seiner SPD irgendwie gerechter zugehen werde. Es soll also nur noch Sieger im Siegerland Bayern geben –selbst in den Reihen der  SPD, der die Demoskopen prophezeien, dass sie am 15. September wieder unter zwanzig Prozent bleiben könnte.

So gesehen war es für Ude herrlich, dass er als Kandidat einer „großen“ Partei hinter dem Rednerpult wippen durfte – und nicht zu den „kleinen“ Parteien FDP, Freie Wähler und Grüne strafversetzt wurde, die sich erst an diesem Donnerstagabend im BR präsentieren dürfen. Allerdings wäre ein „Duell“ mit nur einem Duellanten, nämlich Seehofer, auch langweilig gewesen – auch wenn ein solches Selbstgespräch die politische Realität in Bayern recht gut abgebildet hätte. Ja, ja, die Langeweile: Der BR gab sein Bestes, nach dem „Duell“ in einer weiteren Sendung zu suggerieren, wie wahnsinnig spannend, aufregend, belebend die Seehofer-Ude-Plauderei gewesen sei – mit zwei aufgekratzten Moderatoren, die mit dem Mikrofon zwischen johlenden CSU- und SPD-Anhängern hin und her hupften; ein paar unentschlossene Wähler hatten die Requisiteure auch nicht vergessen.

Lob der üblichen Verdächtigen

Und natürlich fehlten nicht die üblichen Verdächtigen, darunter der CSU-Veteran Wilfried Scharnagl, der knurrte, er habe Seehofer und Ude nicht immer gehört, weil in den Fankurven so ein Lärm geherrscht habe. Was er gehört hatte, reichte Scharnagl aber natürlich aus, Seehofer den Siegeslorbeer aufs Haupt zu drücken. Der BR hatte keine Mühen gescheut, sogar einen „Berliner Professor“, idealtypisch verkörpert von dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz, zur Nachbereitung zu holen. Bolz ließ brav wissen, die weiß-blaue Debatte sei besser gewesen als das „Kanzlerduell“ mit Angela Merkel und Peer Steinbrück – wie hätte es auch anders sein sollen, ist doch in Bayern alles besser. Was in Bayern „die Menschen“, wie die BR-Hupfdohlen sie immerzu nannten, aber dennoch gerne hören, auch und gerade von einem „Berliner Professor“.

Die CSU, seit sie nicht mehr alleine regiert, ist aber misstrauisch geworden – sie feuerte so schnell es nur ging, eine Umfrage im Internet ab, dass Seehofer Ude „62 zu 26“ geschlagen habe. Dieses sensationelle Torverhältnis schrieb sie einer Umfrage zu, die „unmittelbar im Anschluss ans TV-Duell“ stattgefunden habe, voll „repräsentativ“ selbstverständlich. Und da hätten 62 Prozent Seehofer und nur 26 Prozent Ude als „Sieger“ gesehen

Die SPD trommelte natürlich auch sofort los, dass Ude „überzeugt“ habe; auf Facebook kam ein weiterer „Berliner“ zu Wort: Klaus Wowereit durfte kundtun, dass Ude gezeigt habe, dass er „der bessere Ministerpräsident“ wäre. Die Bayern, so Spitze sie überall sind, halten sich also doch an die medialen Rituale der Republik: Während der Sendung muss der Spitzenkandidat ganz brav, ganz angepasst, ganz unaufgeregt sein – bloß kein falsches Wort, keine falsche Geste, keine falsche Krawatte.  Aber danach muss er sich eilends das Supermann-Leiberl überstreifen – auch wenn es schon ein wenig eng sitzt.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bayerischer Ministerpräsident Seehofer will nicht vorzeitig das Feld räumen

Zehn Jahre Ministerpräsident von Bayern, so wie vor ihm Franz Josef Strauß - das ist das Ziel von Horst Seehofer. Vor der nächsten Wahl 2018 will er nicht abtreten. Mehr

26.04.2015, 10:25 Uhr | Politik
Bayern Seehofer will keine Personaldiskussion

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer beteuerte auf der CSU-Klausurtagung in Wildbad Kreuth keine Personaldiskussion um seine Nachfolge 2018 zu wollen. Mehr

08.01.2015, 09:47 Uhr | Politik
3:2 in Freiburg Mainz entledigt sich der größten Abstiegssorgen

Der SC Freiburg bleibt der Lieblingsgegner der 05er: Zum neunten Mal in Folge konnte der Sport-Club in der Bundesliga nicht gegen die Mainzer gewinnen. Mit dem 3:2-Sieg verabschiedet sich das Team von Trainer Schmidt aus dem Tabellenkeller. Mehr Von Roland Zorn, Freiburg

18.04.2015, 17:36 Uhr | Sport
Seehofer gegen Gabriel Parteichefs teilen zum politischen Aschermittwoch aus

SPD-Chef Sigmar Gabriel und CSU-Boss Horst Seehofer haben sich in Bayern einen Schlagabtausch geliefert. Sorgen wegen der politische Konkurrenz macht man sich in der CSU dabei nicht. Manche Dinge in Bayern haben sich eben seit Jahrzehnten kaum verändert. Mehr

18.02.2015, 17:56 Uhr | Politik
ABB-Chef Ulrich Spiesshofer Unsere Roboter verdrängen keine Arbeiter

Yumi heißt sein neues Baby: Ulrich Spiesshofer, ist begeistert vom neuen Roboter seines Schweizer Konzerns ABB, der besonders gut mit Menschen kann. Angst brauchen Arbeitnehmer vor ihm nicht zu haben. Mehr Von Georg Meck

17.04.2015, 14:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.09.2013, 09:45 Uhr

Das wachsende Kindergeld

Von Florentine Fritzen

Die Politik kann Eltern und Kindern den Alltag erleichtern. Aber die Erfahrung lehrt: Der Staat gründet keine Familien. Mehr 3

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden