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TV-Duell Der Hirschfänger bleibt in der Lederhose

 ·  Im herrlichsten aller Herren Länder haben sich der „Herr Ministerpräsident“ Seehofer und sein „Herausforderer“ Ude ein Duell nach allen Regeln der Zunft geliefert. Und natürlich war es in Bayern aufregender und bedeutsamer als das Kanzlerduell Merkel-Steinbrück.

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Was ist bloß mit den Bayern los? Da treffen die Spitzenkandidaten von CSU und SPD, der Seehofer Horst und der Ude Christian, im Fernsehen aufeinander – und es geht zu wie auf einem Evangelischen Kirchentag. Keine Kraftworte, kein Auftrumpfen, kein Spott! Statt dessen zwei ältere Herren, die zwar pflichtgemäß ihre Rollen spielen – der „Herr Ministerpräsident“ und der „Herausforderer“ – , aber der Hirschfänger bleibt in der Lederhose, strikt metaphorisch gesehen. Ja, die Lederhose bleibt überhaupt in der Requisitenkammer: Seehofer und Ude steckten bei ihrem „TV-Duell“ im Bayerischen Rundfunk (BR) in einer Art Schuluniform – schwarzer Anzug, weißes Hemd, blaue Krawatte. Nur beim Schuldirektor, sprich dem Moderator Sigmund Gottlieb, dem Chefredakteur des BR-Fernsehens, durfte es bei Anzugfarbe und Krawatte ein wenig lebendiger zugehen.

Apropos Moderator: Was ist bloß mit dem Bayerischen Fernsehen los? Früher brauchte dort kein CSU-Politiker Angst zu haben, in Feindesland zu geraten. Jetzt musste sich der „Herr Ministerpräsident“ von Gottlieb vorhalten lassen, die CSU-geführten Regierungen hätten den Ausbau schneller Internetverbindungen verschlafen. Früher hätte Gottlieb danach fest darauf vertrauen dürfen, seine BR-Karriere mit einer Korrespondentenstelle  in Hinterpfuideifi krönen zu können. Doch tempi passati – das „Duell“, wie die TV-Dämmerschoppen vor Wahlen heißen, wurde sogar mit einer Frage nach der PKW-Maut für Ausländer begonnen. Zum Eintrittsgeld auf Autobahnen ist zwar alles von allen gesagt, von der Kanzlerin bis zu Seehofer; in der Zeit bis zu den Wahltagen in München und Berlin darf aber die Wiederholungstaste gedrückt bleiben.

Mit den „Großen“ wippen

Sattsam dürfte Zuschauern jenseits der bayerischen Staatsgrenzen auch bekannt sein, dass sie in ein Art Dritten Welt leben, während in Bayern alles famos ist – im Landesidiom „bretzig“. Seehofer stimmte dennoch immer wieder die CSU-Litanei an, bei welchen Ländervergleichen Bayern auf dem ersten Platz liege, von ein paar Ausreißern abgesehen, da wäre man aber auf dem zweiten Platz. Ude blieb nichts anderes übrig, als das berühmte Funkeln seiner Knopfaugen anzuwerfen und in seinem unvergleichlichen Ude-Stakkato – jede Silbe wird erbarmungslos betont, Pardon wird nicht gegeben – anzukündigen, dass es mit seiner SPD irgendwie gerechter zugehen werde. Es soll also nur noch Sieger im Siegerland Bayern geben –selbst in den Reihen der  SPD, der die Demoskopen prophezeien, dass sie am 15. September wieder unter zwanzig Prozent bleiben könnte.

So gesehen war es für Ude herrlich, dass er als Kandidat einer „großen“ Partei hinter dem Rednerpult wippen durfte – und nicht zu den „kleinen“ Parteien FDP, Freie Wähler und Grüne strafversetzt wurde, die sich erst an diesem Donnerstagabend im BR präsentieren dürfen. Allerdings wäre ein „Duell“ mit nur einem Duellanten, nämlich Seehofer, auch langweilig gewesen – auch wenn ein solches Selbstgespräch die politische Realität in Bayern recht gut abgebildet hätte. Ja, ja, die Langeweile: Der BR gab sein Bestes, nach dem „Duell“ in einer weiteren Sendung zu suggerieren, wie wahnsinnig spannend, aufregend, belebend die Seehofer-Ude-Plauderei gewesen sei – mit zwei aufgekratzten Moderatoren, die mit dem Mikrofon zwischen johlenden CSU- und SPD-Anhängern hin und her hupften; ein paar unentschlossene Wähler hatten die Requisiteure auch nicht vergessen.

Lob der üblichen Verdächtigen

Und natürlich fehlten nicht die üblichen Verdächtigen, darunter der CSU-Veteran Wilfried Scharnagl, der knurrte, er habe Seehofer und Ude nicht immer gehört, weil in den Fankurven so ein Lärm geherrscht habe. Was er gehört hatte, reichte Scharnagl aber natürlich aus, Seehofer den Siegeslorbeer aufs Haupt zu drücken. Der BR hatte keine Mühen gescheut, sogar einen „Berliner Professor“, idealtypisch verkörpert von dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz, zur Nachbereitung zu holen. Bolz ließ brav wissen, die weiß-blaue Debatte sei besser gewesen als das „Kanzlerduell“ mit Angela Merkel und Peer Steinbrück – wie hätte es auch anders sein sollen, ist doch in Bayern alles besser. Was in Bayern „die Menschen“, wie die BR-Hupfdohlen sie immerzu nannten, aber dennoch gerne hören, auch und gerade von einem „Berliner Professor“.

Die CSU, seit sie nicht mehr alleine regiert, ist aber misstrauisch geworden – sie feuerte so schnell es nur ging, eine Umfrage im Internet ab, dass Seehofer Ude „62 zu 26“ geschlagen habe. Dieses sensationelle Torverhältnis schrieb sie einer Umfrage zu, die „unmittelbar im Anschluss ans TV-Duell“ stattgefunden habe, voll „repräsentativ“ selbstverständlich. Und da hätten 62 Prozent Seehofer und nur 26 Prozent Ude als „Sieger“ gesehen

Die SPD trommelte natürlich auch sofort los, dass Ude „überzeugt“ habe; auf Facebook kam ein weiterer „Berliner“ zu Wort: Klaus Wowereit durfte kundtun, dass Ude gezeigt habe, dass er „der bessere Ministerpräsident“ wäre. Die Bayern, so Spitze sie überall sind, halten sich also doch an die medialen Rituale der Republik: Während der Sendung muss der Spitzenkandidat ganz brav, ganz angepasst, ganz unaufgeregt sein – bloß kein falsches Wort, keine falsche Geste, keine falsche Krawatte.  Aber danach muss er sich eilends das Supermann-Leiberl überstreifen – auch wenn es schon ein wenig eng sitzt.

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