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Interview mit Ursula Münch : Warum die Zugezogenen für die CSU zum Problem werden

Zwischen Tradition und Moderne: Markus Söder muss verschiedenste Wähler ansprechen. Bild: dpa

Kurz vor der Landtagswahl in Bayern sind die Umfragewerte der CSU im Keller. Was haben der Zuzug aus anderen Bundesländern und Dankbarkeit damit zu tun? Und welche Rolle spielen die Grünen? Ein Gespräch mit Politikprofessorin Ursula Münch.

          Frau Münch, in Bayern steht die Landtagswahl kurz bevor. Die CSU liegt in den Umfragen nur noch bei 33 Prozent. 2003 holte sie unter Edmund Stoiber noch 60,7 Prozent.

          Stimmt. Aber das war nur auf dem Papier ein gutes Ergebnis. Wenn Sie den absoluten Stimmenanteil anschauen, dann sehen Sie: Schon damals waren es weniger Wähler als zuvor. Das gute Ergebnis kam nur aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung zustande.

          Und trotzdem schien für die Christsozialen die Welt in Ordnung zu sein. Mittlerweile ist Edmund Stoiber Ehrenvorsitzender der Partei. Jüngst sagte er in einem Interview mit dieser Zeitung, seine Partei leide unter den vielen Zugezogenen aus den anderen Bundesländern. Sie hätten keine natürliche Bindung zur CSU.

          Die Diagnose von Stoiber ist richtig.

          Aus Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik haben wir errechnet, dass seit der Wahl 2003 1,6 Millionen Menschen aus den anderen Bundesländern nach Bayern gezogen sind, mit Stand 2016.

          Bayern ist ein Zuwanderungsland. Vor allem die Ballungsgebiete verändern sich. Im Grunde ist es dem Erfolg Bayerns geschuldet. Alle bayerischen Ministerpräsidenten haben das in den vergangenen Jahren hervorgehoben. Bayern sei ein solch wirtschaftlich prosperierendes Land, dass viele hierhin ziehen. Und dann freut man sich immer, weil man den Zuzug von Arbeitskräften ja massiv benötigt.

          Glaubt, dass sich die CSU noch ein bisschen erholt: Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung

          Eine Freude, die nicht lange währt.

          Nun ja, logischerweise kommen da in erster Linie gut ausgebildete Leute. Da kommen Jüngere, da kommen dann auch viele Menschen aus den sogenannten neuen Ländern, die weder durch Bayern geprägt sind noch eine konfessionelle Zugehörigkeit haben.

          Ist Religion denn so entscheidend?

          Aber ja. Wir hatten früher einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Konfessionsangehörigen. Da ist Bayern schon immer herausgestochen. Wenn wir uns die Partei- und die Wahlstudien ansehen, beobachten wir, dass die CSU einen hohen Anteil an konfessionszugehörigen Mitgliedern in der Partei hatte. Vor allem Katholiken. Man weiß auch, dass das Wahlverhalten durchaus etwas mit Konfessionszugehörigkeit, vor allem aber mit dem Kirchgang zu tun hat. Da bestehen Zusammenhänge.

          Und die sind nicht mehr so stark ausgeprägt?

          Nicht so sehr wie früher. Der Rückgang der konfessionellen Wählerschaft ist unter anderem auf den Zuzug aus anderen Teilen Deutschlands zurückzuführen. Insofern ändert sich tatsächlich etwas an der soziodemografischen Zusammensetzung.

          Dennoch: Bayern geht es sehr gut. Die Arbeitslosigkeit liegt bei unter drei Prozent.

          Natürlich hatte die CSU die Hoffnung, dass die Zugezogenen diesen wirtschaftlichen Erfolg des Freistaats auch der CSU zuschreiben und sich in ihre Wählerschaft einreihen. Dass es irgendwann mal überschwappt.

          Das ist aber nicht passiert.

          Erschwerend kommt die zunehmenden Volatilität des Wahlverhaltens hinzu. Sie hat zur Folge, dass die Wählerschaft, vor allem die Zugezogenen, bei einem gewissen Unbehagen gegenüber der Partei schneller bereit ist, auch die Wählerpräferenz zu ändern. Das war früher, in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren noch nicht so ausgeprägt. Aber auch alte Bindungen sind etwas, das man durchaus mal beiseite stellt. Worunter die CSU leidet, ist, dass sich das Dankbarkeitsverhalten der Wählerschaft verändert.

          Das heißt?

          Die Sicht der CSU ist die: Die Wähler sind nicht per se für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes der regierenden Partei dankbar. Sie nehmen die Vorteile dieses prosperierenden Staates zur Kenntnis, sie profitieren gerne davon; und trotzdem liebäugeln sie mit den Grünen oder den Freien Wählern. Das findet die CSU zutiefst ungerecht. Aber so ist der Lauf der Welt. Bindungen lassen nach.

          Die Partei steht also vor einer großen Herausforderung.

          Es ist ein unheimlicher Spagat, zwischen Laptop und Lederhose.

          Zwischen den Alteingesessenen und den Neubayern.

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