http://www.faz.net/-gpf-8ekbd

Winfried Kretschmann : Landesvater bis zur Schmerzgrenze

Konzentriert: Winfried Kretschmann, Spitzenkandidat der baden-württembergischen Grünen Bild: Helmut Fricke

Am Sonntag könnte Kretschmann ein Volksparteienergebnis mit seinen Grünen in Baden-Württemberg erzielen. Sein Pragmatismus ist Teil des Erfolgs. Und das größte Problem: Kretschmann hat kein Projekt für die Zukunft.

          Winfried Kretschmann wäre jetzt am richtigen Ort, um einmal über Zäune zu reden. In einer Halle im badischen Walldorf lagern grüne Sichtschutzzäune und riesige Maschendrahtrollen, im Fachjargon heißen sie „Vierkantgeflechtzäune“. Horst Seehofer würde in einem solchen Moment wahrscheinlich über Obergrenzen dozieren. Kretschmann lässt sich lieber die computergesteuerte Lagerhaltung erklären. Er unterstützt in der Flüchtlingskrise ja die Bundeskanzlerin und verkneift sich jede Bemerkung über Grenzen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Die familiengeführten Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, ich möchte einfach wissen, welche Wünsche Sie an die Politik haben.“ Kretschmann will im Wahlkampf noch einmal zeigen, dass die Grünen die Interessen der Wirtschaft genauso gut vertreten können wie die CDU früher. Es folgt ein Gang über den Werkshof, Fachsimpelei über das Verzinken von Zaunmatten. Stefan Baumgärtner,  Geschäftsführer der Firma, erklärt, wie wichtig auch für seinen Betrieb die Digitalisierung und ein schneller Breitbandanschluss sind. Nur so sei es möglich, die Zäune innerhalb von vier Tagen zu liefern. „Das nehme ich mit“, sagt Kretschmann.

          „In der Krise gehe ich auf Konsens“: Kretschmann beim Wahlkampf in Walldorf

          In einem auf Produktfotografie spezialisierten Fotostudio in Pforzheim sind die Diskussionen ähnlich. Bits, Bytes, internationaler Wettbewerb. In dem Studio werden für den „Distanzhandel“, also Internet-Versender, Tausende Katalogfotos gemacht, aber auch Werbebilder für hochwertige Uhren. Kretschmann hört geduldig zu, erzählt von seinem Besuch im Silicon Valley und  besichtigt die Lagerhallen und die abgedunkelten Räume, in denen die Fotos bearbeitet werden. „Wir schicken die Dateien teilweise nach Hanoi zur Bearbeitung, die Endbearbeitung machen wir wieder hier.

          Sprechen ist bei Kretschmann Ausdruck des Gedenkens

          Der Preisdruck steigt durch die Digitalisierung enorm. Ohne schnelles Glasfasernetz sind wir tot“, sagt Thorsten Gieske, der Unternehmensgründer. Das Glasfaserkabel hätten sie für 20.000 Euro selbst in Auftrag gegeben. „Das Wort Telekom kann von uns niemand mehr hören“, sagt Gieske. „Ist wenigstens die Stadt Pforzheim dran, es kann doch nicht sein, dass man damit kein Geld verdienen kann?“, fragt der Ministerpräsident fassungslos. Auf die Frage, ob der frühere Ministerpräsident Stefan Mappus, der aus Pforzheim stammt, sich das Fotostudio auch schon mal angeschaut habe, antwortet Gieske: „Der war nie bei uns. Und den lassen wir auch nicht rein.“

          Ach ja, Stefan Mappus. Wer den Aufstieg Winfried Kretschmanns in den vergangenen fünf Jahren zum „Philosophenkönig“, Deutschlands beliebtestem Ministerpräsidenten, verstehen will, muss sich an den 27. März 2011 erinnern, als Grüne und SPD die CDU nach 58 Jahren ablösten und die Grünen, fassungslos vor Glück, einem ehemaligen Oberstudienrat zujubelten.

          Der hatte ein Jahr  zuvor fast hingeschmissen, weil ihn die Prinzipienreiter in seiner Partei zur Weißglut gebracht hatten. Fukushima und Stuttgart 21 haben die Grünen an die Macht gebracht, aber wie konnten sie sich mit ihren 9000 Mitgliedern im einst konservativen Südwesten halten? Und wie kommt es, dass sie am Sonntag vielleicht ein Volksparteienergebnis erzielen könnten?

          Weitere Themen

          Was ist auf dem größten Campingplatz Europas los? Video-Seite öffnen

          Vor Venedig : Was ist auf dem größten Campingplatz Europas los?

          Der größte Campingplatz Europas liegt auf einer Landzunge vor Venedig. Die meisten der 12.000 Bewohner sind Deutsche. Manchen fehlt nur noch das Bestattungsinstitut. „Dann muss man hier gar nicht mehr runter.“

          Topmeldungen

          Die Bargeld-Entgelte sind bei vielen Banken inzwischen deutlich gestiegen.

          Bargeld-Entgelte : Vier Euro für Bargeld am Bankautomaten

          Sieben Jahre ist es her, dass das Bundeskartellamt die übertrieben hohen Bargeld-Entgelte an den Geldautomaten bemängelt hatte. Und was ist seither passiert?

          Italien und die Migranten : Hafenverbot für EU-Rettungsmission

          Italiens Regierung will künftig auch Schiffen von offiziellen EU-Rettungsmissionen im Mittelmeer verwehren, in italienische Häfen einzulaufen. Bislang galt das Anlegeverbot nur für private Seenotretter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.