Winfried Kretschmann wäre jetzt am richtigen Ort, um einmal über Zäune zu reden. In einer Halle im badischen Walldorf lagern grüne Sichtschutzzäune und riesige Maschendrahtrollen, im Fachjargon heißen sie „Vierkantgeflechtzäune“. Horst Seehofer würde in einem solchen Moment wahrscheinlich über Obergrenzen dozieren. Kretschmann lässt sich lieber die computergesteuerte Lagerhaltung erklären. Er unterstützt in der Flüchtlingskrise ja die Bundeskanzlerin und verkneift sich jede Bemerkung über Grenzen.
Autor: Rüdiger Soldt, Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
„Die familiengeführten Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, ich möchte einfach wissen, welche Wünsche Sie an die Politik haben.“ Kretschmann will im Wahlkampf noch einmal zeigen, dass die Grünen die Interessen der Wirtschaft genauso gut vertreten können wie die CDU früher. Es folgt ein Gang über den Werkshof, Fachsimpelei über das Verzinken von Zaunmatten. Stefan Baumgärtner, Geschäftsführer der Firma, erklärt, wie wichtig auch für seinen Betrieb die Digitalisierung und ein schneller Breitbandanschluss sind. Nur so sei es möglich, die Zäune innerhalb von vier Tagen zu liefern. „Das nehme ich mit“, sagt Kretschmann.
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„In der Krise gehe ich auf Konsens“: Kretschmann beim Wahlkampf in Walldorf
In einem auf Produktfotografie spezialisierten Fotostudio in Pforzheim sind die Diskussionen ähnlich. Bits, Bytes, internationaler Wettbewerb. In dem Studio werden für den „Distanzhandel“, also Internet-Versender, Tausende Katalogfotos gemacht, aber auch Werbebilder für hochwertige Uhren. Kretschmann hört geduldig zu, erzählt von seinem Besuch im Silicon Valley und besichtigt die Lagerhallen und die abgedunkelten Räume, in denen die Fotos bearbeitet werden. „Wir schicken die Dateien teilweise nach Hanoi zur Bearbeitung, die Endbearbeitung machen wir wieder hier.
Sprechen ist bei Kretschmann Ausdruck des Gedenkens
Der Preisdruck steigt durch die Digitalisierung enorm. Ohne schnelles Glasfasernetz sind wir tot“, sagt Thorsten Gieske, der Unternehmensgründer. Das Glasfaserkabel hätten sie für 20.000 Euro selbst in Auftrag gegeben. „Das Wort Telekom kann von uns niemand mehr hören“, sagt Gieske. „Ist wenigstens die Stadt Pforzheim dran, es kann doch nicht sein, dass man damit kein Geld verdienen kann?“, fragt der Ministerpräsident fassungslos. Auf die Frage, ob der frühere Ministerpräsident Stefan Mappus, der aus Pforzheim stammt, sich das Fotostudio auch schon mal angeschaut habe, antwortet Gieske: „Der war nie bei uns. Und den lassen wir auch nicht rein.“
Ach ja, Stefan Mappus. Wer den Aufstieg Winfried Kretschmanns in den vergangenen fünf Jahren zum „Philosophenkönig“, Deutschlands beliebtestem Ministerpräsidenten, verstehen will, muss sich an den 27. März 2011 erinnern, als Grüne und SPD die CDU nach 58 Jahren ablösten und die Grünen, fassungslos vor Glück, einem ehemaligen Oberstudienrat zujubelten.
Der hatte ein Jahr zuvor fast hingeschmissen, weil ihn die Prinzipienreiter in seiner Partei zur Weißglut gebracht hatten. Fukushima und Stuttgart 21 haben die Grünen an die Macht gebracht, aber wie konnten sie sich mit ihren 9000 Mitgliedern im einst konservativen Südwesten halten? Und wie kommt es, dass sie am Sonntag vielleicht ein Volksparteienergebnis erzielen könnten?
