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Veröffentlicht: 15.03.2016, 16:53 Uhr

Rechtspopulisten in Mannheim Wie die AfD eine SPD-Hochburg eroberte

Im Norden von Mannheim haben bei der Landtagswahl am Sonntag gut 30 Prozent der Wähler die rechtspopulistische AfD gewählt. Auf Spurensuche in einem ratlosen Viertel, das früher sozialdemokratisch geprägt war.

von , Mannheim
© Helmut Fricke Das SPD-Bürgerbüro im Mannheimer Stadtteil Schönau. In dem traditionell sozialdemokratischen Viertel hat überraschend ein AfD-Kandidat gewonnen.

Wieso ausgerechnet Mannheim? Diese Frage stellen sich viele, seit die AfD dort bei den Landtagswahlen am Sonntag eins von zwei Direktmandaten in Baden-Württemberg geholt hat.

Leonie Feuerbach Folgen:

In Pforzheim, wo die AfD das zweite Mandat holte, erzielten rechte Parteien schon lange hohe Wahlergebnisse. Mannheim aber ist eine multikulturelle Stadt mit geringer Arbeitslosigkeit. Nicht so schön wie das nahe gelegene Heidelberg, aber auch nicht so schmutzig und arm wie Ludwigshafen auf der anderen Seite des Rheins. Eine rauhe Arbeiterstadt mit gewissem Charme, einer lebendigen Musikszene, der Popakademie. Warum also Mannheim?

Auch Andrea Safferling fragt sich das. Sie ist Stadträtin und seit mehr als 30 Jahren bei der SPD engagiert. Schon doppelt so lange hat ihre Partei im Wahlkreis Mannheim Nord den Direktkandidaten gestellt. Noch 2011 hatte ihr Parteikollege Stefan Fulst-Blei mit 34 Prozent in Mannheim Nord das einzige SPD-Direktmandat Baden-Württembergs geholt. Jetzt hat er es – mit weniger als einem Prozentpunkt Rückstand – an den AfD-Mann Rüdiger Klos verloren.

Infostände und Bürgersprechstunden

Andrea Safferling ist 53 Jahre alt, hat eine Dauerwelle, rotlackierte Fingernägel und spricht in badischem Singsang. Sie ist im Norden Mannheims geboren, mag die Gegend, weil die Menschen hier „ihr Herz auf der Zunge“ tragen.

Betritt man das SPD-Bürgerbüro in Schönau, einem Viertel im Wahlkreis Mannheim Nord, hat man das Gefühl, die Zeit sei stehen geblieben. In dem kleinen Raum neben der Tierarztpraxis hängen Bilder von Willy Brandts Besuch im Viertel 1960.

Andrea Safferling - Der Mannheimer Stadtteil Schönau der SPD-Kommunalpolitikerin ging bei der baden-württembergischen Landtagswahl an die AfD verloren. © Helmut Fricke Vergrößern Andrea Safferling vor dem Bürgerbüro der SPD in Schönau. In dem Viertel herrscht Ratlosigkeit.

Hier gibt es noch Infostände und Bürgersprechstunden, die Menschen sprechen Safferling auf das Schlagloch vor der Tür an und darauf, warum die Frischfleischtheke bei Rewe schließen soll. Die Themen, sagt die Lokalpolitikerin, sind kaum andere als vor 30 Jahren, als sie in die Partei eintrat. Es ist ein bisschen so, als würde hier im Jahr 2016 noch ein Stück alte Bundesrepublik weiterleben. Deshalb kann sie einfach nicht verstehen, was am Sonntag passiert ist.

AfD-Mehrheit im Arbeiterviertel

30,1 Prozent der Wähler haben in Schönau dem AfD-Kandidaten Klos ihre Stimme gegeben. Schönau bildet mit sieben anderen Stadtteilen den Wahlkreis Mannheim Nord, der traditionell als sozialdemokratisch geprägtes Arbeiterviertel gilt. Gleichzeitig gibt es hier mehr Arbeitslose als im wohlhabenderen Süden der Stadt, die Wahlbeteiligung ist eher niedrig und es gibt viele Protestwähler. In Mannheim Nord haben am Sonntag 23 Prozent Klos gewählt.

In Schönau, wo Safferling lebt, war die Zustimmung zu Klos so hoch wie in keinem anderen Viertel. Schönau liegt auf einem Hügel nördlich des in Quadraten angeordneten Mannheimer Stadtzentrums. Nach dem Krieg bauten Deutsche und deutsche Flüchtlinge hier erste kleine Häuser, es kamen große Sozialbauten dazu, in den achtziger Jahren dann ein Neubaugebiet, das auch im Jahr 2016 noch so genannt wird.

Viele der Menschen, die hier wohnen, arbeiten in einem der zwischen Stadtzentrum und Norden der Stadt gelegenen Unternehmen wie Daimler, Alstom, dem Schweizer Pharmakonzern Roche oder dem kanadischen Zugbauer Bombardier.

2500 Arbeitsplätze gefährdet

In jüngster Zeit gab es schlechte Nachrichten aus der Industriestadt: General Electrics hat Alstom übernommen und will ein Werk in Mannheim schließen. Etwa 1000 Arbeitsplätze werden verloren gehen. Auch Bombardier streicht Stellen, ebenso der Möbelanbieter XXXL. Insgesamt sind wohl rund 2500 Arbeitsplätze betroffen.

Andrea Safferling - Der Mannheimer Stadtteil Schönau der SPD-Kommunalpolitikerin ging bei der baden-württembergischen Landtagswahl an die AfD verloren. © Helmut Fricke Vergrößern Der SPD-Kandidat Fulst-Blei hat in Schönau umsonst mit seinen Erfolgen geworben.

Haben die Menschen in der Schönau und in Mannheim Nord Abstiegsängste? Wenn, dann wären die kaum begründet. Die Arbeitslosigkeit liegt in Mannheim zwar zwei Prozent über dem baden-württembergischen Durchschnitt, ist mit sechs Prozent im Februar 2016 aber auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren.

Und in die Schönau wurden in den vergangenen Jahren Millionen gesteckt, erzählt Andrea Safferling beim Rundgang durch ihr Viertel. Die Sozialbauten sind frisch saniert, der Marktplatz ist etwas trist, aber sauber und neu betoniert.

Flüchtlingsthematik wahlentscheidend

Wer hier lebt, dem geht es nicht so gut wie den Menschen in den grün-bürgerlichen Universitätsstädten Heidelberg, Konstanz oder Tübingen – oder wie denen im wohlhabenderen Mannheimer Süden, wo ein Grüner das Direktmandat holte. Aber es geht ihm auch wahrlich nicht schlecht.

Das legt eine andere Vermutung nahe: Für 69 Prozent der AfD-Wähler in Baden-Württemberg waren laut ersten Analysen „die Flüchtlinge“ wahlentscheidend. Und in Mannheim waren zeitweise bis zu 12.000 Flüchtlinge untergebracht. Die Stadt hat riesige leerstehende Kasernen und wurde so zum Erstaufnahmeort für ganz Baden-Württemberg, nahm deutlich mehr Flüchtlinge auf als die Landeshauptstadt Stuttgart.

Auch in Mannheim gab es wie in so vielen Städten Gerüchte über Asylbewerber. Eine Lidl-Filiale soll an einem Samstag geschlossen haben, weil sie von Asylbewerbern überrannt wurde; tatsächlich war dieser Samstag ein Feiertag, der 3. Oktober. Rewe soll aus Rücksichtnahme Weihnachtswichtel statt Weihnachtsmänner verkauft haben; tatsächlich hat der Supermarkt seit Jahren beide Sorten im Sortiment.

© AFP, reuters F.A.Z.-Redakteur Jasper von Altenbockum über den Wahlerfolg der AfD

Das Wahlergebnis war überraschend

Auch die Vergewaltigung eines Mädchens durch einen Syrer in der Mannheimer Innenstadt erwies sich als frei erfunden. Doch wie es so oft ist, erfuhren das nur wenige von denen, die zuvor das Gerücht verbreitet hatten.

Andrea Safferling sagt, sie habe den Unmut zwar gespürt, die Gerüchte gehört. Das Wahlergebnis habe sie trotzdem überrascht. Denn im Gegensatz zur SPD sei die AfD im Mannheimer Norden nicht verwurzelt. „Keiner kennt den“, sagt sie über den AfD-Kandidaten Rüdiger Klos.

Auch ihr Kollege Fulst-Blei sagt: Bei seinen 1000 Hausbesuchen und den vielen Runden im Wahlbezirk habe er Herrn Klos nie getroffen. In der „Rhein-Neckar-Zeitung“ wird der AfD-Kandidat jedoch mit den Worten zitiert, er sei „unermüdlich von Tür zu Tür gelaufen“; Claus Nielsen vom AfD-Kreisverband Mannheim bestätigt das. Rüdiger Klos selbst ist nicht zu erreichen.

AfD auch in gutbürgerlichen Vierteln erfolgreich

Der Oberbürgermeister von Mannheim, Peter Kurz (SPD), glaubt zwar auch, dass die Flüchtlingsthematik wahlentscheidend war. Aber ziemlich unabhängig von der Lage in Mannheim. Mit der auf vier große Standorte konzentrierten Erstunterbringung gebe es einerseits wenige Mannheimer, die in ihrem Alltag Flüchtlinge erlebten.

Und andererseits sei die AfD nicht dort erfolgreicher, wo diese Unterkünfte liegen. Im Stadtteil Feudenheim etwa, in dem die zweitgrößte Unterkunft der Stadt liegt, erzielte die AfD mit 13 Prozent einen Wert etwas unterhalb des Landesdurchschnitts. Im benachbarten Wallstadt, einem gutbürgerlichen Viertel mit gerade einmal 1,6 Prozent Arbeitslosigkeit, hingegen 18 Prozent.

Wallstadt ist für den Oberbürgermeister wie Schönau, in das so viel investiert wurde und wo die Lokalpolitiker so präsent sind, ein frustrierendes Beispiel dafür, dass praktische Politik vor Ort kaum Einfluss auf subjektive Ängste und Vorurteile hat.

1992 brannte in Schönau ein Flüchtlingsheim

Wer sich fragt, was im Mannheimer Norden los ist, stößt allerdings auch hierauf: Die Republikaner feierten dort in den neunziger Jahren Wahlerfolge. Und im Sommer 1992 brannte in Schönau eine Flüchtlingsunterkunft – nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, eine Sechzehnjährige sei von einem Asylbewerber vergewaltigt worden.

Rechtsradikale Tendenzen gibt es bis heute: Vor kurzem hat jemand ein Hakenkreuz auf Safferlings Auto gesprüht. Rund um das Wahlkreisbüro der SPD in Mannheim-Schönau hängen auch viele NPD-Plakate. Doch der NPD-Kandidat schnitt im Wahlkreis Mannheim Nord schlecht ab, noch schlechter als der von Bernd Luckes neuer Partei Alfa.

Also gelangt man wieder zur Ausgangsfrage: Wieso die AfD? In den Wochen vor der Wahl wurde im ganzen Bundesland eine Gratis-Zeitung namens „Extrablatt zur Landtagswahl“ verteilt, die Stimmung gegen Flüchtlinge machte und für die AfD warb. Die Partei wollte damit nichts zu tun haben. Verantwortlich für die Publikation war allerdings ein AfD-Mitglied.

Viele Russlanddeutsche wählten AfD

Manch einer fragt hinter vorgehaltener Hand: Woher hat die AfD all das Geld? Für diese Zeitung? Für die vielen Plakate? Wer hat die Gerüchte über Asylbewerber gestreut?

Der Soziologe und Konversionsbeauftragte der Stadt Mannheim, Konrad Hummel, sagt, auch russlanddeutsche Wähler seien wichtig gewesen für den Wahlerfolg der AfD. Im Norden Mannheims lebten viele von ihnen, die zu Kohls Zeiten CDU wählten, für Merkels Flüchtlingspolitik heute aber nur blankes Unverständnis übrig hätten. Die dortigen SPD-Wähler wiederum seien Arbeiter mit Abstiegsängsten. Auch sie machten das Kreuz bei der AfD vor allem aus Protest.

Selbst die AfD hatte das nicht erwartet

Die etwas angestaubte Harmonie um das SPD-Ortsbüro in Schönau trügt, ist der Soziologe überzeugt: Die Moderne, die Dienstleistungsgesellschaft, die Zersplitterung der Parteienlandschaft und der Bedeutungsverlust der ehemaligen Volkspartei SPD ist auch im ehemals roten Mannheim angekommen.

Kombiniert mit Protestwählern, verhältnismäßig niedriger Wahlbeteiligung und Unzufriedenheit mit der Flüchtlingspolitik kann das der AfD zu spektakulären Erfolgen verhelfen.

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Erwartet hat dieses Ergebnis hier dennoch niemand, selbst der AfD-Kandidat nicht: Zu der Wahlparty der AfD in Stuttgart kam er am Sonntagabend nicht. Und selbst in Mannheim ließ er seine Anhänger in einem Restaurant angeblich alleine feiern.

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