http://www.faz.net/-gpf-8d9z4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.02.2016, 22:37 Uhr

Grüne in Baden-Württemberg Geliefert wird, was der Bürger bestellt

Baden-Württemberg hat eine neue CDU: die Grünen. In der Wählergunst sind sie stabil – und auch die Wirtschaft ist nicht unzufrieden. Das liegt an Winfried Kretschmann.

von
© dpa Froschkutteln im Bauch: Nach dem traditionellen Essen rutsch Kretschmann an Fastnachtsdienstag 2015 aus dem Rathaus von Riedlingen.

Das Experiment begann mit einem frisch polierten Paar Budapester Schuhe. Es war der 12. Mai 2011. Soeben hatte Winfried Kretschmann als elfter Ministerpräsident Baden-Württembergs seinen Amtseid gesprochen, als einige Fotografen entdeckten, dass der neue Ministerpräsident für diesen Tag seine Bequemschuhe eines Bietigheimer Herstellers gegen echte Budapester getauscht hatte. Die Grünen stellten nun zum ersten Mal einen Ministerpräsidenten, plötzlich waren sie nach mehr als dreißig Jahren Opposition in Stuttgart zur Regierungspartei geworden. Viele fragten sich, ob ein Grüner ein Auto- und Industrieland führen könne. Ein Bundesland, das wie kein zweites für Innovation und Fortschritt steht und auch für eine traditionell enge Verbindung von Politik und Wirtschaft. Für das Land begann etwas Neues, für die Grünen sollte es die wichtigste Zäsur in ihrer Geschichte seit der Bildung der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder werden.

Rüdiger Soldt Folgen:

Stefan Mappus, der Wahlverlierer und frühere CDU-Ministerpräsident, hatte am Wahlabend noch mitgeteilt, dass der Sieg von Grünen und SPD ein „bitterer Tag“ für die Bürger Baden-Württembergs sei. Skeptische Kommentare ließen nicht lange auf sich warten: Die Grünen hätten keine Fachleute für die Automobilindustrie, behauptete ein Manager. Dieter Hundt, damals noch Präsident der Arbeitgeberverbände, sagte auf die Frage, was schlimmer sei, ein Abstieg des VfB Stuttgart oder ein grüner Ministerpräsident im Südwesten: „Das ist wie die Frage nach Beinbruch oder Schnupfen.“

Authentizität ist Kretschmanns höchstes Gut

Kretschmann, der das lange Rumhocken in Gremiensitzungen seiner Partei wenig mag, auch weil es ihm Kopf- und Rückenschmerzen bereitet, zog die Bequemschuhe wenige Tage nach der Vereidigung wieder an und marschierte los. Am Anfang verrutschten ihm mal ein paar Sätze, etwa der über die Autostückzahlen, die niedriger ausfallen sollten, weil das besser für die Umwelt sei. Aber dann erlebte das Land einen Ministerpräsidenten, wie ihn viele seit dem Abschied von Erwin Teufel im Jahr 2005 herbeigesehnt hatten. Kretschmanns Beliebtheitswerte stiegen in den fünf Regierungsjahren - und die der über Nacht zur Regierungspartei gewendeten Grünen auch. Am 13. März ist Landtagswahl, Kretschmanns Grüne können derzeit mit etwa 28 Prozent rechnen. Die CDU erfährt mit 35 Prozent dagegen den geringsten Zuspruch seit Beginn der Legislaturperiode. Der Arbeitgeberverband rang sich kürzlich dazu durch, der Regierung die Note 3+ zu geben. SPD und Grüne waren zufrieden.

Mehr zum Thema

Wie haben Kretschmann und seine Grünen das hinbekommen? Kretschmanns größter Vorteil ist: Er musste sich nicht erst von Imageberatern zu einem glaubwürdigen und redlichen Mann stylen lassen. Kretschmann wandert gern, Kretschmann verspeist Froschkutteln bei Fastnachtsfeiern. Kretschmann legt gern Zeugnis von seiner literarischen und philosophischen Beschlagenheit ab, gerade am Anfang war jedes Statement mit einem Hannah-Arendt-Zitat garniert. Hinzu kommt seine Neigung, als „Waldschrat“ (Joschka Fischer) und ewiger Außenseiter in seiner Partei mit mildem Spott über grüne Ideologie oder altbackene Parteifreunde auf intelligente Art Reibungsenergie freizusetzen. Die Leute mögen das.

In der Flüchtlingsdebatte gewann er Profil

Als er kürzlich angesichts der Ereignisse in Köln verlangte, straffällig gewordene Asylbewerber schneller auszuweisen, wurde er gefragt, ob er sich damit nicht sehr weit von den Ur-Überzeugungen der Grünen entferne. Die Antwort lautete: „Das Multikulti-Denken ist bei uns doch 25 Jahre her, das waren damals, glaube ich, Rainer Trampert und Thomas Ebermann. Die verdienen ihr Geld heute mit Sportwetten.“ Wusch, boing. Seine Forderung, das Aufenthaltsrecht zu ändern, klang wie vor dreißig Jahren bei Alfred Dregger: „Wer straffällig geworden ist, hat sein Bleiberecht verwirkt.“

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Baden-Württemberg Die seltsamen Geheimabsprachen von Grün-Schwarz

Dass Grüne und CDU im Südwesten keine Wunschehe bilden, war von Beginn an klar. Die Bruchlinien treten nun in der Diskussion um geheime Absprachen auf. Um einen Streit zu vermeiden, hat man unliebsame Projekte nur im Geheimen geregelt. Mehr Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

22.08.2016, 13:23 Uhr | Politik
SPD-Chef Gabriel auf Sommertour

In Mecklenburg-Vorpommern stemmt sich SPD-Chef Sigmar Gabriel gegen einen möglichen Absturz seiner Partei bei den bevorstehenden Landtagswahlen. Auf der Sommerreise wird der Bundeswirtschaftsminister aber auch mit der umstrittenen Edeka-Tengelmann-Fusion konfrontiert. Mehr

02.08.2016, 17:05 Uhr | Politik
Flüchtlingsheime Viel Platz für wenige Flüchtlinge

Der kleine Ort Meßstetten in Baden-Württemberg musste während der Hochzeit der Flüchtlingskrise knapp 4000 Asylsuchende aufnehmen. Die Bürger waren zunächst skeptisch. Jetzt sind kaum noch Flüchtlinge da – und die Meßstetter bedauern das fast. Mehr Von Rüdiger Soldt, Meßstetten

20.08.2016, 13:22 Uhr | Politik
Rubber Ducky Derby 50.000 Gummienten gehen im Chicago River baden

50.000 gelbe Gummienten sind in den Chicago River gekippt worden. Die Aktion ist Teil des 11. Annual Windy City Rubber Ducky Derbys in der amerikanischen Stadt Chicago. Die Zuschauer und Unterstützer hatten die Möglichkeit eine der Gummienten für 5 Dollar zu adoptieren. Der Erlös kommt rund 20.000 jungen Athletinnen zugute. Mehr

05.08.2016, 13:52 Uhr | Gesellschaft
Vertrauliches Treffen Bereitet Merkel mit Kretschmann Schwarz-Grün vor?

Aus seiner Vorliebe für eine Koalition mit der Union auch im Bund macht Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann kein Geheimnis. Nun traf sich der Grünen-Politiker zu einem vertraulichen Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel. Mehr

26.08.2016, 15:38 Uhr | Politik