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Grüne in Baden-Württemberg : Geliefert wird, was der Bürger bestellt

Froschkutteln im Bauch: Nach dem traditionellen Essen rutsch Kretschmann an Fastnachtsdienstag 2015 aus dem Rathaus von Riedlingen. Bild: dpa

Baden-Württemberg hat eine neue CDU: die Grünen. In der Wählergunst sind sie stabil – und auch die Wirtschaft ist nicht unzufrieden. Das liegt an Winfried Kretschmann.

          Das Experiment begann mit einem frisch polierten Paar Budapester Schuhe. Es war der 12. Mai 2011. Soeben hatte Winfried Kretschmann als elfter Ministerpräsident Baden-Württembergs seinen Amtseid gesprochen, als einige Fotografen entdeckten, dass der neue Ministerpräsident für diesen Tag seine Bequemschuhe eines Bietigheimer Herstellers gegen echte Budapester getauscht hatte. Die Grünen stellten nun zum ersten Mal einen Ministerpräsidenten, plötzlich waren sie nach mehr als dreißig Jahren Opposition in Stuttgart zur Regierungspartei geworden. Viele fragten sich, ob ein Grüner ein Auto- und Industrieland führen könne. Ein Bundesland, das wie kein zweites für Innovation und Fortschritt steht und auch für eine traditionell enge Verbindung von Politik und Wirtschaft. Für das Land begann etwas Neues, für die Grünen sollte es die wichtigste Zäsur in ihrer Geschichte seit der Bildung der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder werden.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Stefan Mappus, der Wahlverlierer und frühere CDU-Ministerpräsident, hatte am Wahlabend noch mitgeteilt, dass der Sieg von Grünen und SPD ein „bitterer Tag“ für die Bürger Baden-Württembergs sei. Skeptische Kommentare ließen nicht lange auf sich warten: Die Grünen hätten keine Fachleute für die Automobilindustrie, behauptete ein Manager. Dieter Hundt, damals noch Präsident der Arbeitgeberverbände, sagte auf die Frage, was schlimmer sei, ein Abstieg des VfB Stuttgart oder ein grüner Ministerpräsident im Südwesten: „Das ist wie die Frage nach Beinbruch oder Schnupfen.“

          Authentizität ist Kretschmanns höchstes Gut

          Kretschmann, der das lange Rumhocken in Gremiensitzungen seiner Partei wenig mag, auch weil es ihm Kopf- und Rückenschmerzen bereitet, zog die Bequemschuhe wenige Tage nach der Vereidigung wieder an und marschierte los. Am Anfang verrutschten ihm mal ein paar Sätze, etwa der über die Autostückzahlen, die niedriger ausfallen sollten, weil das besser für die Umwelt sei. Aber dann erlebte das Land einen Ministerpräsidenten, wie ihn viele seit dem Abschied von Erwin Teufel im Jahr 2005 herbeigesehnt hatten. Kretschmanns Beliebtheitswerte stiegen in den fünf Regierungsjahren - und die der über Nacht zur Regierungspartei gewendeten Grünen auch. Am 13. März ist Landtagswahl, Kretschmanns Grüne können derzeit mit etwa 28 Prozent rechnen. Die CDU erfährt mit 35 Prozent dagegen den geringsten Zuspruch seit Beginn der Legislaturperiode. Der Arbeitgeberverband rang sich kürzlich dazu durch, der Regierung die Note 3+ zu geben. SPD und Grüne waren zufrieden.

          Wie haben Kretschmann und seine Grünen das hinbekommen? Kretschmanns größter Vorteil ist: Er musste sich nicht erst von Imageberatern zu einem glaubwürdigen und redlichen Mann stylen lassen. Kretschmann wandert gern, Kretschmann verspeist Froschkutteln bei Fastnachtsfeiern. Kretschmann legt gern Zeugnis von seiner literarischen und philosophischen Beschlagenheit ab, gerade am Anfang war jedes Statement mit einem Hannah-Arendt-Zitat garniert. Hinzu kommt seine Neigung, als „Waldschrat“ (Joschka Fischer) und ewiger Außenseiter in seiner Partei mit mildem Spott über grüne Ideologie oder altbackene Parteifreunde auf intelligente Art Reibungsenergie freizusetzen. Die Leute mögen das.

          In der Flüchtlingsdebatte gewann er Profil

          Als er kürzlich angesichts der Ereignisse in Köln verlangte, straffällig gewordene Asylbewerber schneller auszuweisen, wurde er gefragt, ob er sich damit nicht sehr weit von den Ur-Überzeugungen der Grünen entferne. Die Antwort lautete: „Das Multikulti-Denken ist bei uns doch 25 Jahre her, das waren damals, glaube ich, Rainer Trampert und Thomas Ebermann. Die verdienen ihr Geld heute mit Sportwetten.“ Wusch, boing. Seine Forderung, das Aufenthaltsrecht zu ändern, klang wie vor dreißig Jahren bei Alfred Dregger: „Wer straffällig geworden ist, hat sein Bleiberecht verwirkt.“

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