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Baden-Württemberg : Wahlkampf im Zeichen des Atoms

Weg vom Netz: In der Nacht zum vergangenen Donnerstag hat ENBW das AKW Neckarwestheim I abgeschaltet. Bild: dpa

Alarmstufe Rot! Die Wirtschaftsbürger im Südwesten sind vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg in heller Erregung: Endet nach 58 Jahren die Herrschaft ihrer CDU? Nach Fukushima sind die Prognosen in Richtung Rot-Grün gekippt.

          Sollen andere ruhig dem grünen Zeitgeist huldigen, der Tunnelbohrer Martin Herrenknecht, seines Zeichens Weltmarktführer, bleibt standhaft: „Ich flattere nicht wie das Fähnchen im Wind, wie manche Herrschaften auf der Stuttgarter Halbhöhe, die plötzlich auf wahnsinnig grün und ökologisch machen.“

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, soll die bessere Gesellschaft in der Landeshauptstadt die Treue zu den Schwarzen aufkündigen, Herrenknecht, der Haudegen aus dem Schwarzwald, kämpft. „Auch in harten Zeiten muss man zur Partei stehen“, sagt er. Und seine Partei, das ist nun mal die CDU, übrigens auch die von seiner Frau und seinen Kindern.

          „Die wählen alle CDU.“ Wie es sich gehört, könnte er noch hinzufügen, aber so selbstverständlich ist die Sache nicht mehr: Das Stammland der Union ist in Gefahr. Nach 58 Jahren an der Regierung wird das Undenkbare möglich: Alarmstufe Rot! Knapp waren die Prognosen für die Landtagswahl am kommenden Sonntag immer schon, nach Fukushima sind sie in Richtung Rot-Grün gekippt.

          „Wir brauchen keine grünen Kindereien”, sagt Martin Herrenknecht, Tunnelbohrer von Weltrang.

          „Der Bosch-Chef hat recht“

          Das hinterlässt Spuren in der klassischen CDU-Klientel, die Wirtschaftsbürger im Südwesten sind im Aufruhr, die Verunsicherung ist überall zu spüren auf dieser Reise durch ein Bundesland im Wahlkampf. Der Trubel um „Stuttgart 21“, der das eigene Lager gespalten hatte, war gerade einigermaßen überstanden, da erschüttert die Atomfrage die Gesellschaft: Wieder verflüchtigen sich alte Gewissheiten, wieder verwischen die Frontlinien.

          Selbst der Bosch-Chef, ein grundsolider Mann, verlangt jetzt, die Restrisiken der Atomenergie nicht mehr einzugehen. Niemand beschimpft Franz Fehrenbach deswegen als Feigling oder als Opportunisten, der nur seine Solarprodukte verkaufen will. Nein, Fehrenbach, der sich voriges Jahr schon geweigert hat, den Appell für längere AKW-Laufzeiten zu unterzeichnen, schwingt sich auf zum Helden in diesen Tagen.

          „Der Bosch-Chef hat recht“, loben ihn Mittelständler, so sagt es auch Lothar Späth, das Hightech-Cleverle. Sogar der ehemalige Ministerpräsident und Ehrenvorsitzende der Union im Südwesten will „Innovation jetzt neu buchstabieren“. Wie genau das klingen soll, das vermag er noch nicht zu erklären. Nachdenklicher jedenfalls. Das sagen sie jetzt alle, die Unternehmer und Manager, welche die Kanzlerin ins Amt gewählt haben und sich von ihr die Formel von der „Zäsur nach Japan“ für den eigenen Wortschatz geborgt haben.

          „Früher habe ich die Grünen finanziell unterstützt“

          Atomkraft? Lieber nicht, ein andermal wieder - vielleicht. Jetzt ist erst mal Moratorium. Wer sich umhört in der schwarz-gelben Kernklientel im Süden, der lernt schnell: Angela Merkel hatte keine andere Wahl, als die alten Meiler vom Netz zu nehmen. Die Umfragen für die Union sind ohnehin schon schlecht genug. „Es ist richtig, was Merkel und Mappus gemacht haben: Neckarwestheim abzuschalten ist ein mutiger Schritt“, sagt selbst der Tunnelbohrer Herrenknecht, und der ist nun gewiss kein Feind fortschrittlicher Technologie. Im Gegenteil.

          Regelrechten Hass hat er auf sich gezogen durch seinen kernigen Einsatz für „Stuttgart 21“, als er die Demonstranten verspottet und ihren Anführer, den Schauspieler, als „Kanaille“ beschimpft hatte.

          Bis heute hegt Herrenknecht, eigentlich ein Wertkonservativer wie aus dem Bilderbuch für schwarz-grüne Zeiten, einen Groll gegen die Öko-Partei: „Früher habe ich auch die Grünen finanziell unterstützt, das ist seit Stuttgart 21 vorbei.“ Die „Dagegenpartei“ sei in der Opposition bestens aufgehoben: „Ich bin absolut dafür, dass das so bleibt“, sagt er. „Wir brauchen keine grünen Kindereien und Gängeleien.“

          „Wir sind klar für Stuttgart 21“

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