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Wahl in Amerika Jung, gebildet, Demokrat

 ·  Barack Obama hat seine Wiederwahl der Tatsache zu verdanken, dass seine Anhänger aus der letzten Wahl, gebildete Frauen, junge Leute, Minderheiten, ihm trotz mancher Enttäuschungen die Treue gehalten haben. Für die Republikaner erwächst daraus ein dauerhaftes Problem. Ein Kommentar.

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© dpa Vergrößern Public Viewing am Times Square: Auch das Krümelmonster interessiert sich, wer Präsident wird

Obamas Brandmauer - gebildete Frauen, junge Leute, Minderheiten - hat gehalten. Er ist wiedergewählt. Der hartnäckige Vorteil im Electoral College, den er schon seit Monaten hatte und der durch die Dynamik des Wahlkampfes und seine eigene schwache Leistung in der ersten Debatte zwischendurch gefährdet wurde, hat ihm am Ende doch wieder den Sieg verschafft. Durch eine Mischung aus Naivität, Unschuld und Hochmut hat der Präsident viele seiner Anhänger enttäuscht, unvermeidlicherweise vielleicht angesichts der hochgespannten Erwartungen - und hat dennoch auch ganz entscheidende Errungenschaften vorzuweisen, deren Bedeutung sich, gerade bei der Reform der Krankenversicherung, erst im Abstand von Jahren zeigen wird. Er war konfrontiert mit einer brutalen Obstruktionspolitik seiner republikanischen Gegner, die ihn als geradezu unamerikanisch zu diffamieren suchten - und muss nun in einer politischen Umgebung weiterarbeiten, die sich nicht wesentlich verändert hat.

Und sein Herausforderer? Es wäre eine massive Ironie der Geschichte gewesen, wenn mit Mitt Romney gerade ein Repräsentant jeder Finanzindustrie zum Präsidenten geworden wäre, die nicht nur die Vereinigten Staaten in den Nahezu-Ruin geführt hat. Romney hat im Wahlkampf neue Maßstäbe gesetzt - beim Einsatz der Unwahrheit zu politischen Zwecken. Nicht dass Obama ein Unschuldsknabe wäre, aber Romney versuchte, den Amerikanern eine Art alternatives Universum der verdrehten Tatsachen als Wahlprogramm zu verkaufen. Hinzu kommt: Mit ihm wäre Paul Ryan ins Weiße Haus eingezogen, eine Führungsfigur eines unerbittlichen politischen Programms.

Der Staat als Agent von Wandel und Verbesserung

Unter all dem Lärm der Schlacht war diese Wahl beinahe eine philosophische. Auch wenn sich Romney in den Wochen vor dem Urnengang mächtig bemühte, wie ein Zentrist zu klingen, so war doch klar, was mit ihm zur Wahl stand: eine Programmatik, die die weniger Bemittelten, die Benachteiligten im Regen stehen lässt und stattdessen darauf vertraut, wenn es nur den Reichen (wie Romney selbst) gut gehe, gehe es allen gut. Stattdessen hat eine Mehrheit der Amerikaner sich für das Kontrastprogramm Obamas entschieden, das auf den Staat als Agenten von Verbesserung und Wandel baut. Das macht Obama noch lange nicht zu dem „Sozialisten“ oder „Europäer“, als den seine Gegner ihn gerne maliziös zeichneten; auch Obama hat kein Problem mit dem Kapitalismus. Anders als Romney aber hat er aus dessen Geschichte ein paar Lehren gezogen.

Die Republikaner hatten darauf gebaut, dass Obama seine Koalition aus Frauen, Schwarzen, Latinos, jungen Leuten dieses Mal weniger an die Urnen bringen würde, weil sich viele Amerikaner nach vier Jahren und uneingelösten Versprechen an ihm erschöpft haben. Doch Obamas Erfolg in Staaten wie Colorado und  Nevada zeigen, dass die Hispanics auch bei dieser Wahl ein entscheidender Bestandteil von Obamas Wahlkoalition waren.

Laut den Meinungsumfragen vor dem Wahlabend hatte Obama Mühe, 40 Prozent der Weißen im Land für sich zu gewinnen; umso wichtiger war es für ihn, so haben die Experten im Vorfeld berechnet, 80 Prozent der Stimmen der Angehörigen ethnischer Minderheiten abzuräumen. Die Zahl der Wahlberechtigten in dieser Gruppe ist in den vergangenen vier Jahren um drei Prozent gewachsen, und besonders wichtig sind eben die „Hispanics“: Fast 24 Millionen waren heute wahlberechtigt, vier Millionen mehr als 2008. Sie stellen elf Prozent der Wahlberechtigten (2008: 9,5). Und: In Umfragen erklärten 73 Prozent von ihnen, sie wollten ihre Stimme Obama geben.

Erstarken der Minderheiten macht es den Republikanern schwer

Im letztlich wahlentscheidenden „Schlachtfeld-Staat“ Ohio, in dem Obama siegte, zeigten erste Befragungen von Wählern unmittelbar nach der Stimmabgabe: Das Profil der Bürger, die dort zur Wahl gingen, war dem sehr ähnlich, das vor vier Jahren den Staat und seine 18 Wahlmännerstimmen an Obama lieferten. 55 Prozent der Wähler gaben an, sie hätten einen „vorteilhaften Eindruck“ vom Amtsinhaber; Romney kam bei diesem „favorability rating“ nur auf 45. Auch mehr Schwarze und weniger Evangelikale fanden sich dieses Mal in der Wählerschaft des Staates – ein Grund für das gute Abschneiden Obamas.

Diese demographischen Veränderungen - das Erstarken der Minderheiten gegenüber den Weißen in den Vereinigten Staaten - gehören zu jenen Großtrends, die den Republikanern das Geschäft in der Zukunft immer schwerer machen werden. Die Gruppe der „minorities“, besonders der asienstämmigen und der hispanischen Amerikaner wächst, die Geburtenrate der Weißen dagegen schrumpft. Ergebnis: ein sozusagen demographisch eingebauter Vorteil von 1,7 Prozentpunkten für die Demokraten alle vier Jahre.

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