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King of New York, Knallkopf of Kallstadt

Von JULIA NIEMANN, KALLSTADT
dpa

20. Januar 2016 • Warum der amerikanische Populist Donald Trump in der Heimatstadt seines Großvaters gänzlich unpopulär ist. Eine Spurensuche an der Deutschen Weinstraße.

Während weit weg in Amerika einer, der der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden möchte, von der sechsundzwanzigsten Etage seines Wolkenkratzers aus die deutsche Bundeskanzlerin geifernd als Wahnsinnige beschimpft, sieht in der deutschen Pfalz einer anderer, den das kaum weniger kümmern könnte, aus seinem Esszimmerfenster und freut sich schlicht über den Ausblick. Früher, sagt Fritz Schall (*), hat er beim Blick aus dem Fenster nur die Arbeit gesehen, seitdem er aber den Weinbau gegen den Ruhestand eingetauscht hat, sieht er die schönen Weinberge. Wenn der Kallstadter Winzer Fritz Schall so da sitzt, könnte man meinen, er hätte mit dem Immobilien-Tycoon, republikanischen Frontrunner und „King of New York“ Donald Trump rein gar nichts gemein. Vergeblich sucht man auf Schalls Kopf nach der fast unwirklichen Perfektion des Trump’schen blonden Pompadour. Aber Fritz Schall ist tatsächlich, wie auch einige andere im Dorf, mit Donald Trump verwandt, auch wenn Schall selbst gar nicht genau weiß, „wie viele Generationen da zwischendrin sind“ – Seine Frau weiß es dafür genau: „Seine Großmutter is a geborene Trump g’wese!“ – und ob er nun ein Großcousin oder doch ein entfernter Onkel ist. Die Großeltern von Donald, Friedrich und Elisabeth Trump, waren Deutsche aus Kallstadt.

Kallstadt ist vieles, aber aufregend ist es nicht. Der Bewohner des Dorfidylls an der Deutschen Weinstraße sind bescheiden, hier ist man glücklich, wenn man einen Saumagen auf dem Teller hat und, im Glas und ringsum an den Hängen des Rheinlands, seinen Wein. Seitdem aber der Enkel des Kallstadters Friedrich Trump im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zur Stimme der Anti-Immigrationspolitik geworden ist, rückten dessen deutsche Wurzeln und damit das kleine Dorf in der Pfalz vermehrt ins Licht des öffentlichen Interesses.

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: (2014): Filmemacherin Simone Wendel kommt selbst aus Kallstadt. In ihrer Dokumentation beschäftigt sie sich mit ihrer pfälzischen Heimat, aus der auch die Vorfahren von Donald Trump stammen.

Bei den Schalls klingelt nun pausenlos das Telefon. Schall selbst versteht die ganze Aufregung nicht, er könne über Trump gar nichts sagen und im Dorf hätte der sich sowieso noch nie blicken lassen: „Viel reden wir über den Trump nicht“, sagt er, „und hier ist auch niemand begeistert von ihm.“ Donald Trump mag „King of New York“ sein, nicht aber „King of Kallstadt“: „Hier sagen alle, der spinnt ein bisschen, so wie der gerade herumpoltert.“ Auch ein paar Häuser weiter im „Saumagenparadies“, dem kulinarischen Herzen Kallstadts, wird in diesen Tagen oft nach Trump gefragt. Die Verkäuferin der kleinen Metzgerei weiß ein Lied davon zu singen: „Permanent kommen Leute in den Laden und wollen wissen, wo die Verwandten vom Trump wohnen“, sagt sie mit derselben Unaufgeregtheit, mit der sie die Aufschnittwurst aus der Auslage in feine Scheiben schneidet, „das gehört schon zum Alltag.“ „Trump“ spricht sie dabei wie die meisten im Ort deutsch aus: „Drump“, mit einem „d“ und einem „u“, wie „plump“, gute Worte hat auch sie keine für ihn übrig. In der Bäckerei gegenüber, erzählt die Verkäuferin, seien sie schon ganz genervt, Touristen, Journalisten, selbst die Bild-Zeitung sei schon auf der Matte gestanden, sie findet: „Irgendwann ist es auch genug“.

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: Der Kallstadter und sein Saumagen

Es hat eine gewisse Ironie, dass Trump, der eine Mauer entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze errichten will und mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger beschimpft, der Muslimen die Einreise in die Vereinigten Staaten verbieten will und sogar Präsident Obama unterstellt, in Wahrheit gar kein Amerikaner zu sein, selbst Enkel von Einwanderern ist.

Friedrich Trumps Eltern waren Weinbauern und der Donald Trump, wie wir ihn heute kennen, hätte wohl nie existiert, wenn sein Großvater auch Weinbauer hätte werden wollen – das wollte er aber nicht. Er zog stattdessen im Jahr 1885, während der Hochzeiten deutscher Immigration in die Vereinigten Staaten, mit 16 Jahren nach New York zu seinen Schwestern, die bereits auf der Lower Eastside lebten. Innerhalb kürzester Zeit lernte er Englisch, übersiedelte an die Westcoast und machte sich als dort als Frederick Trump einen Namen im Saloon- und Rotlichtbusiness. Dann ging er zurück nach Kallstadt, heiratete die Nachbarstochter Elisabeth und nahm sie mit nach New York. Elisabeth hatte aber solches Heimweh, dass sie zurück in die Pfalz zogen, wo sie Donald Trumps Vater Fred zeugten. Als Friedrich dort ansuchte, wieder deutscher Staatsbürger zu werden, wurden sie schließlich abgewiesen, weil er, absichtlich oder unabsichtlich, niemals den deutschen Militärdienst abgeleistet hatte und nun zu alt dafür war. So wurde er gemeinsam mit seiner hochschwangeren Frau dorthin geschickt, wo er herkam, weshalb die Familie letztendlich unfreiwillig eine amerikanische wurde. Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs später starb Frederick schließlich an der Grippe und Elisabeth musste sich alleine durchschlagen.

„Interessanterweise waren es starke Frauen, die den Grundstein für das Trump’sche Imperium gelegt haben“, sagt Filmemacherin und Kallstadterin Simone Wendel. „Vor Friedrich Trump sind damals ja bereits seine Schwestern nach New York ausgewandert, bei denen er unterkommen konnte. Und seine Frau Elisabeth hat dann nach seinem Tod „E. Trump and Sons“ gegründet.“ Nach dem Tod Friedrichs blieben ihr einige Grundstücke und Kontakte an der Westcoast. Gemeinsam mit ihrem 13 Jahre alten Sohn Fred, Donald Trumps Vater, schuf sie damals das Imperium, das Donald später erbte und ausbaute.

Wendel beschäftigt sich in ihrer Dokumentation „Kings of Kallstadt“ mit Donald Trumps deutschen Wurzeln und mit der Tatsache, dass auch die Vorfahren des Heinz-Ketchup-Imperiums aus Kallstadt kommen. „Die Geschichte ist in Kallstadt sozusagen angeboren, die kennt jeder. Und ich mochte die schon als Kind“, sagt Wendel. Jahre später habe sie sich dann dazu entschlossen, einen Film über Kallstadt und den „King of New York“ zu drehen. „Viele Kallstadter sind mit Donald Trump verwandt, aber für die meisten war das im Alltag nie relevant, die haben sich darüber nie Gedanken gemacht. Manche glauben es bis heute nicht, dabei sieht man sogar optische Ähnlichkeiten.“ Im Rahmen der Dreharbeiten hat sie schließlich auch Trump in seinem Tower getroffen: „Den mitgebrachten Kuchen wollte er nicht essen, aber er ist länger geblieben, als vereinbart war, er hat sich richtig Zeit genommen. Auch wenn ich glaube, dass es ihn ein bisschen irritiert hat, so ein persönliches Gespräch mit jemandem über seine Oma zu führen.“

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: Donald Trump, „the King of New York“

Obwohl Wendels Filmprojekt gewiss Trump dem Dorf und das Dorf dem Trump näher gebracht hat, bestehen vor allem auf Seiten Kallstadts noch große Vorbehalte gegenüber dem berühmten verlorenen Sohn. „Die Kallstadter mögen die Heinz’ viel lieber, wahrscheinlich, weil sie das Produkt besser verstehen können“, sagt Simone Wendel. „Die füllen auch Sachen in Flaschen ab, die irgendwo geerntet werden, das ist nicht so abstrakt wie das Immobiliengeschäft von Trump.“ Donald setze eben auf Konfrontation, die Heinz’ auf Familie und rot-weiße Tischdeckchen, „und dann war da noch die Spende, das kommt natürlich gut an.“

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: Auch die Vorfahren des Heinz-Ketchup-Imperiums stammen aus Kallstadt

Pfarrer Oliver Herzog steht im Mittelschiff der Kallstadter Salvatorkirche und zeigt mit dem Arm Richtung Orgel: „Als die Orgel renoviert wurde, hat die Gemeinde einen Brief an die Familie Heinz geschrieben, die haben dann 40.000 Euro gespendet. Trump wurde auch angeschrieben, der hat sich aber nicht beteiligt.“ Das sei den Kallstadtern natürlich negativ im Gedächtnis geblieben. Kaum einer kennt das Dorf, seine Bewohner und die alten Geschichten besser als Herzog, der als Pfarrer Dinge sagt, wie: „In der Pfalz herrscht weniger eine Frömmigkeit des Rückzugs, als eine praktische, eine Lebensfrömmigkeit“, wenn er eigentlich meint: „Die Kallstadter feiern gerne.“ Kallstadt, erzählt er nicht ohne Stolz und holt dabei aus bis ins 16. Jahrhundert, sei mit seinen Weinhäusern schon immer Anlaufstelle für alles gewesen, was Rang und Namen hatte. Dadurch sei „ein gewisser weltmännischer Geist“ in den Ort gekommen. Es seien nicht die Armen gewesen, die damals auswanderten, „und es waren auch nicht die G’scheiten, sondern die Überg’scheiten. Die, die übers Ziel hinausschießen wollten.“ Und die hätten es dann auch zu etwas gebracht, wie man an Trump und Heinz sehe, die nur die berühmtesten, längst aber nicht die einzigen erfolgreichen Auswanderer gewesen seien: „Die Überg’scheiten haben sich hier nicht entfalten können, weil die anderen sonst gesagt hätten, du hast sie nicht alle, du mit deinen Ideen.“

Wenn man den ältesten Mann Kallstadts, den 97 Jahre alten Hans Bender, nach Donald Trump fragt, antwortet der bloß mit einer Wischbewegung vor seinen Augen und einem lauten Lachen: „Was der von sich gibt, das kann man ja nicht unterstützen“, sagt er dann belustigt. Wie die meisten Kallstadter interessiert sich auch Bender kaum für Trump, was vielleicht auch daran liegen mag, dass Bender zur Heinzfraktion gehört: Seine Mutter war eine geborene Heinz. Die Einwohner von Kallstadt, erzählt Bender, seien in der Region seit Ewigkeiten als „Brulljesmacher“ verschrien, als Sprücheklopfer, als Angeber. Und wenn er so recht überlege, sei Trump auch so einer: „Das ist ein richtiger Brulljesmacher, weil der ein Großmaul hat!“

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: Kallstadt zu Gast bei der Steuben Parade, dem traditionellen Umzug der German-Americans in New York.

Trump hat allerdings auch eine kleinlaute Seite. Als Trumps Großvater kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges starb, war es um den Ruf der Deutschen in Amerika schlecht bestellt. So gab sich Trumps Vater kurzerhand als Schwede aus. Donald tat es ihm Jahre später nach, obwohl seine deutsche Großmutter Elisabeth im Haus gegenüber lebte und auch erst starb, als er schon zwanzig Jahre alt war. Selbst in seiner Biographie „Trump: The Art of The Deal“ aus dem Jahr 1987 verschwieg er seine wahre Herkunft besseren Wissens, bis es irgendwann unmöglich wurde, die Geschichte aufrecht zu erhalten. 1990 musste er in einem Interview mit der „Vanity Fair“ zugeben, dass seine Großeltern Deutsche waren, was er sofort mit der unwahren Behauptung relativierte, seine Familie sei vielmehr von „all over Europe“. Vielleicht spricht Donald Trump auch nur ungern über ein Beispiel erfolgreich integrierter Einwanderer. Die German-Americans nämlich, zu denen er selbst gehört und die zu Zeiten des Ersten Weltkrieges in den Vereinigten Staaten alles andere als willkommen waren, haben sich inzwischen so sehr assimiliert, dass wenigen Amerikanern heute bewusst ist, dass sie die größte Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten bilden. Dass Donald Trump nicht zu seinen deutschen Wurzeln steht. ist in der Heimat seines Großvaters natürlich nicht gern gesehen. Was Frank Sinatra in „New York, New York“ über selbiges behauptet, nämlich „If I can make it there, I'll make it anywhere”, scheint in Kallstadt offenbar nicht zu gelten.

© Simone Wendel/ Barnsteiner-Film Filmausschnitt aus „Kings of Kallstadt“: Trumps Bekenntnis zu Kallstadt kommt spät
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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 20.01.2016 14:42 Uhr