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Veröffentlicht: 25.03.2017, 14:48 Uhr

Stimmung oder Stimmen Warum die Umfragen trügen könnten

Vor der Landtagswahl im Saarland ist nur eines sicher: Dass noch nichts sicher ist. Viele Wähler werden sich erst in der Wahlkabine entscheiden. Heftige Ausschläge auf der Zielgeraden sind durchaus wahrscheinlich. Ein Gastbeitrag.

von Thorsten Faas
© dpa Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will Ministerpräsidentin bleiben.

Wer kennt ihn nicht, jenen gern zitierten Scherz auf Veranstaltungen aller Art in einer beliebigen saarländischen „Großstadt“ – Tagesordnungspunkt 1, angesetzt von 9.00 bis 9.15 Uhr: Besichtigung des Saarlandes. Auch der mit mitleidiger Mine vorgetragene Einwurf aus anderen Bundesländern, eine Landtagswahl im Saarland sei doch allenfalls eine bessere Kreistagswahl, zeugt von ähnlicher Wertschätzung des kleinsten deutschen Flächenstaates. Ob solche Äußerungen mit Blick auf die Wahlen im Westen jemals gerechtfertigt waren, sei an dieser Stelle dahingestellt. Mit Blick auf die bevorstehende Wahl am Sonntag ist jede Form von Geringschätzung aber fehl am Platz. Der Wahlausgang ist nicht nur offen, sondern in höchstem Maße richtungsweisend – im Superwahljahr weit über das Saarland hinaus.

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen. Das ist im Falle des Saarlandes zunächst einmal leichter gesagt als getan. Für die Bundesebene sind wir es längst gewohnt, praktisch täglich unser neues Häppchen Demoskopie zu bekommen, serviert von den verschiedenen Instituten. Für das Saarland liegt für die Jahre 2013, 2014 und 2015 jeweils eine einzige Umfrage vor. Für das Jahr 2016 sind es ganze zwei. Von einem demoskopischen Markt mit Wettbewerb kann hier wahrlich keine Rede sein. Erst das Jahr 2017 hat auch die saarländischen Bürgerinnen und Bürger mit mehr Umfragen verwöhnt. Für die ersten drei Monate des Wahljahres 2017 gibt es sage und schreibe acht Umfragen, die jüngste erst am Donnerstag vom ZDF.

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Der Tenor dieser jüngeren Umfragen ist eindeutig: Der Ausgang der Wahl ist offen. Drei Parteien – AfD, FDP, Grüne – ringen mit der Fünf-Prozent-Hürde. Auch an der Spitze herrscht Spannung: Kann die CDU ihre Führung gegenüber der SPD behaupten? Und was passiert eigentlich nach der Wahl? Bleibt AKK im Amt? Oder kommt es zum Wechsel an der Spitze, von CDU zur SPD, von AKK zu AR, von Annegret Kramp-Karrenbauer zu Anke Rehlinger? Oder wechselt gar die ganze Koalition? Rot-Rot(-Grün) statt GroKo? Wir wissen es heute noch nicht, denn wir wissen nicht, was sie tun, diese Wähler. Viele sind – ausweislich aktueller Umfragen – noch unentschlossen. Sie entscheiden sich erst in letzter Minute: Ob sie wählen gehen? Wen sie wählen? Und wie reagieren sie auf dieses Meer von Umfragen, mit dem sie sich auf der Zielgerade zur Landtagswahl plötzlich konfrontiert sehen? Verleihen taktisch wählende CDU-Anhänger ihre Stimme an die FDP, um diese sicher über die fünf Prozent zu hieven?

Welche taktischen Überlegungen leiten die Anhänger der Linken?

Oder passiert das genaue Gegenteil? „Opfern“ FDP-Anhänger ihre Partei, um so wenigstens die Wiederwahl der beliebten Ministerpräsidentin an der Spitze einer neuen GroKo zu sichern? Welche taktischen Überlegungen leiten die Anhänger des linken Lagers? Klar ist: Bei dieser demoskopischen Ausgangslage sind heftige Ausschläge auf der Zielgeraden durchaus wahrscheinlich. Das hat übrigens immer eine Pointe: Solche Umschwünge sind immer auch durch die letzten Umfragen erzeugt, führen diese damit aber ad absurdum.

So weit, so spannend. Aber spannend können auch Kreistagswahlen sein. Das richtungsweisende Element der Saarland-Wahl hat zwar auch etwas mit Umfragen zu tun, liegt aber doch ganz woanders. Es hat mit dem „Schulz-Zug“ zu tun, der seit einigen Wochen in Deutschland für Furore sorgt. Seit klar ist, dass Martin Schulz der Kanzlerkandidat der SPD im Superwahljahr 2017 ist, hat sich die demoskopische Lage dramatisch verändert. Im ZDF-Politbarometer etwa wurden für die SPD bundesweit aus 21 Prozent im Januar 32 Prozent im März. Man sieht es auch auf der Länderebene: Am 13. Januar 2016 wies INSA für die saarländischen Sozialdemokraten 24 Prozent aus, am 22. März dagegen 33 Prozent. Bei Infratest dimap wurden aus 26 Prozent im Januar 34 Prozent im März.

45496392 © Maximilian von Lachner Vergrößern Überraschend im Aufwind – aber reicht das auch bis Sonntag um 18 Uhr? Die SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger am vorvergangenen Freitag in Dillingen, Saar

Verschiebungen in einer Größenordnung von zehn Prozentpunkten auf Bundes- und Länderebene innerhalb von gerade einmal zwei Monaten – das hat es so noch nicht gegeben. Kann man diesen Zahlen trauen, gerade im Jahr nach Brexit und Trump? Demoskopen versehen gerade ihre Projektionen zu Wahlausgängen gerne mit einer Packungsbeilage: Diese seien nur Momentaufnahmen. Rohdaten würden außerdem zu Projektionszwecken gewichtet, so dass längerfristige Grundüberzeugungen und über Jahre gewonnene Erfahrungswerte einfließen könnten. Gerade Letzteres mag man in ruhigen Zeiten für sinnvoll und richtig halten. Aber wenn man ehrlich ist, dann greift dieses Argument für ein Phänomen wie den „Schulz-Zug“ nicht. Für ein erstmals auftretendes Phänomen, das demoskopische Verschiebungen in bis dato unbekannter Größenordnung mit sich bringt, kann es keine Erfahrungswerte geben. Das passt nicht zusammen. Und deswegen steht hinter demoskopischen Umfragen, die in diesen Tagen gemessen werden, mehr denn je ein Fragezeichen.

Schafft Schulz Stimmung und Stimmen?

Offen ist also: Fährt der Schulz-Zug zwar mit guter Stimmung durchs Land (was die Umfragen dokumentieren), bringt aber am Ende keine (Wähler-)Stimmen? Oder schafft Schulz beides für die SPD: Stimmung und Stimmen? Auf der Basis nur von Umfragen (und eben ohne entsprechende Erfahrungswerte) kann man nicht sagen, welches Szenario stimmt. Dafür braucht es echte Stimmabgaben am Wahltag. Und die ersten Stimmen in der Schulz-Zug-Zeit geben am Sonntag die Saarländer ab.

Deswegen ist die Wahl am Sonntag richtungsweisend, weit über die Grenzen des Landes hinaus. Es wird spannend – für das Saarland, aber mehr denn je bei einer saarländischen Landtagswahl auch für ganz Deutschland.

Professor Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Empirische Politikforschung“ an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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