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Veröffentlicht: 27.03.2017, 09:27 Uhr

Kommentar Merkel-Effekt gegen Schulz-Effekt

Das kleine Saarland hätte große Geschichte schreiben können. Aber zum Machtwechsel kommt es nicht. Dennoch ist jetzt klar: Die CDU kämpft gegen Rot-Rot-Grün – und gegen Demoskopen.

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© Maximilian von Lachner Aufräumen nach der SPD-Wahlparty

Der Schulz-Effekt auf die Demoskopen ist offenbar weit größer als der Schulz-Effekt auf die Wähler. Manches Institut verfehlte in der im März gestellten „Sonntagsfrage“ das Ergebnis der CDU vom Sonntag um erstaunliche fünf Prozentpunkte. Dem SPD-Ergebnis kamen die Institute schon näher. Dass die für die SPD wichtige 30-Prozent-Marke aber unsicher sein könnte, war keiner der März-Umfragen zu entnehmen. Entschuldigungen sind da schnell bei der Hand – wenn Wahlsonntag „wäre“, ist eben etwas anderes, als wenn dann wirklich Wahlsonntag ist. Und wer weiß: Vielleicht lagen die Demoskopen ja gar nicht so falsch, nur haben sich die Wähler unter dem Eindruck ihrer Umfragen in letzter Minute anders orientiert. Wie auch immer: Ein Ruhmesblatt ist die Wahl im Saarland für die offenbar verunsicherte Forsa-Insa-Infratest-Welt nicht.

Jasper von Altenbockum Folgen:

Wenn es einen Last-Minute-Swing – die beliebteste Entschuldigung der Demoskopen – gegeben haben sollte, dann fühlten sich die CDU-Wähler im Saarland offenbar besonders motiviert, zur Wahl zu gehen. Oder launischen SPD-Wählern war die Aussicht auf eine rot-rote Koalition dann doch nicht ganz so geheuer wie der Spitzenkandidatin Anke Rehlinger und der Schulz-Hype-Regie in Berlin. Wechselwähler unter ihnen werden lieber der beliebten Annegret Kramp-Karrenbauer das Vertrauen gegeben haben. Sie, Rehlinger und der Linken-Führer Oskar Lafontaine boten ansonsten ein so starkes Dreieck, dass die kleinen Parteien – trotz großer Koalition, aber bei hoher Wahlbeteiligung – abgeschlagen waren. Bis auf die AfD.



Kramp-Karrenbauer wird mit dem linken Vorwurf leben müssen, sie habe sich nur mit Hilfe der AfD in der Staatskanzlei halten können. Richtig ist: Sie hat es vor allem sich selbst zu verdanken. Das Ergebnis von 2012 konnte sie deutlich verbessern. Das absurde Schauspiel, dass die eindeutige Wahlsiegerin zum Machtverlust verdammt wird, blieb Kramp-Karrenbauer durch das schwache Abschneiden der Grünen erspart. Hätten sie die Fünf-Prozent-Hürde übersprungen, hätten höchstwahrscheinlich drei Parteien zusammengefunden, die schon 2012 hätten zusammenfinden können. Gegen dieses rot-rot-grüne Bündnis wird sich die CDU in den kommenden Wochen und Monaten sicherlich noch weiter profilieren. Kramp-Karrenbauers Erfolg liefert da, nicht nur arithmetisch, die Vorlage für Angela Merkel.

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Steckt gar ein „Merkel-Effekt“ dahinter? Oder wenigstens ein Effektchen? Die Bundes-CDU lenkte die Aufmerksamkeit am Wahlabend durch ihre Stellungnahmen in diese Richtung. Erfahrung mache sich bezahlt, hieß es, in der Ruhe liege die Kraft, nüchternes Regieren sei eben besser als Plantschen im politischen Spaßbad. All das passt auf Kramp-Karrenbauer, aber viel mehr noch auf Merkel. Allzu ruhig war es in der CDU vor der Saarland-Wahl allerdings nicht gewesen. Die Wahlkämpfer pilgerten an die Saar, als müssten die Fußtruppen der Partei das Land vor dem Napoleon aus Würselen retten, während der Berliner Generalstab noch im Schlafwagen mit der Weltpolitik beschäftigt war. An der Saar gilt außerdem: Kramp-Karrenbauer kann nicht nur Karneval, sie kann auch Wahlkampf. In dieser Hinsicht ist sie sicher keine Vorlage für Merkel. In die Freude über den Saar-Erfolg müsste sich nicht nur deshalb Nachdenklichkeit mischen. Denn selbst wenn FDP und Grüne ins Parlament gekommen wären, hätte es für die CDU selbst mit einem Ergebnis über 40 Prozent nicht gereicht. Andere Landesverbände kennen das schon lange, bloß dass sie auch von 40 Prozent nur träumen können.

© Reuters, afp CDU siegt überraschend klar im Saarland

Und worin besteht nun der Schulz-Effekt? Im Saarland bestand er darin, dass die SPD ihr Ergebnis von 2012 halten konnte. Ein Null-Effekt war er trotzdem nicht. Rehlinger hätte wahrscheinlich schwächer abgeschnitten als 2012, wenn sie mit Sigmar Gabriel im Rücken angetreten wäre. Die SPD kann sich das Ergebnis also schönreden, der „Schulz-Zug“ verliert aber dennoch ein wenig an Fahrt. Sicher gilt das für die Demoskopen. Aber auch für die Wähler? Die nächsten Landtagswahlen – in Schleswig Holstein (7. Mai) und in Nordrhein-Westfalen (eine Woche später) – stehen unter anderen Vorzeichen als der Sonntag im Saarland. Hier müssen sich SPD-Ministerpräsidenten beweisen – jeweils gegen eine CDU, die in Umfragen offenbar schwächer gemacht wurde als sie ist. Wackelt Hannelore Kraft in Düsseldorf oder Torsten Albig in Kiel, wäre es vorbei mit dem Schulz-Effekt.

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