http://www.faz.net/-gpf-6yqgt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.03.2012, 16:26 Uhr

Saarland Die Rache der Wanderwähler

Wechselwillige Wähler im Saarland: Die Stimmen der FDP zerstoben in alle Richtungen, die Piraten profitieren von einem „Lebensgefühl jenseits von links und rechts“. Lafontaine verhindert einen SPD-Sieg.

von
© F.A.Z. Stimmenanteile und Sitzverteilung

Ein Stimmenanteil von 23 Prozent unter den Erstwählern, dazu eine überdurchschnittliche Mobilisierung von Bürgern, die zuvor entweder gar nicht vom Wahlrecht Gebrauch gemacht oder mit der Stimmabgabe ihrer Unzufriedenheit Ausdruck verleihen wollten - so setzt sich in Deutschland traditionell die Wählerschaft von rechtsradikalen Gruppen zusammen. Seit diesem Wahlsonntag könnte diese Faustregel ausgedient haben.

Daniel Deckers Folgen:

Denn was im vergangenen September in der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus als großstädtisch geprägtes Muster erkennbar wurde, bestätigte sich im kleinräumig-industriell geprägten Saarland auf bemerkenswerte Weise: Die Piratenpartei mobilisiert schon durch ihre schiere Existenz solche Wähler, die sich von den herkömmlichen Parteien wenn überhaupt, dann bestenfalls an deren Rändern ansprechen ließen - und das fast gleichmäßig quer durch alle Berufsgruppen von Arbeitern über Selbständige bis hin zu Arbeitslosen.

Mehr zum Thema

Nicht, dass sich mit der Wahl der Piraten auch nur die geringste Aussicht auf eine Beteiligung an der Regierung verbinden würde, geschweige denn, dass man der Mehrheit der annähernd 35.000 Saarländer, die sich am Sonntag für die Piratenpartei entschieden, eine tiefere Kenntnis der politischen Programmatik des erst vor vierzehn Tagen ins Leben gerufenen Landesverbandes unterstellen sollte.

„Lebensgefühl jenseits von links und rechts“

Nein, wer die Piraten wählte, der ließ sich nicht von der Kompetenz der Parteien oder Sympathien für die Spitzenkandidaten leiten, sondern von einem „Lebensgefühl jenseits von links und rechts“, sagt der Geschäftsführer des Umfrageinstituts infratest dimap, Richard Hilmer.

Dieses Lebensgefühl konnte sich freilich nur deswegen ungehindert entfalten, weil es für den Wahlbürger am Sonntag im Grunde kaum etwas zu entscheiden gab. Durch die Festlegung der SPD auf eine Koalition mit der CDU stand die Zusammensetzung der künftigen Landesregierung längst fest.

Sich als Pirat zu gerieren war daher wahlkampftaktisch etwa so riskant wie ein Tauchversuch im Babybecken. Jedenfalls gaben 85 Prozent der Piraten-Wähler der Forschungsgruppe Wahlen um Matthias Jung an, man könne „auch mal eine Partei wählen, die sonst nicht in Frage kommt“, da die Regierung praktisch schon feststehe.

CDU mobilisiert ihre Anhänger

Spektakulärer ging es auf den übrigen Schauplätzen des Wahlsonntags nur aus der Nähe betrachtet zu. Die CDU unter Führung der alten Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer konnte ihre potentiellen Anhänger mit der Aussicht auf den Machterhalt so weit mobilisieren, dass sie gegenüber der Wahl vor drei Jahren in der Summe nur 15.000 Stimmen einbüßte. Wegen der niedrigeren Wahlbeteiligung verwandelte sich dieses Ergebnis am Ende sogar in ein Plus von 0,7 Prozent.

Dass die saarländische Union dabei kaum Stimmen ehemaliger FDP-Wähler erhielt, wird Frau Kramp-Karrenbauer verschmerzen. Sie kann mit Fug und Recht sagen, in der ersten Wahl als Spitzenkandidatin aus eigener Kraft die entscheidenden Stimmen errungen zu haben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hausbesetzung in Berlin Leben im Sandkasten

Im Konflikt um den Polizeieinsatz in der Rigaer Straße 94 entfernen sich SPD und CDU immer weiter voneinander. In wichtigen Punkten widersprechen sie sich. Vieles erinnert an das Verhalten von Kleinkindern. Mehr Von Mechthild Küpper, Berlin

21.07.2016, 17:54 Uhr | Politik
Clinton und Trump Die Qual der Wahl des Vizepräsidenten

Vor den Nominierungsparteitagen der Republikaner und Demokraten in der zweiten Julihälfte laufen die Spekulationen um die wohl wichtigste Personalentscheidung der voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten auf Hochtouren: Wen holen sich Donald Trump und Hillary Clinton als Kandidaten für die Vizepräsidentschaft an die Seite? Mehr

07.07.2016, 15:52 Uhr | Politik
Wahl in Amerika Warum Trump Hillary Clinton schlagen kann

Kann Donald Trump amerikanischer Präsident werden? Entscheidend sind die wenigen heißumkämpften Staaten. Dort muss der designierte Kandidat der Republikaner die weißen Wutbürger zur Wahl am 8.November mobilisieren. Mehr Von Andreas Ross, Washington

18.07.2016, 13:08 Uhr | Politik
Parlamentswahl nach Brexit Spanien unternimmt neuen Versuch

Die Parteien hatten sich nach einer ersten Wahl im vergangenen Dezember nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen können. Mehr

25.06.2016, 11:44 Uhr | Politik
Leserdebatte Die AfD ist eine klar rechtspopulistische Partei

Wenn die AfD rechtspopulistisch ist – sollte man die Linkspartei dann nicht linkspopulistisch nennen? Einige Leser von FAZ.NET plädieren für die begriffliche Gleichbehandlung der beiden Parteien. Nur: Stimmt das inhaltlich? Wir haben bei einem Wissenschaftler nachgefragt. Mehr Von Martin Benninghoff

21.07.2016, 09:27 Uhr | Politik
Live-Ticker Wahl im Saarland
Um diesen Live-Ticker sehen zu können müssen Sie mindestens Flash 8 verwenden. Die aktuelle Flash Version finden Sie hier