21.01.2009 · Nach dem israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen versucht die Hamas, an die Macht zurückzukehren. Doch in der Bevölkerung haben die islamistischen Kämpfer an Rückhalt verloren. Vor der israelischen Armee hätten sie sich versteckt, die eigene Bevölkerung aber werde „weiter terrorisiert“, heißt es.
Von Jörg Bremer, JerusalemNoch immer ist der Gazastreifen für Korrespondenten schwer erreichbar. Israel lässt nur unregelmäßig eine per Los ausgewählte, begrenzte Zahl einreisen. So bleiben die Telefonkontakte wichtig, die langsam wieder zunehmen; seitdem sich die Menschen in ihre Häuser zurück trauen und der Strom für die Handy-Batterie neuerlich funktioniert.
Dabei entsteht ein zwiespältiger Eindruck: Einerseits scheint die islamistische Hamas wieder an der Macht; andererseits erlitt ihr Rückhalt in der Bevölkerung offenbar einen heftigen Rückschlag. Hamas-Polizisten zeigen sich wieder auf den Straßen, und sei es auch nur, um einen Verkehr zu regeln, den es nicht gibt. „Auffällig ist, dass bei vielen die Bärte fehlen, die sie vor drei Wochen noch stolz trugen“, sagt Issa, ein promovierter Naturwissenschaftler, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will.
Endkampf der Feiglinge
Aus Angst vor den Israelis hätten sich die meisten Islamisten den Bart abrasiert. „Anstatt den prophezeiten Endkampf gegen die israelischen Aggressoren zu führen, zogen sie ihre Uniformen aus, warfen ihre Waffen auf die Straße und versteckten sich bei Mutti“, sagt der Arzt weiter.
Es sei kein Zufall, dass die beiden wichtigsten Hamas-Politiker, Hanija und Zahar, noch nicht aus ihren Schlupflöchern aufgetaucht seien. „Sie fürchten weiter den Angriff der Israelis“. Zugleich aber sei die Hamas noch stark genug, die Bevölkerung zu terrorisieren, „ihr das Blaue vom Himmel zu versprechen, wenn sie nur auf die Straße geht, um den vermeintlichen Sieg über Israel zu feiern“, sagt Issa.
„Jetzt sollte Hamas vielmehr die Frage beantworten, warum 1400 Menschen sterben mussten, vor allem Frauen und Kinder, ohne dass Hamas etwas für ihre Verteidigung tat.“
Hamas will zurück an die Macht
Auch nach israelischen Zeitungsberichten versucht Hamas, wieder an die Macht zu kommen. Es gebe weiter die Verfolgung von oppositionellen Fatah-Anhängern: Hamas schießt ihnen in die Beine oder bricht ihnen die Knie. Andernorts heißt es, Hamas-Kämpfer versuchten die Hilfswaren für ihre Organisation abzuzweigen, die jetzt über die Kontrollpunkte von den Vereinten Nationen nach Gaza gebracht werden.
Als am Dienstag auf einen Konvoi geschossen wurde, habe das dem Fahrer gegolten, der seine Waren ordnungsgemäß abliefern wollte. Zu den Mörsergranaten, die die Hamas seit Erklärung der Waffenruhe am Wochenende auf Israel abfeuerte, sagt ein israelischer General: „Wir hatten eine Verabredung zum Kampf mit ihnen; aber sie liefen weg. Nun will die Hamas doch noch ihre Muskeln zeigen.“
In Ramallah im Westjordanland wird derweilen am Wiederaufbau des Gazastreifens gearbeitet. Der Chef des palästinensischen Unternehmerverbandes, Bassim Khoury, ein Unternehmer aus der Pharmaindustrie, ist zugleich Sprecher eines „Nationalen Komitees für den Wiederaufbau“. In ihm sollen alle staatlichen und privaten Hilfsmaßnahmen koordiniert werden. „Wir sammeln Geld, um dafür Waren einzukaufen, die die Vereinten Nationen nach Gaza bringen und schicken bereits Güter aus staatlichen Quellen.“ Der palästinensische Privatsektor stelle derweilen eine eigene Liste der zerstörten Unternehmen und Manufakturen im Gazastreifen zusammen.
Hilfe für die Wirtschaft
„Wir brauchen wieder eine normale Wirtschaft im Küstenstreifen, mit Importen und Exporten“, sagt Khoury. Der israelische Boykott mit der Grenzabriegelung, die Hamas schaden sollte, habe stattdessen ihre Macht gefestigt: „Der legale Handel wurde durch den illegalen Schmuggelhandel ersetzt, und der lag in den Händen einiger Familien, vor allem in Rafah im Süden, und bei der Hamas.“
Israel müsse von der internationalen Gemeinschaft verpflichtet werden, der Wirtschaft im Gazastreifen auf die Beine zu helfen. „Wer wirtschaftet - verdient, und wer verdient, der hat etwas zu verlieren und verliert sich nicht in einem unsinnigen Krieg mit Kalaschnikows gegen Panzer und Kampfhubschrauber“, sagt Khoury.
Tiefe Gräben zwischen Fatah und Hamas
Es könne von der Welt nicht erwartet werden, dass sie nun einer „Nationalen Einheitsregierung“ Geld gebe, in der Fatah und Hamas gemeinsam regieren, sagt Khoury weiter. Hamas stehe schließlich auf der Liste der Terrorgruppen. Zudem sei so eine Regierung auch unvorstellbar; der Graben zwischen Fatah und Hamas sei tief. Darum müsse jetzt in Ramallah eine „Nationale Regierung der Versöhnung“ aus Technokraten gebildet werden, in der nur Minister arbeiten, die sich später nicht zur Wahl stellen werden.
„Dieses Kabinett muss Gazastreifen und Westjordanland wieder zusammenführen und dabei vor allem den Gazastreifen rehabilitieren“. Dem stimme derzeit die Hamas noch nicht zu. Wenn die Bevölkerung aber sieht, dass der Aufbau nur kommt, wenn sich die Hamas zurückzieht, dann werde sie sich dem Konsens beugen müssen. „Bei den nächsten Wahlen kann Hamas wieder kandidieren“, meint Khoury.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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