06.02.2008 · Vorwahlen in Amerika: Bei den Demokraten geht der Zweikampf weiter, bei den Republikanern scheint die Sache klar: Senator McCain ist jetzt der Favorit. Ausgerechnet er! Die Parteibasis respektiert ihn als Person, aber sie liebt ihn nicht.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerNach der Wahl ist vor der Wahl. Zumindest der Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei ist nach dem „Super-Dienstag“ (oder auch „Tsunami-Dienstag) genannten quasinationalen Vorwahltag in den Vereinigten Staaten nicht entschieden. Eine Entscheidung wird möglicherweise erst auf dem Wahlparteitag im August fallen. Die Senatoren Clinton und Obama liefern sich ein spannendes, ja dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen (Siehe auch: Vorwahlen in Amerika: Latinos für Clinton, Schwarze für Obama).
Beiden ist es gelungen, ihre Wählerkoalitionen zu mobilisieren; und weder die Senatorin noch der Senator haben es vermocht, dem Rivalen beziehungsweise der Rivalin einen entscheidenden Schlag zu versetzen oder eine spürbare Niederlage zuzufügen.
Frau Clinton hat aufs Neue ihr Standvermögen und ihren zähen Machtwillen bewiesen, die organisatorische Stärke ihres Apparates ins Feld geführt, ihren Vorteil bei weiblichen Wählern ausgespielt und sich nicht davon einschüchtern lassen, dass viele Berühmtheiten dem Propheten des großen Wandels in Amerika ihren Segen erteilten. Dass sie diesmal ihren Mann fürs Grobe, den früheren Präsidenten Clinton, an der Kette hatte, erwies sich nicht als Nachteil.
Die Hautfarbe spielt keine geringe Rolle
Barack Obama hingegen gelang es, Erst- und Jungwähler zu mobilisieren – und das in einer Größenordnung, wie man es bisher nicht gekannt hat. Er elektrisiert, er begeistert. Aber auch er kann mit seiner süßlichen, beinahe unpolitischen Rhetorik des Überwindens aller soziologischen Kategorien und politischer Trennungslinien eines nicht verwischen: Die Hautfarbe der demokratischen Wähler spielt bei der Entscheidung zwischen beiden Kandidaten keine geringe Rolle. Und was die Bedeutung des Geschlechts anbelangt, bestand für Frau Clinton kein Grund zum Zweifel: Weiße (ältere) Frauen gehören zu ihren treuesten Wählern.
Bei den Republikanern ist die Sache klarer: Senator McCain, Vietcong-Gefangener und ein Befürworter des Irak-Krieges, der sein Außenseiterdasein in der Partei zu einem Markenzeichen gemacht hat, ist jetzt der Favorit. Ausgerechnet er! Die evangelikal-christliche, rechtskonservative Parteibasis respektiert ihn als Person; sie glaubt sogar, dass er die größten Chancen habe, für die Republikaner das Weiße Haus zu verteidigen; aber sie liebt ihn nicht, weil er auf vielen Politikfeldern „links“ von der Partei steht, vor allem in der Gesellschafts-, der Einwanderungs- und der Steuerpolitik, und weil er kein Freund der Regierung Bush ist. Das eine wie das andere freilich lässt ihn ins umkämpfte Reich der Mitte und der Wechselwähler ausstrahlen.
Trifft McCain auf Clinton, hat er eine Chance
Seine Verwundbarkeit – das ist paradox an einem Tag, der ihn der Nominierung erheblich näher brachte – hat der frühere Gouverneur von Arkansas, Huckabee, im Süden, der republikanischsten aller republikanischen Hochburgen, bloßgelegt. Für McCain kommt es in den kommenden Wochen darauf an, einen Weg aus diesem Dilemma zu finden: Er muss sich mit der konservativen Basis versöhnen und sich glaubhaft als genuin republikanischer Kandidat darstellen, der die disparaten Teile der Partei zusammenführen kann, ohne dabei sein Ansehen und seine Akzeptanz in der Mitte der Wählerschaft aufs Spiel zu setzen.
Gelingt McCain dieses Kunststück, dann hat er eine Chance beim Hauptkampf im November, vor allem dann, wenn er auf Hillary Clinton treffen sollte. Denn die wirkt, wie der Name Clinton generell, auf die republikanische Basis nach wie vor wie ein rotes Tuch. Eine Gegnerin Clinton könnte sich als McCains beste Mobilisierungshelferin erweisen. Umgekehrt ist für Frau Clinton dieser Republikaner, bei dem ein Bush-Malus vergleichsweise gering ausfallen dürfte, der gefährlichste Gegner – sie fischen im gleichen Wählerteich.
Ein starker Indikator für die Wechselstimmung im Lande
Aber von Handikaps und Wählerkoalitionen einmal abgesehen – es ist beeindruckend, mit welcher Leidenschaft und mit welchem Einsatz sich Demokraten und Republikaner an diesem Ausleseprozess beteiligen und welche Resonanz sie dabei finden. Bei den Demokraten ist die Politisierung besonders groß: Die Zahl der demokratischen (Vor-)Wähler ist ungleich größer als die der Republikaner. Das ist ein starker Indikator für die Wechselstimmung im Lande und ein Hinweis darauf, in welche Richtung sich das politische Pendel bewegt. Es ist sehr gut möglich, dass im November der Nachruf auf die „republikanische Ära“ angestimmt wird und der im Kongress schon vollzogene Machtwechsel auch im Weißen Haus stattfindet. Das wäre dann zu nicht geringem Teil das „Verdienst“ des George W. Bush.
Wer heute eine solche Prognose wagt, kann dafür gewichtige Punkte geltend machen. Aber gibt es eine unumstößliche Gewissheit über den Wahlausgang? Für viele in Europa, wo diese Kampagne mit beispielloser Aufmerksamkeit verfolgt wird, scheint das Ergebnis selbstverständlich zu sein. Auch das ist ein Zeichen für die Sehnsucht nach dem alten, scheinbar vertrauten Amerika und für den Grad der Abneigung gegen Bush. Doch wer wollte schon heute eine Wette eingehen? Die Wahlsaison ist noch lang; bis zum November kann vieles geschehen, und dabei muss man nicht einmal an Selbstzerfleischung im Lager der Demokraten denken. Und die Pointe der Vorwahlgeschichte ist, dass sich selbst der älteste Bewerber als Mann des Wechsels darstellen kann.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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