13.06.2003 · Wie der Volksaufstand in der DDR zum „faschistischen Putschversuch" umgedeutet wurde - und welche Rolle die Intellektuellen dabei spielten.
Von Hubertus KnabeDie Idee wurde im Politbüro geboren: Nachdem am 16. Juni 1953 Tausende Ost-Berliner zum Sitz der DDR-Regierung gezogen waren und die Rücknahme der Normenerhöhung verlangt hatten, behauptete das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" am Tag darauf, "faschistische Provokateure" aus dem Westteil der Stadt hätten sie zu den Protesten angestiftet.
Einen Tag später - inzwischen waren in der DDR Hunderttausende auf die Straße gegangen - war in der Zeitung zu lesen, die "faschistischen Agenturen" im Westen hätten "Hunderte und Tausende von Provokateuren" in die DDR entsandt, "um die Arbeit der Regierung um jeden Preis zu stören". Kurz darauf verlautbarte das Zentralkomitee, amerikanische und deutsche "Kriegstreiber", die möglichst rasch einen dritten Weltkrieg entfesseln wollten, seien für die "faschistische Provokation" am 17. Juni verantwortlich: "So sollte in der Deutschen Demokratischen Republik eine faschistische Macht errichtet und Deutschland der Weg zu Einheit und Frieden verlegt werden."
Intellektuelle im Dienst der Partei
Die schrille Propaganda klang jedoch wenig überzeugend. Viele Arbeiter waren selbst dabeigewesen, als die beliebtesten Kollegen zu Streikleitern gewählt worden waren. Also mobilisierte die SED ihre Dichter und Denker, um die Propaganda glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Anders als drei Jahre später in Ungarn, wo die Schriftsteller den Aufstand guthießen und auch nach seiner Niederschlagung nicht ihm abschwören wollten, gaben sich die meisten prominenten Intellektuellen in der DDR bereitwillig für diesen Dienst an der Partei her. Wenn den Aufständischen später vorgehalten wurde, sie hätten keine Wortführer hervorgebracht, dann hatte das nicht zuletzt in dem Verhalten der Intellektuellen seine Ursache.
Bertolt Brecht wurde damals im "Neuen Deutschland" mit einem Brief an Walter Ulbricht zitiert, in dem er schrieb: "Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen in diesem Augenblick meine Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen." Paul Dessau äußerte, die Sowjetarmee habe durch ihr "entschlossenes Durchgreifen gegen die faschistischen Brandstifter in Berlin die Freiheit für das deutsche Volk gesichert". Der Bildhauer Fritz Cremer begrüßte es, daß die sowjetische Armee "gegen die faschistischen Rowdys jetzt mit unerbittlicher Strenge vorgeht und Todesurteile gegen sie fällt. Das ist die einzige Sprache, die diese Banditen verstehen."
Faschismus-Vorwurf ausgeschmückt
Vor allem die Schriftsteller schmückten den Faschismus-Vorwurf weiter aus. Friedrich Wolf erinnerten die Aufständischen an die "Nazibrandstifter", die "mit dem Reichstagsbrand und der Verbrennung der fortschrittlichen Bücher vor der Universität einen Zündstoff schufen für den zweiten Weltbrand mit den Bombennächten über Berlin und Coventry, London und Warschau". Stefan Heym klagte über die "Ausschreitungen des Mobs von faschistischen Stoßtrupplern in Ringelsöckchen und Cowboyhemden". Erich Loest warf den Arbeitern vor, zugesehen zu haben, "wie der Faschismus versuchte, die Straßen von Berlin in seine Gewalt zu bekommen". Für den "schamlosen Terror in Berlins Straßen" machte Loest "heruntergekommene Jugendliche, Strolche, Bubis mit chromblitzenden Rädern, Mädchen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte", verantwortlich.
Bei den meisten Einlassungen handelte es sich nicht um die üblichen Ergebenheitsadressen, zu denen Künstler in Diktaturen oft gezwungen werden. Die Schriftsteller glaubten vielmehr der staatlichen Propaganda. Daß sich die Arbeiter gegen die angebliche Arbeiterregierung auflehnten, hatte sie tief erschreckt. Ihr Weltbild war bedroht, hatten sie sich doch selbst die Rolle des fortschrittlichen Künstlers an der Seite der Partei zugedacht. Der Rückgriff auf die Zeit des Nationalsozialismus half ihnen zu akzeptieren, daß das Volk manchmal auch mit Gewalt auf den rechten Weg gebracht werden müsse.
„Berlin am Rande eines dritten Weltkrieges“
Brecht hatte seine Erklärung aus eigener Initiative bereits am Morgen des 17. Juni abgeschickt. Dem Verleger Peter Suhrkamp suchte er in einem Brief weiszumachen, daß schon in den frühen Morgenstunden jenes Tages "kolonnenweise" deklassierte Jugendliche aus dem Westen eingeschleust worden seien. Die Rauchwolken über der Polizeistation am Potsdamer Platz verglich er mit denen des Reichstagsbrands. "In manchen Orten gab es Überfälle auf Juden. (...) Mehrere Stunden lang, bis zum Eingreifen der Roten Armee, stand Berlin am Rande eines dritten Weltkrieges." Auch dem Regisseur Erwin Leiser gegenüber behauptete Brecht, daß die SED am 17. Juni "von faschistischem und kriegstreiberischem Gesindel angegriffen" worden wäre. Er versicherte: "Im Kampf gegen Krieg und Faschismus stand und stehe ich an ihrer Seite." Sein später berühmt gewordenes Gedicht "Die Lösung", in dem er der Regierung vorschlug, sich ein neues Volk zu wählen, blieb hingegen unveröffentlicht.
Die Äußerungen der Intellektuellen standen im krassen Gegensatz zur Wirklichkeit. Es war die SED, die kurz vor dem 17. Juni die Juden aus Ostdeutschland vertrieben hatte. Im "Neuen Deutschland" konnte man damals lesen, daß der amerikanische Imperialismus den Zionismus für das "Einschleusen von Verrätern und Spionen" benutze und deshalb "seine Agentenbanden zu einem großen Teil aus Juden bestehen". Im gesamten Ostblock wurden Anfang 1953 ranghohe jüdischstämmige Funktionäre verhaftet, so daß in der DDR fast alle Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden überstürzt die Flucht ergriffen.
SED organisierte Schauprozesse
Die Demonstranten hingegen konnten schon deshalb nicht "Faschisten" gewesen sein, weil - wie jeder wußte - ihre wichtigste Forderung die nach freien und geheimen Wahlen gewesen war. Sie kamen auch nicht aus dem Westen, wie die SED aus ihren internen Analysen nur zu gut wußte. Danach waren von den 6057 Personen, die bis zum 22. Juni festgenommen wurden, weniger als ein Prozent Westdeutsche. Bei der Prüfung ihrer Parteizugehörigkeit stellte sich außerdem heraus, daß die meisten Mitglieder der SED waren. Von denen, die nach dem Volksaufstand verurteilt wurden, hatten nur 138 früher einer nationalsozialistischen Organisation angehört - eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu den 166.000 SED-Mitgliedern, auf die dies damals ebenfalls zutraf.
Um den Beweis für das nicht Beweisbare anzutreten, organisierte die SED Schauprozesse. Am 22. Juni verurteilte das Bezirksgericht Halle eine Frau zum Tode, die bei der Erstürmung eines Gefängnisses freigekommen war. Im "Neuen Deutschland" wurde behauptet, Erna Dorn sei "SS-Kommandeuse im berüchtigten Frauenkonzentrationslager Ravensbrück" gewesen und "federführend tätig bei den faschistischen Provokationen in Halle am 17. Juni". Weder das eine noch das andere stimmte - gleichwohl wurde sie am 1. Oktober 1953 enthauptet.
Wieder war es ein Schriftsteller, der sich der SED als Propagandist zur Verfügung stellte. 1954 veröffentlichte Stephan Hermlin die Erzählung "Die Kommandeuse", in der er die Legende von der "KZ-Bestie" weiter ausschmückte und berichtete, wie Erna Dorn in Ravensbrück die Hunde gerufen und Häftlinge in die Latrinen getrieben hätte. Stefan Heym nahm die Erzählung noch 23 Jahre später in seinen in Hamburg erschienenen Sammelband "Neue Prosa aus der DDR" auf. Bis heute findet man deshalb Intellektuelle in Ost und West, die zu wissen meinen, daß am 17. Juni auch Faschisten befreit wurden.