28.02.2006 · In der Bekämpfung der Vogelgrippe sind Thailand und Vietnam entgegengesetzte Wege gegangen. Beide Länder mit ersten Erfolgen. Was Europa daraus lernen kann? Nicht die Art der Schutzmaßnahmen ist entscheidend, sondern ihre Strenge.
Von Peter-Philipp SchmittGut zwei Jahre ist es her, da verspeiste der thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra lustvoll ein Brathähnchen vor laufenden Kameras. Die Lust auf vertrauensbildende Maßnahmen verging ihm schnell. Nur wenige Tage nach dem Auftritt wurde der Regierungschef persönlich für den ersten Vogelgrippetoten seines Landes, einen sechsjährigen Jungen, verantwortlich gemacht.
Bis jetzt sind 14 Thailänder an dem H5N1-Erreger gestorben. Auch wirtschaftlich wurde das größte Geflügelerzeugerland in Asien hart getroffen. Millionen Hühner mußten getötet werden, der Schaden geht in die Milliarden. Die thailändische Regierung wurde weitgehend unvorbereitet von der Seuche getroffen. Versäumnisse gab es viele. Informationen flossen anfangs spärlich. Die Regierung, so wurde ihr vorgehalten, bediene sich einer ähnlichen Verschleierung wie die Volksrepublik China zu Beginn der Sars-Krise. Ministerpräsident Thaksin Shinawatra dürfte im stillen seine kleine Inszenierung mehr als einmal verflucht haben.
Glimpflich durch die Krise
Jetzt aß der französische Staatspräsident Chirac ein Bresse-Huhn - auf der Landwirtschaftsmesse in Paris, auf der vorsorglich und zum ersten Mal in der mehr als 40 Jahre währenden Messegeschichte kein lebendes Geflügel ausgestellt werden durfte. Frankreich ist der größte Geflügelerzeuger in der EU. Und es ist das erste Mitgliedsland, das einen Fall von Vogelgrippe in einem Stall mit Nutztieren zu vermelden hatte.
Die Franzosen sind aber mit den Risiken des Vogelgrippevirus H5N1 vertraut. Zumindest sollte man das annehmen können. Doch ausgerechnet die Franzosen, die von sich behaupten, sie züchteten die leckersten Hühner der Welt, essen schon seit Wochen immer weniger Geflügel. Der Umsatz ist bereits um 30 Prozent zurückgegangen. In Italien sind es sogar fast 70 Prozent, dabei hat es in dem Mittelmeerland noch nicht einmal einen Vogelgrippefall bei Nutztieren gegeben. Die deutschen Geflügelerzeuger hingegen sind bisher vergleichsweise glimpflich durch die Krise gekommen.
Widersprüchliche Voraussagen
Mehr als zwei Jahre hat das H5N1-Virus für seinen Weg von Thailand bis nach Frankreich benötigt. Es war eine für die Menschheit lehrreiche Zeit, doch kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, daß selbst die Fachleute in den vergangenen 24 Monaten nicht sehr viel schlauer geworden sind. Ihre Voraussagen jedenfalls widersprechen sich genauso wie ihre Empfehlungen. Während die einen sagen, daß die Welt ganz sicher mit einer neuen Grippe-Pandemie rechnen muß, behaupten andere, wie der deutsche Virologe Stephan Ludwig, daß die Wahrscheinlichkeit, daß sich das Virus durch Mutation doch noch an den Menschen anpaßt, immer geringer wird.
Während Frankreich und die Niederlande nun auf das massenhafte Impfen von Geflügel setzen und damit Einfuhrstopp in andere Länder in Kauf nehmen, lehnen die deutschen Fachleute ein solches Vorgehen ab: Denn infizierte Tiere ließen sich von geimpften Tieren nicht unterscheiden, zudem würde das behandelte Federvieh weiterhin Viren ausscheiden.
Zwei Wege zu ersten Erfolgen
Der Blick nach Südostasien hilft nur bedingt weiter, obwohl Vietnam, das mit 42 Toten die bislang meisten Vogelgrippeopfer zu verzeichnen hatte, und Thailand erste Erfolge vermelden können. Die kommunistische Regierung in Hanoi tötete zunächst an die 100 Millionen Hühner, begann dann aber, weil der gewünschte Erfolg ausblieb und sich das Virus weiter ausbreitete, im September 2005 mit einem Massenimpfungsprogramm. Inzwischen hat es seit einem Monat keinen neuen Krankheitsausbruch mehr gegeben, der jüngste Todesfall war im November.
Thailand wiederum hat das Impfen verboten, um den Geflügelexport nicht zu gefährden. Dafür wurden nicht nur ein Siebtel des Gesamtbestands (rund 30 Millionen Tiere) getötet, sondern auch 900.000 freiwillige Helfer geschult und in die entlegensten Dörfer entsandt, um die Bauern über die Krankheit zu informieren. Auch in Thailand gibt es keine neuen Fälle von Vogelgrippe, seit Anfang Dezember ist niemand mehr an dem H5N1-Virus gestorben. Die EU hat inzwischen die Einfuhr von gekochtem Hühnerfleisch aus Thailand wieder erlaubt, die Regierung in Bangkok indes hat die Einfuhr von Geflügel aus all den europäischen Ländern verboten, in denen das Virus aufgetreten ist.
Was Europa von Asien lernen kann
Wenn Europa etwas von Vietnam und Asien lernen kann, so sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dann vor allem das: Je strenger die Schutzmaßnahmen ausfallen, desto besser. Es geht also letztlich nicht um die Frage: Impfen oder keulen? Oder um eine genaue Vorhersage, ob die Pandemie kommt oder nicht. Es geht darum, sich auf das jeweils Schlimmste rechtzeitig vorzubereiten.
Unbestritten ist schon jetzt, daß sich die Seuche in Europa weiter ausbreiten wird. Klar ist wohl auch, daß wir das Virus nicht mehr loswerden. Wie andere Influenza-Viren wird es dauerhaft in der Wildvögelpopulation zirkulieren und immer wieder Nutztiere befallen: auch indem der Mensch zum Beispiel an seinen Schuhen oder an seiner Kleidung oder mit seinen Zufuhren den Erreger in Ställe erst hineinträgt, wie es offenbar in dem französischen Putenzuchtbetrieb geschehen ist.
Die Vogelgrippe, man kann es nicht oft genug sagen, ist eine Tierseuche. Sie stellt nun auch eine große Gefahr für das europäische Geflügel dar. Für den Menschen aber ist das Risiko nicht wesentlich größer geworden, seit der H5N1-Erreger Europa erreichte. Das gilt so lange, wie dieses Virus nicht mutiert. Daß in Ostanatolien vier Personen an dem Virus starben, lag vor allem daran, daß die Bauern dort an besonders kalten Tagen ihr Geflügel traditionell mit ins Wohnzimmer nehmen. Unwissenheit und Unvorsichtigkeit sind einstweilen die eigentliche Gefahr. Der Hühnerbissen aber, gut durchgebraten, braucht niemandem im Halse steckenzubleiben.
Impfstoff
Ralf Dreßler (koenigdernachtuhu)
- 02.03.2006, 09:19 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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