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Visa-Affäre Die machen alles für dich

08.03.2005 ·  Die Grünen leiden schwer unter der Affäre um erschlichene Visa, aber manchmal finden sie die Sache auch lustig. Einen humorvollen Zugang findet gelegentlich auch Jerzy Montag, ihr Obmann im Visa-Untersuchungsausschuß.

Von Peter Carstens
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Die Grünen leiden schwer unter der Visa-Affäre, aber manchmal finden sie die Sache auch lustig. So bemerkte Umweltminister Trittin kürzlich in einem Gedränge an der Grünen-Parteizentrale, es gehe da ja her „wie vor der Botschaft in Kiew“. Einen humorvollen Zugang zu der Affäre um erschlichene Visa findet gelegentlich auch Jerzy Montag, der Obmann der Grünen im Visa-Untersuchungsausschuß.

Neulich verlas der erste Schirm seines Außenministers im Parlament lächelnd einen Leserbrief aus einer konservativen Zeitung, dessen Schreiberin mit „Danke Joschka Fischer!“ berichtete, „unsere Olga kam 2001 aus der Ukraine über Deutschland nach Italien“. Dort habe sich die Ukrainerin bei der Pflege der Schwiegermutter unentbehrlich gemacht, berichtet Frau Godehus de Francesco. Inzwischen habe „Olga“ Papiere und zahle Steuern. „Na, also, nicht immer bloß Kriminelle und Zwangsprostituierte!“ rief Jerzy Montag nach der kurzen Lesung in die Runde.

Probleme mit der Visaerteilung

Anfang letzter Woche war er in Rußland. Gemeinsam mit der Fraktionsvorsitzenden Göring-Eckart besuchte Montag in Moskau und Sankt Petersburg die russische Opposition. Und außer ihnen, so erzählt Montag, habe noch eine Praktikantin bei der grünen Reisegesellschaft mitfahren wollen. Es habe dann aber irgendwelche Probleme gegeben, etwas mit der Visaerteilung oder so ähnlich (Jerzy Montag lächelt ironisch bei dieser Bemerkung), jedenfalls sei die junge Person dann in ein Berliner Reisebüro gegangen.

Dort habe man ihr nicht bloß ein Visum verschaffen können, sondern gleich noch (für fünfzig Euro Aufpreis) eine persönliche Einladung eines angeblichen schweizerischen „Hostel“-Besitzers in Petersburg. Das alles, „ohne den Einlader zu kennen oder die russische Botschaft je von innen gesehen zu haben“, so Montag. Den Tip für das Berliner Reisebüro hatte die Praktikantin Daniela J. von ihrem Freund in Moskau. Geh dorthin, habe der gesagt: „Die machen alles für dich.“ Und so geschah es auch.

Sorglos-Reisen-Paket für 150 Euro

Insgesamt zahlte die 23 Jahre alte Grünen-Praktikantin etwa 150 Euro für das Sorglos-Reisen-Paket des Vermittlers inklusive aller Gebühren, Einladung und Visum. Die Beschreibung des „Hostels“ in Sankt Petersburg klang zwar etwas merkwürdig: „Eigentlich eine große Vier-Zimmer Wohnung“ im „Hinterhof, keine Hinweisschilder oder Beschriftung“, so das Reisebüro.

Aber die Praktikantin Daniela J., die wir gestern telefonisch auf einem Abstecher nach Neapel erreichten, war frohgemut und gelangte dann auf abenteuerlichen Wegen (Billigflug nach Tallinn, Nachtbus nach Sankt Petersburg), aber ohne Zwischenfälle zur grünen Rußland-Delegation. Und das lustigste an der Geschichte sei, so erzählte Jerzy Montag, daß das Reisebüro den Namen „Vostok“ trage, genau wie der Titel des Berichts des Bundeskriminalamtes zur Schleuserkriminalität.

Reisebüro „Vostok“ im Wostok-Bericht

Im „Wostok“-Bericht des Bundeskriminalamts zur legendierten Schleusung mit fingierten Einladungen und erschlichenen Visa werden bundesweit 350 Reisebüros und -agenturen aufgelistet. Die meisten verdächtigt das Bundeskriminalamt, an kriminellen Schleusungen beteiligt gewesen zu sein.

Und das erstaunlichste daran: Das Reisebüro, das der Grünen-Praktikantin Einladung und Visum verschaffte, um zum Ausschußobmann Montag und zur Fraktionsvorsitzenden Göring-Eckart nach Sankt Petersburg zu gelangen, heißt nicht bloß „Vostok“, es taucht auch mit Namen, Adresse und Inhaberdaten im BKA-Bericht auf. Bekannt sei die Firma dem Bundeskriminalamt, so wird berichtet, im Zusammenhang mit Ermittlungen in Spanien geworden.

Im Zuge spanischer Ermittlungen („Operation Boba“) gegen eine internationale Schleuserbande seien unter anderem in verschiedenen „Animierclubs“ in Lloret de Mar ukrainische Frauen mit Schengen-Visa aufgegriffen worden. Eine Überprüfung der Frauen und ihrer Einlader führte unter anderem zu „Vostok-Reisen“ nach Berlin. Immerhin ist nun bewiesen, daß zumindest dieses Reisebüroverfahren auch den Grünen beihilft.

Quelle: F.A.Z., 09.03.2005, Nr. 57 / Seite 3
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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