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Vertriebene Tor der Erinnerung

 ·  An diesem Montag feiert der Bund der Vertriebenen in Berlin sein fünfzigjähriges Bestehen. Jahrzehntelang versuchte der Verband, sein Anliegen in die deutsche Gesellschaft zu tragen. Doch erst spät war er damit erfolgreich. Von Stefan Dietrich.

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Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und Südosten Mitteleuropas wird seit einigen Jahren wieder lebhaft diskutiert - vor allem darüber, in welcher Form und in welchem Kontext dieses Kapitels deutscher Geschichte gedacht werden darf. Der fünfzigste Jahrestag der Gründung des Bundes der Vertriebenen (BdV), der an diesem Montag in Berlin begangen wird, macht bewusst, dass es mittlerweile auch eine Geschichte dieses Gedenkens gibt, die ebenso kontrovers, aber noch weniger erforscht ist.

„Spiegelbild der Gesellschaft“

Erst im August vergangenen Jahres vergab die BdV-Vorsitzende Erika Steinbach (CDU) den Auftrag, die Annalen ihres Verbandes wissenschaftlich fundiert zu schreiben. Anlass war ein Fernsehbericht, in dem die Vertriebenen beschuldigt wurden, in den ersten Nachkriegsjahren mehr als hundert ehemals aktive Nationalsozialisten in führenden Verbandsfunktionen geduldet zu haben. Wie weit das noch auf den BdV zutraf, der am 27. Oktober 1957 aus der Verschmelzung des Zentralverbandes vertriebener Deutscher und des Verbandes deutscher Landsmannschaften hervorging, harrt der Klärung.

Vorsorglich wies Frau Steinbach darauf hin, dass die Vorgängerorganisationen des BdV in ihrer Zusammensetzung „ein Spiegelbild der Gesellschaft“ gewesen seien. Zugleich kritisierte die BdV-Vorsitzende, dass ihr Verband zwar über Jahrzehnte Objekt intensiver Ausspähung östlicher Geheimdienste gewesen, doch von Historikern weitgehend ignoriert worden sei, obwohl sein Archiv jedermann zugänglich sei.

Millionenfaches Wählerpotential

Im Gründungsjahr des BdV hatten die Vertriebenen den Höhepunkt ihres Einflusses auf die Politik der Bundesrepublik fast schon überschritten. Ihre politische Vertretung, der 1950 gegründete Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), hatte zwar vorübergehend der zweiten Regierung Adenauer angehört, war aber schon 1955 in die Opposition gegangen. Als millionenfaches Wählerpotential waren die Vertriebenen aber weiterhin umworben, vor allem von den beiden Volksparteien.

Die Charta der Heimatvertriebenen von 1950, die das Recht auf Heimat mit dem Grundsatz des Gewaltverzichts und der Hoffnung auf ein friedlich vereintes Europa verband, passte zu jedem demokratischen Programm. Allerdings entging den Vertriebenen die Doppelbödigkeit dieser politischen Unterstützung. Schon Adenauer glaubte nicht an eine Revision der Oder-Neiße-Grenze. Als Mittel zur Wahrung von Rechtsansprüchen für spätere Friedensverhandlungen und zur konfrontativen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus kamen ihm und seinen Nachfolgern die Forderungen der Vertriebenen jedoch gelegen.

Tragweite des KSZE-Prozesses verkannt

Nachdem sie sich im und für den Kalten Krieg hatten instrumentalisieren lassen, wurden die Vertriebenen zunehmend als störend empfunden, als die Zeit der Entspannungspolitik anbrach. Damit ging auch die Phase der parteipolitischen Neutralität des BdV zu Ende, die sich in der Wahl seiner Vorsitzenden gezeigt hatte: Dem CDU-Abgeordneten Hans Krüger waren der sudetendeutsche Sozialdemokrat Wenzel Jaksch und der SPD-Abgeordnete Reinhold Rehs gefolgt. Ende der sechziger Jahre aber zeichnete sich der Bruch mit der SPD ab. Rehs und der langjährige Vizepräsident Hupka verließen die Partei aus Protest gegen eine Aussöhnung mit dem Osten, die sie „Verzichtpolitik“ nannten.

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22.10.2007, 12:43 Uhr

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