07.11.2006 · Die Generation der Enkel will mehr über Flucht und Vertreibung ihrer Großeltern erfahren. Viele der Alten, die so lange aus Scham schwiegen, sind nun bereit zu reden, damit ihre dramatischen Erlebnisse nicht vergessen werden.
Von Wulf Schmiese, Berlin„Hat uns sehr ergriffen!“ schrieben die Gymnasiasten ins Gästebuch der Vertreibungsausstellung und unterzeichneten: „Klasse 10 E aus Dope-Town Mönchengladbach“. Jugendliche, die es cool finden, aus einer „Drogen-Stadt“ zu kommen, interessieren sich für das Thema der deutschen Flucht. „Wollen mehr erfahren . . .“; „Regt an, nachzudenken über die Geschichte der eigenen Familie . . .“; „Für uns ist es nicht zu spät . . .“ Viele solche Sätze sind in jugendlicher Schrift in die Gästebücher der beiden Vertreibungsausstellungen gekringelt worden, die den Sommer über in Bonn und Berlin gezeigt wurden.
Das Thema Vertreibung hat die Enkel erreicht. „Die wollen wirklich mehr wissen“, sagt der Historiker Sven Oole. Beim Durchblättern der Gästebücher sei ihm das klargeworden. „Lange Schatten“ heißt nun eine Veranstaltungsreihe, die er mitkonzipiert hat. Sie soll am Mittwoch im Berliner Martin-Gropius-Bau beginnen. Bis Ende April wird sie an sieben Abenden die Folgen von Flucht und Vertreibung zeigen: im Spiegel von Literatur, Film und Presse, vor allem aber der Familien. Vom stummen Schmerz der Großeltern wird berichtet werden, vom verdrängten Trauma ihrer Kinder und von der ererbten Wurzellosigkeit der Enkel.
Weiße Mützchen Hunderter ertrunkener Kinder
Sven Oole ist selbst ein Enkel Vertriebener. Seine Großmutter hat ihm nicht viel aus ihrer Vergangenheit erzählt, nur eine einzige grausame Geschichte, und die immer wieder: Sie hatte Karten für die letzte Fahrt der „Wilhelm Gustloff“ besessen, wollte auf ihr vor den vorrückenden Russen in den sicheren Westen fliehen. Doch da ihr Sohn Lungenentzündung hatte, kamen sie zu spät zum Kai in Gotenhafen: Das Schiff war schon voll. Ein Fischerboot nahm sie mit - und überholte die eben versenkte „Gustloff“ bei Danzig. Auf dem Wasser trieben die weißen Mützchen Hunderter ertrunkener Kinder. „Da endete immer die Geschichte, weil ihre Stimme brach“, erinnert sich Oole.
„Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“: So heißt die Ausstellung, die am Donnerstag abend im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet wurde. Vertriebene begrüßen das Projekt, vor allem aus Polen kommt dagegen heftige Kritik.
Die Großmutter ist lange tot, wie die meisten Mütter, die vor sechs Jahrzehnten mit ihren Kindern aus dem heutigen Rußland und Polen fliehen mußten. Von den 12 bis 14 Millionen Vertriebenen, die aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs stammten, machten fast nur Frauen und Kinder die Flucht über Eis und Schnee mit in jenem Kältewinter 1944/45. Die Männer waren gefallen, gefangen oder befanden sich noch im Endkampf. Deshalb fühlt sich der Frauenverband im Bund der Vertriebenen, für den Sven Oole arbeitet, zuständig für die Aufarbeitung dieser Frauengeschichte, zu der Mißhandlungen, Vergewaltigungen, Internierungen und Deportationen gehören.
Vertriebene der zweiten Generation
„Das lange Schweigen habe ich selbst erlebt“, sagt Sibylle Dreher, die seit acht Jahren Präsidentin des Frauenverbands ist. „Die meisten Frauen haben aus Scham und Scheu ein Leben lang nicht drüber sprechen können, was sie erlebt haben.“ Die Mütter hätten sich herausgeredet: „Das haben wir alles verarbeitet, nun ist gut.“ Doch die Kinder, wie sie selbst, wußten nur zu gut, daß das nicht stimmte. „Iß brav auf, Kind, sonst kommen die Russen wieder“, „Churchill hat uns verraten“ und „Willy Brandt hat Deutschland verkauft“, das waren die Sprüche der Eltern, erinnert sich Frau Dreher.
Ihr Leben ist typisch für viele Vertriebene der zweiten Generation. Selbst kann sie sich an die Flucht nicht erinnern, sie war noch ein Säugling. Der Heimatverlust war daheim zwar stets ein Thema, die Fluchterlebnisse selbst aber nicht. Erst im Nachlaß der Mutter entdeckte Frau Dreher einen Kalender von 1945 mit Eintragungen des Namens „Niko“. Der ältere Bruder habe nach vielen Fragen zugegeben, das sei wohl der russische Offizier gewesen, mit dem sich die Mutter eingelassen habe, um die Kinder durchzubringen und Vergewaltigungen zu entgehen. So halfen sich viele Kriegswitwen über die erste schwere Zeit.
Kontakte zu Polen, Tschechen und Russen
„Gesprochen hat sie darüber nie“, sagt Frau Dreher. Doch gründete ihre Mutter den Frauenverband mit, in dem viele ihr Leid teilten. „Wir Vertriebenenkinder fühlten uns trotz Lastenausgleichs im Westen wie Menschen zweiter Klasse“, sagt Frau Dreher. Weil bei vielen ihres Alters der Wunsch nach Anerkennung ähnlich brannte, hatte der Frauenverband keine Nachwuchsprobleme. Der Verband gehört formal zum Bund der Vertriebenen (BdV), sehe sich aber unabhängig von den Funktionärsinteressen des „männerdominierten BdV“, sagt Frau Dreher.
Der Frauenverband, dem nach Angaben seiner Präsidentin 100.000 Frauen angehören und der damit eine der größten Frauenvereinigungen Deutschlands ist, bemüht sich um einen modernen Auftritt. Auch die Kontakte zu Polen, Tschechen und Russen werden enger. Bei den östlichen Nachbarn steigt offenbar das Interesse an jenen, die einst vertrieben wurden - und es schwindet die Angst vor ihrer Rückkehr. Frau Dreher erzählt vom polnischen Lehrer Czarnuch aus Vietz, heute Witnica, bei Küstrin, der ihr stolz berichtet habe: „Mein Deutscher ist jetzt auch gekommen.“ Ein polnischer Schuldirektor aus dem westpreußischen Lenzen, heute Lecze, schrieb: „Wir leben hier in einem Land, dessen Kultur wir nicht kennen. Wir wollen gerne von den früheren Bewohnern etwas darüber erfahren.“
Vertriebene vom Kosovo bis Ruanda unterstützen
Die Auftaktveranstaltung von „Lange Schatten“ wird die bisher kaum erforschte „Tradierung von Geschichtsbewußtsein“ zum Thema haben. „Es geht uns aber nicht darum, nur die alte Trauerarbeit fortzuführen“, sagt Oole. „Wir wollen helfen, sie zu bewältigen. Denn nur wenn wir wissen, was mit unserm Volk geschah, können wir andere Vertriebene vom Kosovo bis Ruanda oder Osttimor unterstützen, auch mit ihrem Schicksal fertig zu werden.“
Ermutigt durch das Interesse der Enkel, hat der Frauenverband neue Mitstreiter gesucht gegen das Vergessen der Vertreibung. Erstmals arbeitet mit ihm die Bundeszentrale für politische Bildung sowie die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zusammen. Gemeinsam haben die drei Institutionen die 40.000 Euro teure Veranstaltungsreihe geplant und finanziert.
Nun stellen die Enkel Fragen
„Das Thema gehört nicht Verbänden, Interessengruppen oder Ideologen“, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. „Wir haben keine Berührungsangst, denn das Leid von Flucht und Vertreibung geht uns alle an.“ Krüger ist Jahrgang 1959, in der DDR aufgewachsen, wo er die SPD mitgründete. Auch er ist Vertriebenenkind. Sein Vater stammt aus Westpommern, sprach jedoch nie davon. „Das Thema war in der ganzen DDR radikal tabuisiert, obwohl jeder vierte dort Vertriebener war“, sagt Krüger: „Wir wußten nichts.“
Im Westen hingegen hätten seine Altersgenosssen wie auch die Achtundsechziger-Generation „nichts wissen wollen, weil ihnen das Thema ideologisch verstellt war“. Doch nun stellen die Enkel Fragen. Und die Alten, die so lange aus Scham schwiegen, geben Antworten. „Sie wollen ihre Geschichte vorm Tod noch loswerden“, sagt Krüger: „Auch mein Vater erzählt seine Geschichte endlich - meinen Kindern.“