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Verschwudener Sprengstoff im Irak Kerry: „Das Weiße Haus weicht aus“

 ·  Russische Spezialkräfte seien für das Verschwinden von fast 400 Tonnen Sprengstoff im Irak verantwortlich, verlautet es aus dem Pentagon. Nun behauptet eine irakische Terrorgruppe, im Besitz des hochexplosiven Materials zu sein.

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Eine irakische Extremistengruppe ist nach eigenen Angaben im Besitz des aus einem Waffenlager verschwundenen Sprengstoffs. Amerikanische Geheimdienstbeamte hätten bei der Beschaffung des Materials geholfen, erklärten die Al-Islam-Armeebrigaden in einem Video, das der Fernsehnachrichtenagentur APTN am Donnerstag zuging.

Der Wahrheitsgehalt der Angaben konnte zunächst nicht überprüft werden. Der Sprecher der Gruppe drohte, den Sprengstoff gegen ausländische Truppen einzusetzen, sofern diese eine irakische Stadt „bedrohen“ sollten.

„Russisches Verschleierungsmanöver“

Für das Verschwinden von den 380 Tonnen Sprengstoff sollen dagegen nach Angaben eines ranghohen Pentagin-Beamten russische Spezialkräfte verantwortlich sein. Rußland habe kurz vor dem Beginn des Irak-Kriegs eine Reihe von Militäreinheiten in das Land gebracht, um Beweise für die Zusammenarbeit mit dem Irak zu vernichten, sagte der stellvertretende Staatssekretär im amerikanischen Verteidigungsministerium, John Shaw, der „Washington Times“. Sie hätten das hochexplosive Material „mit großer Wahrscheinlichkeit“ aus der ehemaligen irakischen Militäreinrichtung Al Qaqaa südlich von Bagdad herausgeschafft und anschließend nach Syrien, Libanon und möglicherweise in den Iran geschickt.

Er habe vor kurzem von zwei europäischen Geheimdiensten Informationen über das russische Verschleierungsmanöver erhalten, sagte Shaw, der für die Katalogisierung der vom Ausland an den Irak gelieferten Waffen verantwortlich ist. Demnach soll Rußland aus dem irakischen Arsenal die gefährlichsten Waffen von den anderen Waffen wie Mörsern, Bomben oder Raketen getrennt und dann in benachbarte Länder, „möglicherweise auch Iran“ gesandt haben.

Rußland: Absurde Vorwürfe

Die Al-Qaqaa-Anlage sei immer stark bewacht gewesen, betonte Shaw; der Sprengstoff könne somit kaum gestohlen worden sein. Es sei auch wenig wahrscheinlich, daß er erst nach dem amerikanischen Einmarsch im Irak abhanden gekommen sei.

Auch ein Oberst der amerikanischen Infanterie sagte in Washington, er könne sich nicht vorstellen, daß eine so große Menge tatsächlich unbeobachtet gestohlen worden sei. Nach der Eroberung der Anlage im April 2003 hätten die beiden wichtigsten Zufahrtsstraßen stets unter amerikanischer Bewachung gestanden, sagte David Perkins.

...oder systematische Plünderungen?

Zwar habe es Plünderungen gegeben, zum Abtransport so großer Mengen wären aber Lastwagen nötig gewesen. Perkins gestand allerdings ein, daß in der Militäranlage Plünderungen stattgefunden hätten. Er bezweifele jedoch das berichtete Ausmaß. Dies schien Vermutungen Auftrieb zu geben, der Sprengstoff könnte noch vor dem Sturz von Saddam Hussein abhanden gekommen sein. Zuvor hatten Journalisten und Soldaten berichtet, die Plünderungen hätten zum Teil vor den Augen der amerikanischen Truppen stattgefunden.

Rußland wies jegliche Beteiligung an dem Diebstahl entschieden zurück. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau bezeichnete entsprechende Vorwürfe aus dem Pentagon als absurd.

Die „New York Times“ dagegen berichtete, Plünderer seien nach der amerikanischen Invasion im März vergangenen Jahres in die Anlage eingedrungen. Einige der Räuber seien mit Lastwagen gekommen, um Munition, schwere Waffen und Büroeinrichtungen abzutransportieren, berichtete das Blatt unter Berufung auf mehrere Augenzeugen.

Der genaue Zeitpunkt, zu dem der Sprengstoff verschwunden seien, sei nicht klar, zu den Plünderungen sei es aber erst nach der Ankunft der Amerikaner gekommen.

„Hochexplosives“ Wahlkampfthema

Die Vorgänge sind inzwischen ein wichtiges Thema im amerikanischen Wahlkampf. Nach Auffassung des demokratischen Herausforderers John Kerry ist der Vorfall ein weiterer Hinweis für den nachlässigen Umgang der Regierung von Präsident George W. Bush mit dem Irak-Krieg und seinen Folgen. „Wir sehen das Weiße Haus ausweichen, schwanken und lavieren im üblichen Bemühen, die Verantwortung zu umgehen“, sagte Kerry am Mittwoch bei einer Wahlkampfveranstaltung in Sioux Falls im Bundesstaat Iowa.

Dabei spiele Vizepräsident Dick Cheney die Rolle des „Ministers für Desinformation“, der behaupte, das Verschwinden des Sprengstoffes im Irak sei nicht der Fehler der amerikanischen Regierung. Die Angelegenheit sei ein „wachsender Skandal“, zu dem das amerikanische Volk eine „volle und aufrichtige Erklärung“ verdiene, fügte Kerry hinzu.

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hatte am Montag Angaben des irakischen Ministeriums für Wissenschaft und Technologie bestätigt, daß aus Al Qaqaa nach dem Beginn des Irak-Kriegs 380 Tonnen hochexplosive Materialien verschwunden sind.

Die irakische Regierung habe die IAEA darüber am 10. Oktober in Kenntnis gesetzt und den Diebstahl mit einem Mangel an Sicherheit in den staatlichen Anlagen begründet, sagte eine IAEA-Sprecherin. Unklar ist, weshalb das Lager mit den Sprengstoffen nicht bewacht worden ist. Erst am 12. Oktober hatte die IAEA den UN-Sicherheitsrat über systematische Plünderungen der irakischen Nuklearanlagen unterrichtet.

Letzte Gewißheit Mitte März 2003

Der IAEA ist aber nicht bekannt, wo sich die Sprengstoffe befinden. Das läßt Raum zu Spekulationen. Sicher ist wohl lediglich, daß sich der hoch explosive Sprengstoff fünf Tage vor Beginn des Irak-Kriegs noch in Al Qaqkaa befand. Am 15. März 2003 hatten UN-Waffeninspektoren die Anlage ein letztes Mal besucht und festgestellt, daß die von ihnen angebrachten Siegel noch intakt waren.

Es handelt sich um die Sprengstoffe HMX und RDX, die sich für den Bau konventioneller Bomben eignen. Mit ihnen können aber auch Raketensprengköpfe gebaut und Atombomben gezündet werden. Zudem sind die Materialien ein wesentlicher Bestandteil von Plastiksprengstoff, wie er 1988 beim Anschlag auf das Passagierflugzeug verwendet worden war, das über der schottischen Stadt Lockerbie abstürzte.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AP/AFP/dpa
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