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Verschleppt im Jemen Freiheit für Familie Chrobog am Silvesterabend?

30.12.2005 ·  Die Verhandlungen zur Freilassung des verschleppten früheren Staatssekretärs Jürgen Chrobog und dessen Familie sind wohl in eine entscheidende Phase getreten. Der Krisenstab in Berlin hofft auf eine „Lösung bis morgen abend“. Die Geiselnehmer ließen allerdings mitteilen, sollte kurzfristig kein Ergebnis erzielt werden, „behalten wir unsere Gäste so lange wir können“.

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Die Verhandlungen zur Freilassung des im Jemen verschleppten früheren Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, und dessen Familie sind am Freitag möglicherweise in eine entscheidende Runde gegangen.

Der Internetdienst des „Yemen Observer“ meldete unter Berufung auf einen für die Geiselnehmer aktiven Vermittlers, sollte am Freitag kein Ergebnis erzielt werde, „werden wir unsere Gäste so lange bei uns behalten, wie wir können“. Das Auswärtige Amt wollte dazu keine Stellungnahme abgeben. In Berlin tagte der Krisenstab am Vormittag.

Jemenitische Medien meldeten unter Berufung auf Quellen aus dem Kreise der Entführer, bislang seien zwei Verhandlungsversuche zu Freilassung der Familie Chrobog gescheitert Zuvor hatten jemenitische Behörden abermals Optimismus verbreitet und den Eindruck erweckt, ein friedliches Ende der Geiselnahme stehe kurz bevor

„Hoffen auf Lösung bis morgen abend“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier will im Bemühen um die Freilassugn der Familie Chrobog noch am Freitag mit dem jemenitischen Präsidenten telefonieren. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin: „Wir hoffen, daß wir bis morgen Abend zu einer Lösung kommen.“

Darüberhinaus stehe der deutsche Botschafter in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit dem dortigen Innenminister in Kontakt und Steinmeier habe ein weiteres Mal mit seinem jemenitischen Kollegen Abu Bakre Al Kirbi telefoniert. Der Minister habe dringend gebeten, möglichst bald eine Verhandlungslösung anzustreben. Das Leben und die körperliche Unversehrtheit der Entführten, zu denen neben Chrobogs Frau und seinen drei erwachsenen Söhnen auch der Fahrer gehört, müßten bei allen Bemühungen unbedingte Priorität haben. Die jemenitische Seite habe dies zugesichert sagte der Sprecher.

Zwar würden die Chrobogs „wie Gäste behandelt“, hieß es auch aus dem Auswärtigen Amt. Die Familie gilt offenkundig aber auch als Druckmittel. Der als Vermittler eingeschaltete Stammesführer Awadh bin el Wasir äußerte sich zuversichtlich. Die Verhandlungen würden wohl nicht lange andauern. Er sei optimistisch, daß die Familie freigelassen werde, sagte er, ohne einen Zeitraum zu nennen.

Hintergrund Stammesfehde

Nach seinen Angaben beziehen sich alle Forderungen der Geiselnehmer auf eine örtliche Stammesfehde und richten sich an die jemenitischen Behörden. Die jemenitische Justiz solle entweder fünf inhaftierte Angehörige der Entführer freilassen oder aber den Prozeß gegen die fünf Männer aus ihrer Heimatregion Schabwa an einen anderen Gerichtsort verlegen.

Die Geiselnehmer vom Stamm Bin Dahha wären seinen Worten zufolge aber auch zufrieden, wenn neben ihren Angehörigen auch fünf Mitglieder des rivalisierenden Stammes Al Maraqscha festgenommen und vor Gericht gestellt würden. Die inhaftierten Bin-Dahha-Mitglieder sollen zwei Angehörige des Al-Maraqscha-Clans getötet haben.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel rief die Deutschen zu intensiver Anteilnahme am Schicksal des Exdiplomaten auf. „Jürgen Chrobog war für zahlreiche Deutsche, die in fernen Ländern als Geiseln genommen wurden, ein kluger Lebensretter“, sagte Niebel. „Wir Deutsche können ihm jetzt unsere Dankbarkeit erweisen, indem wir in diesen schweren Stunden seiner Geiselhaft an ihn und seine Familie denken und alles unternehmen, um ihn freizubekommen.“

Geduld, Zeit und Nerven

Steinmeier hatte sich am Donnerstag zuversichtlich geäußert, daß der frühere Staatssekretär Chrobog, dessen Frau und die drei Söhne noch vor Sonntag aus der Geiselhaft freikommen. „Es braucht wie immer Geduld, Zeit und Nerven“, sagte Steinmeier in Berlin. „Aber ich bin mir sicher, daß wir dann noch vor Jahresende zu einem Abschluß kommen werden.“ Der Krisenstab im Auswärtigen Amt arbeite eng mit dem jemenitischen Innenministerium zusammen, um eine Freilassung zu erreichen. Die Behörden im Jemen wollen nach eigenen Angaben keine Waffengewalt in ihrem Bemühen um die Freilassung der Geiseln anwenden.

Chrobog und dessen Familie sind nach Angaben der Geiselnehmer „unversehrt und sicher“. Den fünf Verschleppten werde nichts geschehen, solange die Sicherheitskräfte nicht versuchten, diese gewaltsam zu befreien, soll einer der Geiselnehmer telefonisch der Nachrichtenagentur dpa mitgeteilt haben. Offenkundig bereiste Chrobog, der vor einem Dreivierteljahr in den Ruhestand gewechselt war, den Jemen mit seiner Familie seit Heiligabend auf eine private Einladung des stellvertretenden jemenitischen Außenministers hin. In der Provinz Schabwa, rund 460 Kilometer östlich von Sanaa, wurden sie entführt.

Der Leiter der Reisegesellschaft Abu Talib Group (ATG), mit der die Chrobogs unterwegs waren, steht nach eigenen Angaben seit Beginn der Geiselnahme fast ständig mit dem ebenfalls verschleppten Führer der Familie in Kontakt. Er habe über das Mobiltelefon seines Mitarbeiters auch mit Chrobog selbst gesprochen, sagte Mohammed Abu Talib. Chrobog habe ihm versichert, daß es der Familie gut gehe.

Vom Krisenmanager zum Entführungsopfer

Die Leitung des Berliner Krisenstabes hat Staatssekretär Boomgaarden inne, der vor neun Monaten seine Position im Auswärtigen Amt von Chrobog übernahm. Chrobog selbst leitete in seiner früheren Funktion mehrfach die Bemühungen um eine Befreiung deutscher Geiseln; zuletzt war er vor zwei Jahren Chef des Krisenstabes, der die Entführung deutscher Motorradtouristen in Algerien beendete, die schließlich zu Freilassungen im benachbarten Mali geführt hatte. (Siehe auch: Im Jemen entführt: Jürgen Chrobog)

Nach der Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoffs hatte Chrobog, mittlerweile schon im Ruhestand, das „Sozialversicherungsdenken“ mancher Deutscher im Ausland kritisiert. Wer sich in Gefahr begebe, müsse das Risiko kennen, sagte Chrobog damals dem Bayerischen Rundfunk. „Man erwartet ja immer eine Rundumversicherung des Staates, aber Wunder können wir nicht bewirken.“

Im Jemen gibt es immer wieder Entführungen westlicher Ausländer. In der vergangenen Woche waren zwei Österreicher in dem Land entführt und wieder freigelassen worden. Das Auswärtige Amt warnt in seinem Reisehinweis für den Jemen, es bestehe ein allgemeines Risiko terroristischer Anschläge. Auch vor Entführungen sei man nicht sicher. In allen Fällen seien entführte Ausländer von einem Stamm festgehalten worden, um von der Regierung Gegenleistungen zu erpressen. (Siehe auch: Jemen: Das „glückliche Arabien“ als Anziehungspunkt)

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