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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Reise in eine bedingt unabhängige Republik

22.07.2006 ·  Bald wird sich das Kosovo von Serbien lösen. Szenen aus einem Land, das seine Vergangenheit nicht los wird Von Michael Martens

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Die Grenzschänke. Die letzte serbische Herberge an der Straße zum Kosovo liegt außerhalb eines Dorfes namens Kastrat und noch etwa 25 Kilometer von der Grenze entfernt. Weil nach dem einsamen Gasthof in dieser Randgegend Serbiens kaum noch eine Siedlung an der Strecke liegt, steigen hier oft Lastwagenfahrer ab, die in die Dämmerung oder in schlechtes Wetter geraten sind und die Weiterfahrt über die schlechte Straße scheuen. Der Besitzer Radoslav Radoslavljievic, ein stämmiger Mann, war 18 Jahre lang Gastarbeiter in Basel und ist stolz auf sein Haus; mit dem in der Fremde verdienten Geld hat er es bezahlt. Im Kosovo, dessen Nähe er sein Geschäft verdankt, war er zuletzt 1997, zwei Jahre vor dem Krieg der Nato gegen Milosevics Jugoslawien.

Gern hört er den Reisenden zu, die ihm berichten, wie es "dort" heute zugehe, dort in der anderen Welt hinter der nahen Grenze. Das Kosovo könne seinetwegen schon morgen unabhängig werden, behauptet er. "Ich will nur in Frieden leben und arbeiten, und meine Kinder sollen das auch können, der Rest interessiert mich nicht", sagt er morgens nach dem ersten Kaffee. Ein Kraftfahrer nebenan nickt.

Ins Jemandsland. An der Grenze steht auf serbischer Seite ein blauer Container mit der weißen Aufschrift "Polizei" in kyrillischen Buchstaben. Eine serbische Flagge weht nicht darüber, denn für das offizielle Belgrad ist dies nur eine von der Nato aufgezwungene Demarkationslinie zwischen Serbien und seiner abtrünnigen Provinz. Dennoch sieht alles sehr nach Grenze aus. Im Schatten des Containers döst ein Polizist mit Maschinengewehr auf dem Schoß. Stellungen aus Sandsäcken verstärken den beiläufig-martialischen Eindruck. Heute stehen nur einige serbische Lastwagen mit dem Kennzeichen "NP" an der Grenze. Die Abkürzung steht für Novi Pazar, den Hauptort eines muslimisch geprägten serbischen Grenzgebiets zu Montenegro. Fahrzeuge mit diesem Kennzeichen werden im Kosovo nicht angegriffen, mit anderen serbischen Nummernschildern ist das nicht immer sicher. Die Fuhrunternehmer aus Novi Pazar machen ein gutes Geschäft seit 1999.

Nach einer kurzen Paßkontrolle wird die Genehmigung zur Weiterfahrt erteilt. Es folgen einige hundert Meter Niemandsland, bevor das nun schon im achten Jahr von den Vereinten Nationen verwaltete kosovarische Jemandsland beginnt, das womöglich noch in diesem Jahr oder spätestens zu Beginn des nächsten vom UN-Sicherheitsrat zu einer eingeschränkt unabhängigen Republik befördert werden wird.

Im Kosovo muß jeder Autofahrer eine Unfallversicherung abschließen. Die Mindestgebühr beträgt 50 Euro. An wen geht das Geld? "An die Vereinigung der kosovarischen Versicherer. Steht alles auf der Quittung", sagt der kosovarische Grenzbeamte. Ein Polizist aus Bayern, der hier vorübergehend im Dienst der UN-Polizei steht, stochert derweil mit einer metallenen Lanze in der Fuhre eines mit Sand beladenen Lastwagenanhängers herum. Nein, Schmuggel habe man an diesem Abschnitt bisher nicht entdeckt, sagt er. Jetzt im Sommer gebe es vor allem Reiseverkehr von Gastarbeitern aus Deutschland und der Schweiz. Es sei nicht leicht, hier als Polizist Dienst zu tun, werde aber gut kompensiert, fügt er hinzu. Außerdem könne man es im Kosovo durchaus aushalten, auch wenn es heute kein Wasser und morgen keinen Strom gebe. Zum Beispiel seien die Restaurants hervorragend, besonders in den serbischen Enklaven, wo es auch Schweinefleisch gibt: "Da kann man direkt vergessen, daß man im Kosovo ist."

Das Flüchtlingslager. Jetzt im Sommer fällt die Armut nicht so auf. Arben ist 21 Jahre alt, sein ärmelloses Sporthemd sieht modisch aus, nicht schlechter jedenfalls als das, was die anderen jungen Leute in seinem Alter zu dieser Jahreszeit tragen. Aber in den Wintern, wenn man gefütterte Stiefel braucht und Schals und Mützen und Handschuhe, kann Arben seine Armut nicht verbergen. Er lebt mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager in Leposavic, einem Ort im fast ausschließlich von Serben bewohnten Nordteil des Kosovos.

Die Lagerbewohner sind Roma, die 1999 und bei der bisher letzten großen gegen Nichtalbaner gerichteten Vertreibungswelle im März 2004 aus anderen Gegenden des Kosovos hierher geflohen sind. Arben will gern von seinem Leben erzählen, aber nicht im Lager. Die Leute dort seien die Fremden leid, die seit Jahren die Baracken aufsuchten, die Armut dort begafften und dann nichts für die Roma täten, sagt er und schlägt ein Cafe auf der anderen Straßenseite als Treffpunkt vor. Er wählt dort einen Tisch am Rand, damit ihn niemand hören kann, wenn er berichtet: "Ich habe fünf Schwestern und sechs Brüder. Alle Geschwister sind schon verheiratet, bis auf mich und eine Schwester." Die Schwester sei leider dumm im Kopf, sagt Arben und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

Vor dem Krieg hatte die Familie ein eigenes Haus im kosovarischen Städtchen Vucitrn, wo es viele Roma gab, erzählt Arben. Doch nachdem im Sommer 1999 die serbische Armee aus dem Kosovo abgezogen war, seien bewaffnete Albaner ins Haus gekommen und hätten sie vertrieben. Arbens Geschichte ist nicht ungewöhnlich für Roma im Kosovo. "Die Albaner hassen uns, weil wir früher für Milosevic gestimmt haben", sagt er. Seine Mutter habe sogar "SPS", das Kürzel von Milosevics Sozialistischer Partei Serbiens, auf die Haustür gepinselt, um es vor plündernden serbischen Freischärlern zu bewahren. Doch nach dem Ende von Milosevics Herrschaft über das Kosovo zog der einst schützende Schriftzug albanische Kämpfer an. Die Roma seien weder bei den einen noch bei den anderen willkommen, skizziert Arben die Lage der Roma. Deshalb finde er auch keine Arbeit. Manchmal gehe er in den Wald, Holz hacken, zwölf Stunden lang, dafür gebe es 15 Euro.

Während er das sagt, betreten zwei UN-Polizisten das Cafe, ein Amerikaner und ein Russe. Sie setzen sich an den Nebentisch. Noch leiser als zuvor spricht Arben jetzt von seinem großen Lebenstraum - Frankreich. Seine Schwester lebe in Vichy, dorthin wolle er auch, sagt er. Aber die Schlepper verlangten dafür 4000 Euro, für ihn eine fast unvorstellbare Summe. "Bis Rijeka in Kroatien muß ich selbst kommen, von dort bringt uns jemand mit dem Boot nach Italien. Bis nach Frankreich ist es dann ein Kinderspiel", glaubt Arben.

Die Unternehmerin. "Es klingt zynisch, aber der Krieg und die Massenvertreibung von 1999 hatten auch etwas Gutes. Viele unserer Frauen flüchteten in den Westen, und das hatte unter anderem den Nebeneffekt, daß sie dort eine andere Art sahen, sich zu kleiden." Nachdem Krenare Rugova diesen Satz gesagt hat, beeilt sie sich, ihn wieder abzuschwächen, zurückzunehmen, einzuordnen. Natürlich heiße sie nicht den Krieg gut, aber die Beobachtung an sich sei nun einmal belegbar, sagt sie schließlich. Krenare Rugova ist eine junge Modeschöpferin, die in Paris gelebt und in New York an der Parsons School for Design studiert hat. Sie spricht besser Englisch als die meisten der immer noch vielen ausländischen UN-Angestellten in der Hauptstadt Prishtina. Ihre Mutter ist Professorin für albanische Sprache, der Vater Ingenieur.

Früher hätte man die Rugovas vielleicht als jugoslawische Intellektuellenfamilie bezeichnet. Aber das sind Zuordnungen aus einer untergegangenen Welt, ungültig gestempelt durch die Kriege der neunziger Jahre. Krenare Rugova verließ ihre Heimat bald nach dem Kosovo-Krieg mit einem Stipendium, und als sie 2003 mit ihrem Mann dorthin zurückkehrte, war das für sie eine Art Selbstversuch: "Wir kamen zurück, um zu sehen, ob wir hier leben und arbeiten können. Und wir fanden heraus - es geht durchaus. Es ist ein schönes Gefühl, zur Entwicklung dieses Landes beizutragen", sagt sie.

Rugova führt die erste Boutique, in der kosovarische Mode verkauft wird. Sie entwirft alle Kleider selbst, und das mit erzieherischem Anspruch. Dazu gehöre auch der sparsamere Gebrauch von Rouge, was sich freilich noch nicht durchgesetzt hat, wie die üppige Gesichtsbemalung vieler Frauen im Kosovo zeigt. "Es war schwer am Anfang, die Leute verstanden die Natur meiner Arbeit nicht. Sie kannten nur Schneider und kamen mit Fotos aus Illustrierten, um Bestellungen aufzugeben." Aber inzwischen kämen immer mehr Frauen zu ihr, die ein Rugova-Kleid haben wollen, einen ihrer Entwürfe, die sich durch einen vergleichsweise kühlen, gemäßigten Schnitt auszeichnen. Auf diesem Weg will sie weitergehen. "Mein Ziel ist es, Trends zu setzen. Das muß man schließlich wollen, wenn man in der Modebranche ist - auch im Kosovo."

Das Milosevic-Denkmal. Der Beginn des Zerfalls von Jugoslawien läßt sich nicht auf einen Ort, ein Datum oder ein bestimmtes Ereignis festlegen. Doch wenn man nach einem symbolischen Ausgangspunkt sucht, ist er wohl hier zu finden, am Milosevic-Denkmal im Kosovo. Eigentlich ist es natürlich kein Denkmal für Milosevic, aber seit 1989 wird es von vielen Kosovaren so gesehen, den albanischen und den serbischen. Die Inschrift der 1953 auf einer Anhöhe nordwestlich von Prishtina errichteten Stele, die zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Meter hoch ihre Umgebung überragt, ist eine Art poetischer Fluch gegen serbische Verräter am eigenen Volk. Wer von serbischer Geburt und serbischem Blut sei und nicht zum Kämpfen ins Kosovo gehe, dem solle alles verdorren, was er säe, ob dunkler Wein oder weißer Weizen, heißt es da sinngemäß. Hier, mit dieser steinernen Verwünschung im Rücken, ließ Milosevic im Juni 1989 den 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld feiern. Die Kundgebung bildete den Höhepunkt der nationalistischen Mobilisierung, die er für seinen politischen Aufstieg in Serbien betrieb. Es war die größte Demonstration in der jugoslawischen Geschichte, etwa eine Million Menschen nahmen daran teil. Vor dem Monument fand ein Gottesdienst für die in der Schlacht gegen die Osmanen gefallenen serbischen Kämpfer statt.

Heute wird das Denkmal von einer Einheit slowakischer Soldaten der internationalen Kosovo-Schutztruppe Kfor bewacht. Panzersperren und Stacheldraht schirmen das historische Areal ab. Betreten verboten. Seit den Ausschreitungen vom März 2004 bewachen Soldaten des slowakischen Kfor-Kontingents das Denkmal. Am Eingang steht neben einem Panzer ein junger Slowake auf Posten. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, der Dieselgenerator der slowakischen Einheit brummt, am Horizont bläst der Schornstein eines großen Kraftwerks schwarzen Rauch in den Himmel. Von der Spitze des Denkmals späht ein slowakischer Soldat mit einem Feldstecher in die Landschaft, die hier bis zum Horizont fast nur aus Feldern besteht. Die Frage, ob der Dienst in dieser verlassenen Gegend nicht langweile, beantwortet der junge Soldat diplomatisch. Natürlich sei es sehr anders als daheim in Banska Bystrica, aber es ließe sich schon aushalten, erzählt er und lächelt verlegen.

An der Stelle, an der er und seine Kameraden jetzt diesen serbischen Mythenpfeiler bewachen, hielt Milosevic vor eineinhalb Jahrzehnten seine berühmte Rede, in der er dunkel vor künftigen Schlachten warnte. Er beendete die Ansprache mit vier Hochrufen: "Es lebe die ewige Erinnerung an das Heldentum im Kosovo! Es lebe Serbien! Es lebe Jugoslawien! Es lebe der Frieden und die Brüderlichkeit zwischen den Völkern!" Diese Reihenfolge war kein Zufall. Sie sollte bald ihre Bedeutung bekommen für die Menschen in Jugoslawien und später auch für das Leben des jungen Soldaten aus Banska Bystrica, der damals noch ein Kind war.

Die Grenzschänke. Die letzte serbische Herberge an der Straße zum Kosovo liegt außerhalb eines Dorfes namens Kastrat und noch etwa 25 Kilometer von der Grenze entfernt. Weil nach dem einsamen Gasthof in dieser Randgegend Serbiens kaum noch eine Siedlung an der Strecke liegt, steigen hier oft Lastwagenfahrer ab, die in die Dämmerung oder in schlechtes Wetter geraten sind und die Weiterfahrt über die schlechte Straße scheuen. Der Besitzer Radoslav Radoslavljievic, ein stämmiger Mann, war 18 Jahre lang Gastarbeiter in Basel und ist stolz auf sein Haus; mit dem in der Fremde verdienten Geld hat er es bezahlt. Im Kosovo, dessen Nähe er sein Geschäft verdankt, war er zuletzt 1997, zwei Jahre vor dem Krieg der Nato gegen Milosevics Jugoslawien.

Gern hört er den Reisenden zu, die ihm berichten, wie es "dort" heute zugehe, dort in der anderen Welt hinter der nahen Grenze. Das Kosovo könne seinetwegen schon morgen unabhängig werden, behauptet er. "Ich will nur in Frieden leben und arbeiten, und meine Kinder sollen das auch können, der Rest interessiert mich nicht", sagt er morgens nach dem ersten Kaffee. Ein Kraftfahrer nebenan nickt.

Ins Jemandsland. An der Grenze steht auf serbischer Seite ein blauer Container mit der weißen Aufschrift "Polizei" in kyrillischen Buchstaben. Eine serbische Flagge weht nicht darüber, denn für das offizielle Belgrad ist dies nur eine von der Nato aufgezwungene Demarkationslinie zwischen Serbien und seiner abtrünnigen Provinz. Dennoch sieht alles sehr nach Grenze aus. Im Schatten des Containers döst ein Polizist mit Maschinengewehr auf dem Schoß. Stellungen aus Sandsäcken verstärken den beiläufig-martialischen Eindruck. Heute stehen nur einige serbische Lastwagen mit dem Kennzeichen "NP" an der Grenze. Die Abkürzung steht für Novi Pazar, den Hauptort eines muslimisch geprägten serbischen Grenzgebiets zu Montenegro. Fahrzeuge mit diesem Kennzeichen werden im Kosovo nicht angegriffen, mit anderen serbischen Nummernschildern ist das nicht immer sicher. Die Fuhrunternehmer aus Novi Pazar machen ein gutes Geschäft seit 1999.

Nach einer kurzen Paßkontrolle wird die Genehmigung zur Weiterfahrt erteilt. Es folgen einige hundert Meter Niemandsland, bevor das nun schon im achten Jahr von den Vereinten Nationen verwaltete kosovarische Jemandsland beginnt, das womöglich noch in diesem Jahr oder spätestens zu Beginn des nächsten vom UN-Sicherheitsrat zu einer eingeschränkt unabhängigen Republik befördert werden wird.

Im Kosovo muß jeder Autofahrer eine Unfallversicherung abschließen. Die Mindestgebühr beträgt 50 Euro. An wen geht das Geld? "An die Vereinigung der kosovarischen Versicherer. Steht alles auf der Quittung", sagt der kosovarische Grenzbeamte. Ein Polizist aus Bayern, der hier vorübergehend im Dienst der UN-Polizei steht, stochert derweil mit einer metallenen Lanze in der Fuhre eines mit Sand beladenen Lastwagenanhängers herum. Nein, Schmuggel habe man an diesem Abschnitt bisher nicht entdeckt, sagt er. Jetzt im Sommer gebe es vor allem Reiseverkehr von Gastarbeitern aus Deutschland und der Schweiz. Es sei nicht leicht, hier als Polizist Dienst zu tun, werde aber gut kompensiert, fügt er hinzu. Außerdem könne man es im Kosovo durchaus aushalten, auch wenn es heute kein Wasser und morgen keinen Strom gebe. Zum Beispiel seien die Restaurants hervorragend, besonders in den serbischen Enklaven, wo es auch Schweinefleisch gibt: "Da kann man direkt vergessen, daß man im Kosovo ist."

Das Flüchtlingslager. Jetzt im Sommer fällt die Armut nicht so auf. Arben ist 21 Jahre alt, sein ärmelloses Sporthemd sieht modisch aus, nicht schlechter jedenfalls als das, was die anderen jungen Leute in seinem Alter zu dieser Jahreszeit tragen. Aber in den Wintern, wenn man gefütterte Stiefel braucht und Schals und Mützen und Handschuhe, kann Arben seine Armut nicht verbergen. Er lebt mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager in Leposavic, einem Ort im fast ausschließlich von Serben bewohnten Nordteil des Kosovos.

Die Lagerbewohner sind Roma, die 1999 und bei der bisher letzten großen gegen Nichtalbaner gerichteten Vertreibungswelle im März 2004 aus anderen Gegenden des Kosovos hierher geflohen sind. Arben will gern von seinem Leben erzählen, aber nicht im Lager. Die Leute dort seien die Fremden leid, die seit Jahren die Baracken aufsuchten, die Armut dort begafften und dann nichts für die Roma täten, sagt er und schlägt ein Cafe auf der anderen Straßenseite als Treffpunkt vor. Er wählt dort einen Tisch am Rand, damit ihn niemand hören kann, wenn er berichtet: "Ich habe fünf Schwestern und sechs Brüder. Alle Geschwister sind schon verheiratet, bis auf mich und eine Schwester." Die Schwester sei leider dumm im Kopf, sagt Arben und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

Vor dem Krieg hatte die Familie ein eigenes Haus im kosovarischen Städtchen Vucitrn, wo es viele Roma gab, erzählt Arben. Doch nachdem im Sommer 1999 die serbische Armee aus dem Kosovo abgezogen war, seien bewaffnete Albaner ins Haus gekommen und hätten sie vertrieben. Arbens Geschichte ist nicht ungewöhnlich für Roma im Kosovo. "Die Albaner hassen uns, weil wir früher für Milosevic gestimmt haben", sagt er. Seine Mutter habe sogar "SPS", das Kürzel von Milosevics Sozialistischer Partei Serbiens, auf die Haustür gepinselt, um es vor plündernden serbischen Freischärlern zu bewahren. Doch nach dem Ende von Milosevics Herrschaft über das Kosovo zog der einst schützende Schriftzug albanische Kämpfer an. Die Roma seien weder bei den einen noch bei den anderen willkommen, skizziert Arben die Lage der Roma. Deshalb finde er auch keine Arbeit. Manchmal gehe er in den Wald, Holz hacken, zwölf Stunden lang, dafür gebe es 15 Euro.

Während er das sagt, betreten zwei UN-Polizisten das Cafe, ein Amerikaner und ein Russe. Sie setzen sich an den Nebentisch. Noch leiser als zuvor spricht Arben jetzt von seinem großen Lebenstraum - Frankreich. Seine Schwester lebe in Vichy, dorthin wolle er auch, sagt er. Aber die Schlepper verlangten dafür 4000 Euro, für ihn eine fast unvorstellbare Summe. "Bis Rijeka in Kroatien muß ich selbst kommen, von dort bringt uns jemand mit dem Boot nach Italien. Bis nach Frankreich ist es dann ein Kinderspiel", glaubt Arben.

Die Unternehmerin. "Es klingt zynisch, aber der Krieg und die Massenvertreibung von 1999 hatten auch etwas Gutes. Viele unserer Frauen flüchteten in den Westen, und das hatte unter anderem den Nebeneffekt, daß sie dort eine andere Art sahen, sich zu kleiden." Nachdem Krenare Rugova diesen Satz gesagt hat, beeilt sie sich, ihn wieder abzuschwächen, zurückzunehmen, einzuordnen. Natürlich heiße sie nicht den Krieg gut, aber die Beobachtung an sich sei nun einmal belegbar, sagt sie schließlich. Krenare Rugova ist eine junge Modeschöpferin, die in Paris gelebt und in New York an der Parsons School for Design studiert hat. Sie spricht besser Englisch als die meisten der immer noch vielen ausländischen UN-Angestellten in der Hauptstadt Prishtina. Ihre Mutter ist Professorin für albanische Sprache, der Vater Ingenieur.

Früher hätte man die Rugovas vielleicht als jugoslawische Intellektuellenfamilie bezeichnet. Aber das sind Zuordnungen aus einer untergegangenen Welt, ungültig gestempelt durch die Kriege der neunziger Jahre. Krenare Rugova verließ ihre Heimat bald nach dem Kosovo-Krieg mit einem Stipendium, und als sie 2003 mit ihrem Mann dorthin zurückkehrte, war das für sie eine Art Selbstversuch: "Wir kamen zurück, um zu sehen, ob wir hier leben und arbeiten können. Und wir fanden heraus - es geht durchaus. Es ist ein schönes Gefühl, zur Entwicklung dieses Landes beizutragen", sagt sie.

Rugova führt die erste Boutique, in der kosovarische Mode verkauft wird. Sie entwirft alle Kleider selbst, und das mit erzieherischem Anspruch. Dazu gehöre auch der sparsamere Gebrauch von Rouge, was sich freilich noch nicht durchgesetzt hat, wie die üppige Gesichtsbemalung vieler Frauen im Kosovo zeigt. "Es war schwer am Anfang, die Leute verstanden die Natur meiner Arbeit nicht. Sie kannten nur Schneider und kamen mit Fotos aus Illustrierten, um Bestellungen aufzugeben." Aber inzwischen kämen immer mehr Frauen zu ihr, die ein Rugova-Kleid haben wollen, einen ihrer Entwürfe, die sich durch einen vergleichsweise kühlen, gemäßigten Schnitt auszeichnen. Auf diesem Weg will sie weitergehen. "Mein Ziel ist es, Trends zu setzen. Das muß man schließlich wollen, wenn man in der Modebranche ist - auch im Kosovo."

Das Milosevic-Denkmal. Der Beginn des Zerfalls von Jugoslawien läßt sich nicht auf einen Ort, ein Datum oder ein bestimmtes Ereignis festlegen. Doch wenn man nach einem symbolischen Ausgangspunkt sucht, ist er wohl hier zu finden, am Milosevic-Denkmal im Kosovo. Eigentlich ist es natürlich kein Denkmal für Milosevic, aber seit 1989 wird es von vielen Kosovaren so gesehen, den albanischen und den serbischen. Die Inschrift der 1953 auf einer Anhöhe nordwestlich von Prishtina errichteten Stele, die zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Meter hoch ihre Umgebung überragt, ist eine Art poetischer Fluch gegen serbische Verräter am eigenen Volk. Wer von serbischer Geburt und serbischem Blut sei und nicht zum Kämpfen ins Kosovo gehe, dem solle alles verdorren, was er säe, ob dunkler Wein oder weißer Weizen, heißt es da sinngemäß. Hier, mit dieser steinernen Verwünschung im Rücken, ließ Milosevic im Juni 1989 den 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld feiern. Die Kundgebung bildete den Höhepunkt der nationalistischen Mobilisierung, die er für seinen politischen Aufstieg in Serbien betrieb. Es war die größte Demonstration in der jugoslawischen Geschichte, etwa eine Million Menschen nahmen daran teil. Vor dem Monument fand ein Gottesdienst für die in der Schlacht gegen die Osmanen gefallenen serbischen Kämpfer statt.

Heute wird das Denkmal von einer Einheit slowakischer Soldaten der internationalen Kosovo-Schutztruppe Kfor bewacht. Panzersperren und Stacheldraht schirmen das historische Areal ab. Betreten verboten. Seit den Ausschreitungen vom März 2004 bewachen Soldaten des slowakischen Kfor-Kontingents das Denkmal. Am Eingang steht neben einem Panzer ein junger Slowake auf Posten. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, der Dieselgenerator der slowakischen Einheit brummt, am Horizont bläst der Schornstein eines großen Kraftwerks schwarzen Rauch in den Himmel. Von der Spitze des Denkmals späht ein slowakischer Soldat mit einem Feldstecher in die Landschaft, die hier bis zum Horizont fast nur aus Feldern besteht. Die Frage, ob der Dienst in dieser verlassenen Gegend nicht langweile, beantwortet der junge Soldat diplomatisch. Natürlich sei es sehr anders als daheim in Banska Bystrica, aber es ließe sich schon aushalten, erzählt er und lächelt verlegen.

An der Stelle, an der er und seine Kameraden jetzt diesen serbischen Mythenpfeiler bewachen, hielt Milosevic vor eineinhalb Jahrzehnten seine berühmte Rede, in der er dunkel vor künftigen Schlachten warnte. Er beendete die Ansprache mit vier Hochrufen: "Es lebe die ewige Erinnerung an das Heldentum im Kosovo! Es lebe Serbien! Es lebe Jugoslawien! Es lebe der Frieden und die Brüderlichkeit zwischen den Völkern!" Diese Reihenfolge war kein Zufall. Sie sollte bald ihre Bedeutung bekommen für die Menschen in Jugoslawien und später auch für das Leben des jungen Soldaten aus Banska Bystrica, der damals noch ein Kind war.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.2006, Nr. 29 / Seite 8
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