Die aktuellen Terrorwarnungen der amerikanischen Sicherheitsbehörden gehen offenbar auf Unterlagen zurück, die nach der Festnahme eines Al-Qaida-Computerspezialisten gefunden wurden. Das Material belege, daß Mitglieder des Al-Qaida-Netzwerkes bereits vor dem 11. September 2001 Zielgebäude in New York, Newark und Washington ausgekundschaftet hätten, sagte ein ranghoher amerikanischer Regierungsvertreter der „New York Times“.
Der 25 Jahre alte Computerspezialist Muhammad Naeem Noor Kha, der am 13. Juli von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen wurde, soll ein Kommunikationssystem der Al Qaida bedient und gemanagt haben, das zur Übermittlung von verschlüsselten Nachrichten genutzt worden sei.
Die pakistanischen Behörden hätten ihre Erkenntnisse am Freitag nachmittag als dringende Mitteilung nach Washington weitergeleitet. Daraufhin seien auch ältere Informationen neu ausgewertet worden, welche die Geheimdienste durch die Festnahme von weiteren mutmaßlichen Al-Qaida-Mitgliedern in Pakistan, Saudi-Arabien und Afghanistan erhalten hatte.
Intensive Überwachung
Die betroffenen Gebäude sind von den Terroristen offenbar intensiv überwacht worden seien. Alle Sicherheitsvorkehrungen seien ebenso dokumentiert worden wie Beobachtungen über den Publikumsverkehr oder das Verkehrsaufkommen auf den umliegenden Straßen, Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zu Angestellten oder die räumliche Nähe von Krankenhäusern und Polizeistationen.
Wie es weiter hieß, enthielt das Material auch genaue Angaben über die Konstruktion der betroffenen Gebäude. Daraus sei dann abgeleitet worden, welche Sprengsätze am besten geeignet seien, einen Einsturz herbeizuführen. Ein Geheimdienstbeamter erklärte, er habe in seinen 24 Dienstjahren noch nie so viele Details in beschlagnahmten Dokumenten entdeckt.
Terrorpläne in Mails
Auch auf dem Computer des mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen Ahmed Khalfan Ghailani hat der pakistanische Geheimdienst Informationen über geplante Terroranschläge in den Vereinigten Staaten und Großbritannien gefunden. Wie Informationsminister Scheikh Rashid Ahmed bekanntgab, wurde der Computer im Zuge von Ghailanis Festnahme sichergestellt. In E-Mails seien Hinweise auf Terrorpläne enthalten gewesen.
Der aus Tansania stammende Ghailani war am 25. Juli nach einem zwölfstündigen Feuergefecht in Gujrat im Osten Pakistans festgenommen worden. Er stand auf der FBI-Liste der 22 meist gesuchten Terrorverdächtigen und wird beschuldigt, eine Schlüsselrolle bei den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania gespielt zu haben.
Terrordrohung mißbraucht?
Der amerikanische Heimatschutzminister Tom Ridge hatte am Sonntag die Alarmstufe für die Finanzviertel in New York und Washington sowie im nördlichen Bundesstaat New Jersey auf die zweithöchste Stufe „Orange“ gesetzt. Zur Begründung sagte er, es gebe „alarmierend“ genaue Informationen über geplante Anschläge auf Geschäfts- und Finanzgebäude. „Das ist nicht das übliche Geschwätz. Es gibt verschiedene Quellen mit außerordentlichen Details.“
Die oppositionellen Demokraten warfen Ridge vor, die Terrorbedrohung als Wahlkampfthema zu mißbrauchen. „Es erfüllt mich mit Sorge, daß Präsident Bush jedes Mal, wenn es nicht gut für ihn läuft, seine Trumpfkarte Terrorismus spielt", sagte der der ehemalige Bewerber für die demokratische Präsidentschaftskandidatur, Howard Dean. „Es ist einfach nicht möglich zu wissen, was echt ist und was Politik ist.“
Ridge wies die Vorwürfe zurück. Wenn Dean wüßte, wie detailliert die Informationen seien, hätte er dies nicht gesagt. Der demokrati Präsidentschaftskandidat John Kerry distanzierte sich von Deans Aussagen. Die Warnungen seien „unbedingt ernst zu nehmen“, sagte Kerry. Er habe Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Sicherheitsbehörden,
Parteikonvent der Republikaner
New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg kündigte verstärkte Sicherheitsvorkehrungen für gefährdete Einrichtungen in New York an. Die Stadt bereitet sich derzeit auf den Parteikonvent der Republikaner vor, auf dem Präsident George W. Bush als Kandidat für eine zweite Amtszeit bestätigt werden soll. Der Konvent beginnt am 30. August.
Regierungsbeamte haben schon mehrfach angedeutet, dass Al Qaida eine größere Anschlagsserie planen könnte, um die Präsidentschaftswahl am 2. November nachhaltig zu stören. Damit wolle die Organisation sich wieder ins Gespräch bringen und die internationalen Bemühungen im Kampf gegen den Terrorismus als gescheitert darstellen.
Sicherheitslage in Deutschland unverändert
Präsident Bush will zwei Empfehlungen der Untersuchungskommission zu den Anschlägen vom 11. September 2001 umsetzen, behält sich einem Sprecher zufolge aber Änderungen vor. Wie in Washington verlautete, unterstützt Bush den Vorschlag, einen landesweiten Geheimdienstdirektor einzusetzen. Dieser soll aber nicht wie gefordert im Weißen Haus arbeiten. Bush will außerdem die Einrichtung eines nationalen Anti-Terror-Zentrums unterstützen.
Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums erklärte in Berlin, an der Sicherheitslage in Deutschland habe sich auch nach den jüngsten Warnungen in den Vereinigten Staaten nichts geändert. In deutschen Sicherheitskreisen hieß es, die Anschlagshinweise zeigten, daß Al-Qaida verstärkt so genannte weiche Ziele wie Banken im Visier habe, weil Regierungsgebäude oder Botschaften inzwischen zu stark gesichert seien.