27.06.2006 · Die Amerikaner berichten ausführlich über die anhaltende Selbsterforschung der Deutschen angesichts des jähen Ausbruchs eines heiteren Nationalstolzes, der so gar nichts mit den mörderischen nationalistischen Wallungen der Hitler-Diktatur zu tun hat.
Von Matthias RübWas den amerikanischen Berichterstattern von der Endrunde der Fußball-WM in Deutschland besonders auffällt, würde ihnen daheim nie auffallen. Und deshalb ist es so auffällig in Deutschland: Nationalflaggen, allüberall Nationalflaggen - und fast niemand hat ein schlechtes Gewissen dabei.
Die Reporter wissen zu berichten, daß der Absatz der schwarzrotgoldenen Fahnen gegenüber historischen Ereignissen wie dem Mauerfall 1989 um das Zehnfache gestiegen sei und daß sich die ordnungsliebenden Deutschen nicht einmal von der Warnung ihrer Versicherungen, ihre flaggengeschmückten Autos seien gegen mögliche Unfälle nicht versichert, davon abhalten ließen, die Nationalfahne ins Seitenfenster zu klemmen.
Geburt eines gesunden deutschen Patriotismus
Ausführlich wird über die anhaltende Selbsterforschung der Deutschen angesichts des jähen Ausbruchs eines heiteren Nationalstolzes berichtet, der so gar nichts mit den mörderischen nationalistischen Wallungen der Hitler-Diktatur zu tun habe. Nur eine Lehrergewerkschaft fühle sich irgendwie unbehaglich, während sogar die sonst für nationale Selbstverleugnung zuständigen linken Hochschulprofessoren einhellig die Geburt eines gesunden deutschen Patriotismus begrüßten.
Die Deutschen feiern sich, ihre erfolgreichen Kicker und ihr ganzes Land, und keiner fühlt sich bedroht - das ist die unerhörte Botschaft von den Gastgebern der WM-Endrunde. Mit einer gewissen Süffisanz wird vermerkt, daß es ausgerechnet die zwei gebürtigen Polen Miroslav Klose und Lukas Podolski waren, die Deutschland fast im Alleingang ins Viertelfinale schossen. Und natürlich wird Teamchef Jürgen Klinsmann erwähnt, der mit seinem aus der kalifornischen Wahlheimat nach Deutschland übersetzten Patriotismus die Deutschen ermutigt habe, eben nicht nur ihre Sportler zu lieben - sondern sich selbst und ihr Land, ganz wie die Amerikaner.
Die Deutschen seien normaler, reifer und auch berechenbarer geworden, indem sie wieder einmal etwas von den Amerikanern übernommen hätten, auch wenn das niemand wirklich wahrhaben wolle. Das wird weithin als historische Wasserscheide gesehen, als Ausdruck eines gesunden Umgangs mit der Nationalgeschichte, bei welchem die in deutschem Namen begangenen Menschheitsverbrechen zwar im Bewußtsein bleiben, dieses aber nicht vollständig prägen und mithin die Entwicklung einer kollektiven Identität auf alle Zeiten lähmen: Daß sich heute fast niemand mehr schäme, stolz auf Deutschland zu sein, bedeute gerade nicht, daß die kollektive Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit verleugnet werde. So etwas habe es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gegeben.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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