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Vereinigte Staaten Die Kraft der Religion

07.11.2004 ·  Die Wahl in den Vereinigten Staaten hat vor allem eines deutlich gemacht: Religiosität ist dort von vorrangiger Bedeutung. Ohne die Beherrschung des Bible-Codes haben es Politiker schwer.

Von Otto Kallscheuer
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Viele Europäer sind nach der amerikanischen Wahlnacht aufgewacht und rieben sich die Augen: Die politischen Kräfteverhältnisse hatten sich zwar geändert - aber eher nicht in unserem Sinne. Statt dessen kann GeorgeW.Bush mit vermehrtem politischen Kapital weitermachen wie bisher: "four more years".

Aber gerade damit wird unser Amerika-Bild ein anderes: Wie konnten wir uns in unserem transatlantischen Partner so getäuscht haben? Wenn wir fest damit rechneten, daß "anybody but Bush" das Rennen hätte machen müssen, dann stammen die Wähler jenseits des Atlantiks wohl tatsächlich von einem anderen Stern. Und auf diesem fremden Kampfstern Galaktika herrscht christlicher Fundamentalismus: Dort, im Bibelgürtel der amerikanischen Südstaaten, hausen "wiedergeborene" und waffentragende evangelikale Christen, welche die Evolutionstheorie und die Schwulenehe ablehnen und das Verbot der Abtreibung in der Neuen Welt wiedereinführen wollen.

Wieviele dieser aus alteuropäischer Sicht christlich-militanten Marsmenschen gibt es überhaupt?

Die üblichen Schätzungen sprechen von zehn bis zwanzig Prozent der amerikanischen Wählerschaft, je nach Meinungsforschungsinstitut. Aber das Bild ist falsch, weil es die Dimensionen verrückt: Es gibt natürlich radikale "Fundamentalisten" und "Kreationisten".

Die einen wollen die vermeintlichen "Grundlagen" evangelikaler Christenheit direkt auf die Gegenwart anwenden, so daß die Vereinigten Staaten wieder zur technologisch zwar hochentwickelten, aber moralisch rigiden Farmer- und Pflanzerrepublik würden, mit sauberen Ehen und vielen Kindern. "Kreationisten" dagegen nehmen auch die biblische Geschichte der Schöpfung wortwörtlich und wollen den Schulunterricht von gottloser Wissenschaft befreien. Aber diese Gruppen vermögen den Sieg des Kriegspräsidenten Bushjr. nur zum kleinsten Teil zu erklären, zumal sie in der Regel eher "isolationistische" Einstellungen hegen, wonach Gottes eigenes Land sich aus den Händeln der Alten Welt lieber heraushalten möge.

„Moralische Werte“ hüben, sozialpolitische Themen drüben

"Evangelikale" bibeltreue Protestanten allerdings gibt es sehr viel mehr in Amerika - auch "wiedergeborene" Christen, aus recht verschiedenen Kirchen und Sensibilitäten. Aber diese Gruppen sind keineswegs identisch miteinander; zwar legen sie allesamt Wert auf "moralische Werte", doch sie überlappen einander nur zum Teil.

Bei der jüngsten Wahl waren für mehr als 80Prozent der Bush-Wähler "moralische Werte" (ein recht vager und weiter Begriff, der auch die persönliche Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Kandidaten einschließt) und "Terrorismus" die bedrängendsten Fragen. Für Kerry-Wähler hingegen standen sozialpolitische Themen wie Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung, Erziehung sowie der Krieg im Irak an vorderster Stelle. Kein Wunder, denn damit entsprachen die Wähler beider Hälften Amerikas den expliziten Programmpunkten ihrer Kandidaten.

Bush zog die „glaubensbasierten“ Netzwerke auf seine Seite

Gewiß hat die religiöse Rechte für die Wiederwahl des Präsidenten rekordverdächtig viele "glaubensbasierte" Netzwerke auf ihre Seite ziehen können: von Frauen- und Müttervereinen bis zu den leidigen Fernsehpredigern. Das konservative Wählerpotential wurde stärker mobilisiert als vor vier Jahren - und den Demokraten ist gerade dies trotz der hohen Wahlbeteiligung, auf die sie hofften, nicht gelungen. Warum?

Der demokratische Kandidat überzeugte (zumindest die, die er überzeugte) nur durch seine Argumente, aber nicht durch seine Person. Die Mitte der amerikanischen Nation fühlte sich nicht angesprochen von seinem Auftreten, durch seine Sprache. Kerry ist gewiß kein "wiedergeborener" Christ wie sein Konkurrent, nicht mal richtige Sünden hatte er zu bereuen. Ein Mindestmaß an christlichem Vibrato - und sei es das des Sünders, des verlorenen und heimkehrenden Sohnes - aber ist keine Spezialität der religiösen Rechten. Es gehört vielmehr zur Muttersprache der amerikanischen Demokratie.

Der gläubige Sünder aus dem einfachen Volk

Bill Clinton, der gläubige Sünder aus dem einfachen Volk, aus der hinterletzten Provinz Arkansas, hatte "es" - er brauchte dafür nicht einmal "wiedergeboren" zu werden, zumal er bereits Mitglied der Southern Baptists war, der größten und konservativsten protestantischen Kirche der Vereinigten Staaten. Ihr entstammt übrigens auch der Predigerpräsident Jimmy Carter (wenngleich er im vergangenen Jahr aus Protest gegen ihren immer dogmatischeren Konservatismus austrat).

Auch deshalb setzte sich der geborene SüdstaatenChrist Clinton im Jahr 1992 gegen George Bushsenior durch, den Elitezögling von der neuenglischen Nordostküste, der der liberalen Nobelkirche der "Episkopalier" angehört. Das sind die amerikanischen Anglikaner, die eher als "God's frozen people" denn als "chosen people" galten. Mittlerweile ist dieses anglikanisch tiefgefrorene Gottesvolk zwar aufgetaut, macht aber heutzutage nur durch seinen praktizierend schwulen Bischof von sich reden und bringt die anglikanische Weltgemeinde demnächst zur Spaltung.

Des „Wiedergeborenen“ Texaners Widersacher ein bloßer katholischer Meßdiener

Und John Kerry? Der mochte während seines Wahlkampfs noch so häufig auf seine Zeit als katholischer Meßdiener verweisen - jedermann spürte heraus, daß er es auf Anraten seiner "Spin-Doctors" und Wahlkampfstrategen tat. Der hölzern-hagere Kerry wirkte wie ein Wiedergänger des religiös tiefgefrorenen Bushsenior, während dessen Sohn "W.", obwohl dieser früher an der Yankee-Elite-Schmiede Harvard studiert hatte, längst ein anderer Mensch geworden war: bis ins Timbre seiner Sprache hinein als gläubiger Texaner wiedergeboren.

Dabei ist nicht George W. Bushs neue Konfession entscheidend - Bushjr. trat von den Episkopaliern über zur Kirche seiner Gattin, zu den Methodisten. Die sind weitaus linksliberaler als die gesamte Bush-Familie und haben den Irak-Krieg mit Ermahnungen und Gebeten verdammt. Als Präsident hat sich Bushjr. übrigens nie mit seinen Kirchenoberen getroffen.

Öffentliches Zeugnis über die Erschütterung der Seele

Entscheidend ist vielmehr die Erfahrung der Bekehrung: aus der Begegnung mit dem Worte Jesu Christi ein neuer Mensch geworden zu sein. Bushjr. wurde zwar nicht wie bei den Baptisten im Wasser wiedergetauft, sondern durch die regelmäßige Teilnahme am Bibellektürezirkel seines besten Freundes, des Texaners Don Evans (dem derzeitigen Handelsminister in Bushs Kabinett). Daß diese Bibelgruppe beispielsweise die Alkoholprobleme von Bushjr. zu lösen vermochte, verlieh seiner persönlichen Begegnung mit dem auferstandenen Christus nur höhere Glaubwürdigkeit.

Die rechte Antwort des Sünders und Gläubigen besteht in der amerikanischen Christenheit im öffentlichen Zeugnis der durch innere Erschütterung der Seele erfahrenen Wiedergeburt. Die amerikanische, anfänglich calvinistische Antwort lautet: Disziplin. Seither ist die Sprache der Bibel die Muttersprache der amerikanischen Freiheit.

In Europa übernehmen spezialisierte Apparate die Kompetenz für die Glaubensregeln

Der Bibel-Code des amerikanischen Patriotismus bezeugt und fordert die Wiedererweckung des einzelnen wie der Nation in Zeiten von Anfechtung und Krise. Wie die Wiedergeburt des Christenmenschen in der Gnade des Allmächtigen käme auch die öffentliche Partizipation der Bürger, das Selbstverständnis der freien Republik, ohne ihre innere Anteilnahme, Erschütterung, Umkehr gar nicht zustande.

Bekehrungen zur Wiedergeburt in Christo gibt es natürlich auch in der europäischen Christenheit. Charakteristisch für das amerikanische Idiom ist freilich die große Rolle, die die persönliche Erfahrung dabei spielt. In der europäischen Christenheit führt die Wiedergeburt in den Schoß der Mutter Kirche zurück. Dort wird dann in der Regel die Kompetenz für die rechten Glaubensregeln von einem spezialisierten Apparat übernommen (Klerikern, Katechismus, Lehramt).

Amerikaner müssen ihren eigenen Weg zu Jesus finden

Genau dieses ist in der aus den radikalen protestantischen Sekten des 16. und 17.Jahrhunderts entstandenen Spiritualität der amerikanischen Form der Wiedergeburt anders: Jeder muß die eigene "soul-competency" selbst im Griff behalten, seinen eigenen Weg zu Jesus finden.

Dieser Jesus eines oder einer jeden ist zwar stets ein anderer - aber die Gläubigen hören schon noch heraus, ob der Glaube des jeweiligen Freundes, Vertreters, Politikers echt klingt.
Für dieses Seelen-Management, das die stetige Erneuerung der Wiedergeburtserfahrung bewirkt und bestätigt, hat die Tradition der amerikanischen Erweckungsbewegungen regelrecht stereotypisierte Verfahren entwickelt: eine "do-it-yourself"-Methode der Begegnung mit dem beziehungsweise Bekehrung zum auferstandenen Jesus, in der ein jeder "soul competency" entwickeln kann.

Speziell fundamentalistische Thesen, gar Szenarien einer Apokalypse im Kampf wider das Böse ("Evil"), wird man freilich auch in Bushs großen Reden weiland nach dem 11.September oder vor dem Golfkrieg nicht finden. Doch sein persönliches Erweckungserlebnis als "wiedergeborener" Methodist disqualifiziert ihn ebensowenig wie seinen Vorgänger dessen öffentliche Beichte nach der Lewinsky-Affäre - wenngleich uns in beiden Fällen der Stil nicht gefallen mag.
Beide sprachen eine uramerikanische Sprache - einen Code von Echtheit und Ehrlichkeit, ohne den es in Gottes eigenem Land ein Politiker schwer hat, von "middle America", der schweigenden, nicht radikalen, aber oft allzu selbstgefälligen Mehrheit gewählt zu werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.11.2004, Nr. 45 / Seite 61
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