02.04.2002 · Ein neues System zur Überwachung von Flugpassagieren in den USA soll Attentäter im Vorfeld identifizieren.
Von Ulrich HotteletAls Reaktion auf die Anschläge des 11. September planen amerikanische Luftverkehrsaufsichtsbehörden und Fluglinien den Aufbau eines umfassenden Datensystems, das dabei helfen soll, potenzielle Terroristen unter den Passagieren im Vorfeld zu identifizieren. Die Pläne sehen vor, eine Vielzahl von Passagierdaten wie frühere Wohnorte, Buchungs- und Zahlungsmodalitäten aus unterschiedlichen Datenbanken miteinander zu verknüpfen, um so frühzeitig einen Bedrohungsindex für jeden einzelnen Fluggast zu erstellen.
Dazu werden Daten aus privatwirtschaftlichen und regierungsamtlichen Quellen ausgetauscht, berichtete die „Washington Post“. Man kann dadurch zum Beispiel herausfinden, dass ein Passagier mit seiner Geldkarte die Tickets für vier andere Männer im selben Flugzeug bezahlt hat, die vor Jahren mit ihm zusammengewohnt hatten. Oder es könnten ungewöhnliche Querverbindungen zwischen Passagieren aufgedeckt werden, die unterschiedliche Flüge zur gleichen Zeit antreten wollen.
Bedrohungsprofile werden erstellt
Mit solchen Methoden des Data Mining würde ein Bedrohungsprofil für jeden Passagier erstellt, berichtete die „Washington Post“. Passagiere mit auffallend hohen Werten würden dann zusätzlich überprüft.
Obwohl das System auf bereits existierender Software und Technologie basiert, könnten noch Jahre vergehen, bevor es installiert ist. Denn bis dahin müssen enorme Datenmengen integriert und eine Struktur zur Erstellung von Passagierprofilen erarbeitet werden.
Zwei Prototypen im Test
Delta Air Lines arbeitet momentan mit anderen Unternehmen an einem Prototyp. Northwest Airlines führt mit weiteren Fluggesellschaften Gespräche über ein ähnliches Kontrollsystem. Amerikanische Bundesbehörden wollen in den kommenden Monaten mindestens zwei Prototypen testen.
Ein Projekt wird von HNC Software geleitet. Beteiligt sind PROS Revenue Management und Acxiom, einer der größten Datenvermarkter weltweit. Es basiert auf neuronalen Netzen, die bestimmte Muster verdächtiger Transaktionen erlernen können. Solche Netze sind bereits zum Aufspüren von Versicherungs- und Kreditkartenbetrügern im Einsatz.
Zwei Dollar mehr je Ticket
Das zweite Projekt führt die Unternehmensberatung Accenture durch. Auch IBM, Equifax und Sabre arbeiten an Datenprofilen. Nach Angaben von Industrievertretern sollen die Mehrkosten des komplexen Datenabgleichs zwei Dollar pro Flugticket nicht überschreiten.
In Deutschland gebe es solche Pläne nicht, teilten übereinstimmend Innenministerium, Lufthansa und Deutsche BA mit. Ein derart umfassendes Kontrollsystem wäre in Deutschland aus Gründen des Datenschutzes rechtswidrig, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.
Warnung vor Missbrauch
Nach den Anschlägen von New York und Washington verschärften die Fluggesellschaften in Deutschland die Kontrolle von Passagieren und Gepäck beim Einchecken. Das Flughafenpersonal einschließlich der Reinigungskräfte wird seitdem sicherheitsüberprüft, die Cockpit-Türen sind verschlossen und Bundesgrenzschutzbeamte in Zivil, sogenannte Air Marshalls, fliegen als Passagiere mit, um bei Flugzeugentführungen eingreifen zu können.
Doch auch in den Vereinigten Staaten könnten Datenschutzgesetze den sehr weit gehenden Plänen im Wege stehen. Bürgerrechtler warnen davor, Regierungsstellen Überwachungsmöglichkeiten in bisher ungekanntem Ausmaß einzuräumen. Die Erkenntnisse aus den Sicherheitsüberprüfungen könnten für andere Zwecke missbrauch werden.