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Vatikan Zurück zur Normalität?

09.02.2009 ·  Die Debatte über die Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson hat auch viel über das Verhältnis der Deutschen zum Papst offenbart. Aus Sicht von Benedikt XVI. gibt es dennoch einen Erfolg: Das kirchenrechtliche, historisch lastende Schisma mit den Lefebrve-Traditionalisten ist beendet.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Papst Benedikt XVI. hatte ein Problem weniger. An jenem Tag der vergangenen Woche, als es noch einmal ganz dick kam, im Fall der Traditionalisten, die ex-exkommuniziert worden waren, und des Holocaust-Relativierers, der Kirche und Papst in Antisemitismus-Verdacht gebracht hatte. An jenem Tag wurde dem Papst berichtet, sein oberster Mitarbeiter, Kardinalstaatssekretär Bertone, habe in Madrid mit Ministerpräsident Zapatero im Streit zwischen Antiklerikalen und Kirchentreuen für Entspannung gesorgt.

Benedikt ließ an jenem Tag noch einmal die für die Weltkirche wichtigen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit passieren. Da waren am Montag, dem 2. Februar, die katholischen Bischöfe der Türkei zu ihrem pflichtgemäßen Besuch bei ihm erschienen und hatten ihm gesagt, dass nach seinem Besuch im November 2006 noch immer nicht genug Verständnis zwischen Christen und Muslimen herrsche; er hatte sie getröstet und ihnen Mut gemacht.

Ähnlich war es mit den Bischöfen aus Iran Mitte Januar und denen des Chaldäischen Ritus aus dem Nahen Osten. Benedikt hatte am Montag dem neuen Moskauer Patriarchen Kyrill zu seinem neuen Amt gratuliert. Von einer Audienz in der Vorwoche für die Mitglieder einer gemischten internationalen Kommission für den Dialog zwischen der katholischen Kirche und den Orthodoxen und von deren Arbeiten unter kundiger Begleitung des zuständigen deutschen Kurienkardinals Kasper wusste er über die Fortschritte im Verhältnis zwischen den getrennten christlichen Kirchen.

„Kleine Geister gibt es überall“

Für den selben Tag, den 4. Februar, verzeichnete eine Mitteilung des vatikanischen Presseamts auch die Audienz des Papstes für den deutschen Kurienkardinal Paul Josef Cordes, den Präsidenten des Rates „Cor Unum“ (Ein Herz), des päpstlichen Caritas-Hilfswerks. Über den Inhalt solcher Amtsaudienzen wird gewöhnlich nichts ausgeplaudert. Aber man geht nicht fehl in der Annahme, dass Kardinal Cordes ihm über seinen Besuch auf den Philippinen bei der dortigen Bischofskonferenz Ende Januar Bericht erstattete.

Haben die beiden, die sich seit vielen Jahren kennen, über das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Papst gesprochen? Man kann es nicht wissen. Aber sicher ist, dass Kardinal Cordes eine verbürgte Geschichte nicht (!) erzählt hat, weil Joseph Ratzinger sie schon kannte: Als nämlich Gerhard Schröder, noch als Ministerpräsident von Niedersachsen, ganz begeistert von einer Audienz bei Johannes Paul II. in Rom nach Hause kam und dem katholischen Hildesheimer Bischof Homeyer nicht genug vorschwärmen konnte. Worauf Homeyer vorsichtig darauf hinwies, dass es auch Kritik an dem Papst unter deutschen Katholiken gebe. „Ach, wissen Sie“, sagte der künftige Bundeskanzler, „kleine Geister gibt es überall.“

Merkel telefoniert mit Benedikt

Seitdem hat sich viel geändert, und am Sonntag führte Bundeskanzlerin Merkel auf eigenen Wunsch ein Telefongespräch mit Papst Benedikt. Dazu meldete das vatikanische Presseamt, dass die zwei „Gelegenheit hatten, gegenseitig ihren Standpunkt in einem Klima großen Respekts darzulegen“.

Dann wiederholten sie, so heißt es weiter, was sie schon einmal gesagt hatten: Benedikt am Mittwoch (28. Januar) vor nun schon fast zwei Wochen, Frau Merkel am vergangenen Donnerstag (5. Februar), als sie die Note des Staatssekretariats gegen traditionalistischen Antijudaismus als „ein gutes und wichtiges Signal“ aus dem Vatikan wahrnahm. „Herzlich und konstruktiv“ sei das Gespräch gewesen, fanden die Pressesprecher, „getragen von dem gemeinsamen tiefen Anliegen der immerwährenden Mahnung der Shoah für die Menschheit“.

Schisma mit Piusbruderschaft überwunden

Ganz entspannt war das Gespräch aber wohl nicht. Weil Benedikt sich nach allgemeiner deutscher Ansicht erst noch bewähren muss. Das kirchenrechtliche, historisch lastende Schisma mit den Traditionalisten ist jedoch beendet. Das bedeutet trotz allem einen Erfolg für die römische Kirche, weil die vier geweihten Bischöfe keine Nebenkirche bilden, sondern nur eine sehr extravagante Mini-Minderheit.

Rom kann sich für die Verhandlungen mit der Bruderschaft Zeit lassen, auch einen neuen Leiter für die zuständige Kommission bestellen und immer wieder notwendige Korrekturen anmahnen. Für die Priester-Bruderschaft ist es der Beginn eines Prozesses, ihre Ansichten aufzuarbeiten und widerliche Torheiten abzustellen, um sich des Platzes in der Kirche neben anderen würdig zu erweisen.

Wenn sie es nicht tun, müssen sie in einer Schmuddelecke ein kümmerliches Dasein fristen und werden dann wegen erwiesener Unbelehrbarkeit abgestoßen. Dass ihr politisch-historischer Antisemitismus oder religiöser Antijudaismus eine Gefahr in der Weltkirche bedeuten sollte, ist in Deutschland wegen der besonderen Sensibilität verständlich, anderswo jedoch schwer zu erklären.

Kommt der Papst nach Deutschland?

Um die römische Kurie zu besänftigen – die mehr geirrt hat als der Papst und daher nervös ist –, spricht man in Deutschland und in Israel von bevorstehenden Reisen des Papstes, die nun auf gar keinen Fall ausfallen sollten. Als ob dadurch alles gut werden könne.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Zollitsch, wünscht sich den Papst sogar in Berlin, zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit, die Deutschland, wie man sagt, protestantischer hat werden lassen. Auch Israelis und Juden hoffen – nach all den Vorwürfen des Antisemitismus gegen Benedikt –, der Papst werde an der für Mai geplanten Pilgerfahrt ins Heilige Land festhalten.

Benedikt ließ immer wissen, dass die Reisen kein Privatvergnügen seien. Aus persönlichen Motiven an die heiligen Stätten zu pilgern – ohne dass, wie bei Johannes Paul II., ein besonderes Jahr 2000 Termindruck ausübte – würde er sich gern versagen. Berufene Personen müssten ihn deshalb davon überzeugen, dass ohne eine solche Reise alles nur noch viel schlimmer würde – die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum wegen kirchlicher Gebete, der historischen Rolle Pius’ XII. und den Traditionalismus-Antisemiten und überhaupt. Vielleicht gelingt das noch.

Kann sich Benedikt XVI. vorstellen, vielleicht gar am 3. Oktober 2010, durch das Brandenburger Tor zu schreiten? Oder erinnert er sich an die Proteste in Berlin gegen Johannes Paul II., die periodischen Unmutsstürme gegen den Kardinal Ratzinger? Auch da müssten deutsche Bischöfe und die Führer des Zentralkomitees der deutschen Katholiken den Papst wohl noch überzeugen, dass dies eine gute Idee sei. Vorerst ist im Vatikan ordentliches normales Kirchenregiment angesagt.

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