Home
http://www.faz.net/-gpf-qcjz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vatikan Sechs Deutsche im Konklave

15.04.2005 ·  In Rom bereiten sich auch sechs Kardinäle aus Deutschland auf die Wahl des Nachfolgers von Johannes Paul II. vor. Einer von ihnen - Joseph Kardinal Ratzinger - war schon 1978 dabei. Wäre er der ideale Mann, um für Jahre des Übergangs die katholische Kirche zu führen?

Von Daniel Deckers
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (0)

In diesen Tagen bereiten sich sechs Kardinäle aus Deutschland in Rom auf die Wahl des Nachfolgers von Papst Johannes Paul II. vor - einer mehr als im Drei-Päpste-Jahr 1978. Joseph Kardinal Ratzinger war damals schon dabei, mit 51 Jahren sogar das jüngste Mitglied im Kardinalskollegium.

Aus dem Konklave nach dem Tod Pauls VI. ging damals der venezianische Patriarch Albino Luciani als Papst Johannes Paul I. hervor. Der starb nach 33 Tagen. Im zweiten Konklave binnen zweier Monate wurde Papst Johannes Paul II. gewählt - und das mit tätiger Hilfe deutschsprachiger Kardinäle.

Ratzinger seit mehr als zwanzig Jahren in Rom

Franz König aus Wien und Joseph Höffner aus Köln waren damals „Großwähler“, hatten andere Kardinäle hinter sich geschart und den Erzbischof von Krakau unterstützt. Daß ein Deutscher hätte Papst werden können, galt damals als ausgeschlossen. Und heute? Wenn sich jetzt im Kardinalskollegium Stimmen zugunsten Ratzingers erheben, dann nicht für einen Deutschen.

Seit mehr als zwanzig Jahre lebt der gebürtige Bayer nun in Rom, stand mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, hatte Woche für Woche Zugang zu Papst Johannes Paul II., war lange Zeit die theologische Nummer eins unter den Kurienkardinälen. Nur der langjährige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano kennt die Kardinäle und Bischöfe der Weltkirche so gut wie Ratzinger.

Brillanter Theologe

Wäre Ratzinger, der Römer, am Sonntag 78 Jahre alt, nicht der ideale Mann, um nach dem überlangen Pontifikat Johannes Pauls II. für einige Jahre des bewahrenden Übergangs das Schiff der Kirche zu steuern?

Das fragen sich nicht wenige, und nicht wenige werben für ihn: Der kolumbianische Kurienkardinal Alfonso Lopez Trujillo, einst zusammen mit Ratzinger ein Streiter wider die Theologie der Befreiung und jetzt Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, oder auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner.

Doch für welchen Ratzinger sammeln sie Stimmen? Sicher für den brillanten Theologen, den Fels in der Brandung des Zeitgeistes, den polyglotten Dekan des Kardinalskollegiums.

Kalte Ausstrahlung

Über die Art Ratzingers, Theologie zu treiben, schrieb allerdings sein Kollege Walter Kasper schon 1968: „Dem theologisch nicht Informierten ist es deshalb wohl nicht immer deutlich, was sichere These und was bloße Hypothese, was gemeinsame kirchliche und theologische Lehre und was persönliche Theologie des Verfassers ist. Dadurch ist er der recht persönlich geprägten Sicht des Autors weitgehend ausgeliefert, zumal andere Meinungen oft von vornherein in recht gezielter Akzentuierung zu Wort kommen.“

Ratzinger fehlt auch Erfahrung als Seelsorger; er galt als überfordert mit dem Amt des Erzbischofs von München und Freising, das er drei Jahre innehatte, nicht zuletzt wegen seiner kalten Ausstrahlung. Gewiß ist nur eines: Sollte Ratzinger nicht selbst Papst werden, dann wird niemand gegen sein Votum in dieses Amt gewählt.

Kasper - Fachmann für die Ökumene

Walter Kardinal Kasper lebt erst seit kurzem in Rom - vor sechs Jahren, im März 1999, berief ihn Papst Johannes Paul II. von Rottenburg an den Tiber. Der Papst wollte den früheren Tübinger Theologieprofessor und mittlerweile auch in der Leitung eines Bistums erfahrenen Mann in seiner unmittelbaren Nähe haben: als Fachmann für die Ökumene, eines seiner drei großen Themen, als Lenker der Geschicke des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

Kasper und Ratzinger waren seit den späten sechziger Jahren immer wieder über theologische Fragen heftig aneinandergeraten. Doch das hielt den Papst nicht davon ab, Kasper den Kardinalspurpur zu verleihen und ihn in alle Himmelsrichtungen zu schicken, um das Gespräch mit Vertretern der unterschiedlichsten christlichen Konfessionen zu forcieren.

Aufgabe wie auf den Leib geschneidert

Kaum war Kasper von einer seiner vielen Reisen zurück, mußte er schon dem Papst berichten - und zwischendurch in Rom immer wieder verhindern, was auf die ökumenischen Hoffnungen einen Schatten geworfen hätte. Diese Aufgabe, das spürte jeder, der mit Kasper zusammentraf, war dem emsigen, hartnäckigen, 72 Jahre alten Schwaben wie auf den Leib geschneidert.

Doch damit ist es mit dem Tod des Papstes erst einmal vorbei. Was wird der nächste Papst für die Ökumene tun? Kasper wird diese Frage nicht nur im kleinen Kreis stellen - und als Kronzeuge des verstorbenen Papstes sein Gewicht für einen Kandidaten in die Waagschale werfen, der es mit diesem Erbe Johannes Pauls II. ernst meint.

Lehmann - Dogmatiker von großem Format

Karl Kardinal Lehmann - wer hätte es vor wenigen Jahren, inmitten des Streits über die Schwangerenberatung, für möglich gehalten, daß Bischof Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, am Ende Kardinal werden und den Nachfolger Johannes Pauls II. wählen würde? Lehmann ist ein Dogmatiker von anderem, aber nicht minder großem Format wie Ratzinger und Kasper.

Als Theologen kennen sich die drei seit den frühen sechziger Jahren. Gemeinsam Diözesanbischöfe waren indes nur Lehmann und Kasper. Lehmann seit 1983 in Mainz, Kasper seit 1989 in Rottenburg. Gemeinsam haben sie beide mit Ratzinger manchen Streit gehabt und dabei nicht selten verloren - wie im Fall des gemeinsamen Hirtenbriefs über die Seelsorge mit Geschiedenen und Wiederverheirateten sowie in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung.

Kein „Großwähler“

Trotz langjähriger Vertrautheit mit den römischen Sitten und Gebräuchen - Lehmann hat in Rom Philosophie und Theologie studiert, war lange Mitglied der Internationalen Theologenkommission, hat an vielen Bischofssynoden teilgenommen und arbeitet in verschiedenen Kongregationen mit - dürfte der Mainzer Kardinal auch nicht annähernd so viel Einfluß auf das Kardinalskollegium haben wie Ratzinger oder der Kölner Kardinal Meisner.

Machtpolitik und langfristiges strategisches Handeln sind seine Sache nicht, selbst wenn eigene Interessen auf dem Spiel stehen. Daher dürfte Lehmann zunächst kein „Großwähler“ sein, der andere Kardinäle hinter sich bringt und sie einem Kandidaten zuführt. Gleichwohl dürfte sein Rat bei vielen gefragt sein, die ihn als klug und weltoffen schätzen.

Meisner - einer der mächtigsten Kardinäle

Joachim Kardinal Meisner, seit Dezember 1987 Erzbischof von Köln, war unter den ersten Papstwählern, die sich schon am Montag vergangener Woche zu den in Rom und Italien ansässigen Kardinälen gesellte, um in den Generalkongregationen die kommenden Entscheidungen zu beeinflussen.

In den zurückliegenden Jahren verstand es der Kölner Erzbischof nicht nur, als Mitglied strategisch wichtiger Kurienbehörden wie der Bischofs- und der Kleruskongregation wie der Kongregation für Gottesdienst und Sakramentenordnung in Rom auf den Gang der Ereignisse Einfluß zu nehmen. Der Reichtum des Erzbistums Kölns und noch aus der Zeit von Kardinal Frings stammende Kontakte nach Lateinamerika, Afrika und Asien haben ihn überdies zu einem der mächtigsten Kardinäle werden lassen.

Vor allem aber verfügte Meisner über ein Privileg wie nur wenige: Er hatte fast ungehinderten Zugang zu Johannes Paul II. Daß Meisner die Nähe zum Papst mitunter dazu nutzte, seine Angelegenheiten an den Kurienbehörden vorbei zu betreiben, hat ihm im Vatikan nicht nur Freunde verschafft. Um so mehr muß Meisner daran gelegen sein, daß auch der künftige Papst ihm gewogen bleibt.

Sterzinsky hat wenig Ambitionen über Berlin hinaus

Georg Kardinal Sterzinsky wurde während des Zusammenbruchs der DDR als Nachfolger Meisners die Leitung des Bistums (seit 1994: Erzbistums) Berlin anvertraut. Viel Fortüne war dem vormaligen Pfarrer von Jena und Generalvikar des Bistums Erfurt in diesem Amt nicht beschieden. Auch in der katholischen Kirche, die zusammen mit der Stadt in Ost und West geteilt war, wuchs vieles langsamer zusammen als zunächst gedacht. Bald stellten sich auch finanzielle Sorgen ein. Sie wurden mit Schulden kompensiert, eine Strukturreform unterblieb.

Wegen seiner Überschuldung wurde das Erzbistum schließlich ein Fall für Unternehmensberater und für finanzielle Unterstützung aus den anderen 26 Diözesen. Ambitionen über Berlin hinaus hat Sterzinsky nicht entwickelt. Im Vatikan gehört er nur der eher randständigen Kongregation für das katholische Erziehungswesen an.

So dürfte der Berliner Kardinal zu den vielen Papstwählern zählen, auf deren Stimmen es dann ankommen wird, wenn sich nach den ersten Wahlgängen im Konklave die Zahl der „Zählkandidaten“ verringert und Gruppen von Kardinälen um einzelne „Großwähler“ herum sich auf die Unterstützung eines bestimmten Kardinals festlegen.

Wetter - Wächter über die bayerischen Katholiken

Friedrich Kardinal Wetter ist der Nachfolger Ratzingers an der Spitze des Erzbistums München und Freising. Persönlich zurückhaltend und uneitel, führt er die größte bayerische Erzdiözese und damit auch die Freisinger Bischofskonferenz seit nunmehr 23 Jahren.

In der Deutschen Bischofskonferenz leitet er ebenfalls seit langer Zeit die wichtige Glaubenskommission - in allen drei Funktionen unablässig beobachtet von seinem Vorgänger Ratzinger, Wächter nicht nur über den Glauben in der Weltkirche, sondern auch über das besondere Wohl und Wehe der Katholiken in Bayern. Manche Bischofsernennung der vergangenen Jahre lief auf diese Weise an Wetter vorbei.

Die vatikanische Kurie war Wetters Welt nie, obwohl er wie Lehmann ein Absolvent des Collegium Germanicum ist. Derzeit gehört der 77 Jahre alte Münchner Kardinal der Kongregation für die Evangelisierung der Völker und - wie Sterzinsky - der für das katholische Erziehungswesen an.

FRANKFURT, 15. April. In diesen Tagen bereiten sich sechs Kardinäle aus Deutschland in Rom auf die Wahl des Nachfolgers von Papst Johannes Paul II. vor - einer mehr als im Drei-Päpste-Jahr 1978. Joseph Kardinal Ratzinger war damals schon dabei, mit 51 Jahren sogar das jüngste Mitglied im Kardinalskollegium. Aus dem Konklave nach dem Tod Pauls VI. ging damals der venezianische Patriarch Albino Luciani als Papst Johannes Paul I. hervor. Der starb nach 33 Tagen. Im zweiten Konklave binnen zweier Monate wurde Papst Johannes Paul II. gewählt - und das mit tätiger Hilfe deutschsprachiger Kardinäle.

Franz König aus Wien und Joseph Höffner aus Köln waren damals "Großwähler", hatten andere Kardinäle hinter sich geschart und den Erzbischof von Krakau unterstützt. Daß ein Deutscher hätte Papst werden können, galt damals als ausgeschlossen. Und heute? Wenn sich jetzt im Kardinalskollegium Stimmen zugunsten Ratzingers erheben, dann nicht für einen Deutschen. Seit mehr als zwanzig Jahre lebt der gebürtige Bayer nun in Rom, stand mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, hatte Woche für Woche Zugang zu Papst Johannes Paul II., war lange Zeit die theologische Nummer eins unter den Kurienkardinälen. Nur der langjährige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano kennt die Kardinäle und Bischöfe der Weltkirche so gut wie Ratzinger. Wäre Ratzinger, der Römer, am Sonntag 78 Jahre alt, nicht der ideale Mann, um nach dem überlangen Pontifikat Johannes Pauls II. für einige Jahre des bewahrenden Übergangs das Schiff der Kirche zu steuern? Das fragen sich nicht wenige, und nicht wenige werben für ihn: Der kolumbianische Kurienkardinal Alfonso Lopez Trujillo, einst zusammen mit Ratzinger ein Streiter wider die Theologie der Befreiung und jetzt Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, oder auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Doch für welchen Ratzinger sammeln sie Stimmen? Sicher für den brillanten Theologen, den Fels in der Brandung des Zeitgeistes, den polyglotten Dekan des Kardinalskollegiums. Über die Art Ratzingers, Theologie zu treiben, schrieb allerdings sein Kollege Walter Kasper schon 1968: "Dem theologisch nicht Informierten ist es deshalb wohl nicht immer deutlich, was sichere These und was bloße Hypothese, was gemeinsame kirchliche und theologische Lehre und was persönliche Theologie des Verfassers ist." (Fortsetzung Seite 2.)

Quelle: F.A.Z., 16.04.2005, Nr. 88 / Seite 1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

Jüngste Beiträge

Brandsatz Syrien

Von Günther Nonnenmacher

In Syrien ist ein voll entfalteter Bürgerkrieg im Gang. Assad geht mit aller Härte vor, weil er fürchtet, dass jedes Nachgeben als Zeichen der Schwäche gewertet wird. Die Opposition hofft, das Regime mit der Zeit zu zermürben. Dieser Konflikt könnte den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen. Mehr