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Veröffentlicht: 12.06.2013, 16:23 Uhr

Vatikan „Korruption und homosexuelle Seilschaft“

Papst Franziskus soll in vertraulichem Gespräch Probleme in der Kurie eingestanden haben. Ein Protokoll zitiert ihn mit den Worten, es gebe „Heilige in der Kurie“, aber auch eine „Lobby Gay“.

von , Rom
© dpa Der Papst auf dem Petersplatz

Papst Franziskus hat in einem vertraulichen Gespräch mit lateinamerikanischen Ordensleuten offenbar die Existenz korrupter Strukturen und homosexueller Seilschaften in der vatikanischen Kurie eingestanden. Vatikansprecher Lombardi dementierte das auf der Internetseite der chilenischen Zeitschrift „Reflexión y Liberación“ veröffentlichte Protokoll des Gespräch mit sechs Vorstandsmitgliedern des „Verbandes lateinamerikanischer religiöser Männer und Frauen“ (CLAR) in Rom nicht. Am Dienstagabend sagte er nur, es handele sich um ein „privates Gespräch“, das er nicht kommentieren wolle. Der CLAR-Vorstand bestätigte die Zitate indirekt, indem er hervorhob, die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen dem Papst und der Delegation vom Donnerstag sei nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen.

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Das Protokoll zitiert Franziskus mit den Worten, es gebe „Heilige in der Kurie“, aber auch eine „korrupte Strömung“ und homosexuelle Seilschaften: „Es wird von einer ,lobby gay‘ gesprochen; es ist wahr, dass es die gibt. Wir müssen sehen, was wir tun können.“

„Kardinäle werden die Reform vorantreiben“

Mutmaßungen über homosexuelle Seilschaften in der Kurie waren vom Vatikan bisher nie kommentiert worden, doch erhielten sie im Zusammenhang mit dem weiter unter Verschluss gehaltenen Bericht der drei Kardinäle, die für Papst Benedikt XVI. die Affäre um die von seinem Schreibtisch gestohlenen Dokumente („Vatileaks“) aufklären sollten, neue Nahrung. Benedikt war Ende Februar als erster Papst der Neuzeit von seinem Amt zurückgetreten; er fühlte sich dem Vernehmen nach nicht mehr kräftig genug, um gegen die Seilschaften und die Korruption vorzugehen.

Nach dem nun öffentlich gewordenen Protokoll fühlt sich Papst Franziskus selbst nicht in der Lage, aus eigener Kraft jene Reformen im Vatikan ins Werk zu setzen, die auch er „wie fast alle Kardinäle“ in den Generalkongregationen vor dem Konklave am 13. März gefordert hatte. „Ich bin in Verwaltungsfragen zu unorganisiert. Ich war in so etwas noch nie gut. Aber die Kardinäle werden die Reform vorantreiben“, sagte Papst Franziskus gemäß dem Protokoll.

„Der aus München ist auch sehr ordentlich“

Mitte April hatte Papst Franziskus acht Kardinäle aus allen Kontinenten mit der Aufgabe betraut, eine Kurienreform vorzubereiten. Mittlerweile stehen die Kardinäle miteinander in Kontakt, im Oktober soll die Gruppe Papst Franziskus Vorschläge für die angestrebte Kurienreform unterbreiten.
Während des Gesprächs in der vergangenen Woche hob der Papst nach dem Protokoll die Kardinäle Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga aus Honduras und Francisco Errázuriz Ossa aus Chile hervor.

Über den Kommissionsmitglied Kardinal Reinhard Marx sagte er: „Der aus München ist auch sehr strukturiert. Die werden es machen.“ Weiter ist im Protokoll zu lesen, wie der Papst den CLAR-Vorstand ermutigt haben soll, bei der Hilfe für die Armen keine Angst davor zu haben, katholische Lehre zu missachten. „Womöglich geht bei euch sogar ein Brief der Glaubenskongregation ein“, heißt es im Protokoll, „und wirft euch vor, dies oder das gesagt zu haben. Aber habt keine Angst. Erklärt dann, was zu erklären ist, aber macht vor allem weiter. Macht die Fenster auf und tut, was das Leben von euch verlangt. Ich habe lieber eine Kirche, die etwas tut und dabei Fehler macht, als eine, die selbst krank wird, weil sie sich verschließt.“

Mit Sorge betrachtet Franziskus offenbar die „restaurativen“ Gruppen in der Kirche, wie er sie schon in Argentinien persönlich erlebt hat. „Man fühlt sich 60 Jahre, vor das Konzil zurückversetzt“, vertraute er seinen Gesprächspartner an. In diesem Zusammenhang werden Worte Franziskus’ über eine traditionalistische Gebetsinitiative zitiert, die ihm nach der Wahl „3525 Rosenkränze als besonderes spirituelles Geschenk“ gegeben habe. „Warum sagen die nicht einfach: ‚Wir beten für Sie‘?“ Die Glaubenspraktiken aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil hätten sich überlebt, soll Franziskus gesagt haben. Er soll auch eine Oberin kritisiert haben, die ihren Schwestern empfahl, statt des Morgengebets ein „spirituelles Bad im Kosmos zu nehmen.“ Im Protokoll wird der Papst dazu mit den Worten zitiert: „Das Evangelium ist weder das alte Regelwerk noch dieser Pantheismus. Das Evangelium sind die Armen.“

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Quelle: wahlrecht.de
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