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Vatikan „Gott ist die Liebe“

25.01.2006 ·  Den von Johannes Paul II. oft verwendeten Begriff „Zivilisation der Liebe“ füllt Papst Benedikt in seiner Enzyklika „Deus caritas est“. Den Postulaten sexueller Freizügigkeit stellt er die Befreiung des zum „Sex“ degradierten Eros entgegen: die Grundfrage, wie man Liebe lebt.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Mit der ersten Enzyklika will ein Papst in die Welt hinausrufen, was ihm zeit seines Lebens am meisten auf dem Herzen brannte, seinen Verstand beschäftigte und ihm für sein Pontifikat am dringlichsten erscheint. Benedikt XVI., der vor neun Monaten zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählte Deutsche Joseph Ratzinger, verkündet in seinem ersten päpstlichen Rundschreiben eigentlich nur drei Worte: „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe).

Nach alter Tradition wird eine Enzyklika mit den Anfangsworten überschrieben. Hier geben sie nicht nur den Titel an, sondern sind schon Inhalt. Und das betrifft zuerst das erste Wort: Gott will der Papst nennen, bezeugen und beschwören, ihn anbeten und ihn bitten, weil von ihm zu reden das wichtigste ist, wenn Christentum und Kirche eine Zukunft haben sollen.

Fanfarenstoß des ersten Wortes

Aber der Fanfarenstoß des ersten Wortes bedeutet mehr. Benedikt verordnet in dieser programmatischen Enzyklika der Weltkirche nicht etwa eine neue Marketingstrategie, als ob man es nach dieser oder jener Kirchenreform (oder der Abwehr so mancher Veränderung), nach dem Eintreten für mehr Gerechtigkeit und Frieden, nach aus der Not geborenen Seelsorgeplänen oder jahrelangem Streit über Abtreibung, Verhütung und den Zölibat nun auch einmal wieder mit dem lieben Gott probieren sollte. Der Theologe auf dem Stuhl Petri setzt Gott an den Anfang, weil er in diesem einen Wort das Wohl des einzelnen Menschen und das heilende Ziel der Menschheit sieht, weil darin sein eigenes lebenslanges Bemühen zusammengefaßt ist.

Fünf Jahrzehnte lang hat Joseph Ratzinger in seinen zahlreichen Büchern und Aufsätzen, in Reden und Predigten von Gott gesprochen. Ohne Zittern hat der Theologe Ratzinger in redlicher intellektueller Auseinandersetzung alle Zweifler ausreden lassen, die Aufklärer seit dem 18. Jahrhundert, die Religionskritiker des 19., die ideologischen Agnostiker und Atheisten des 20. Jahrhunderts. Ohne Zagen prüfte er, was jene ohne Gott für den Menschen, seine Freiheit, sein geglücktes Leben vorgeschlagen und erreicht haben. Immer wieder führte er - rational aufrichtig, behutsam, doch entschieden in der langen Tradition der großen Kirchenväter, der theologischen Lehrer und christlichen Philosophen - zu dem Schluß, daß der Mensch nur durch Gott zu seiner ganzen Wahrheit und Freiheit kommt. Deshalb muß in diesem Pontifikat zuallererst von Gott gesprochen werden.

„Abgenutzt, verbraucht und mißbraucht“

Was nicht ausschließt, daß man am Ende, nach allem unzulänglichen Gerede, schweigt. Noch am Montag baute Benedikt gleichsam eine intellektuelle Sicherung für das rechte Verständnis seiner Enzyklika ein. Der Papst erklärte, er wisse sehr wohl, daß all die großen Worte von Gott und Liebe „abgenutzt, verbraucht und mißbraucht“ seien, einem heutzutage kaum noch über die Lippen kommen dürfen. Das, so wörtlich, „fürchtet“ der Papst. Dennoch sei das Wort Gott „Ausdruck einer grundlegenden Wirklichkeit; wir können es nicht einfach ablegen, wir müssen es wieder aufnehmen, reinigen und ihm seinen ursprünglichen Glanz zurückgeben, weil es unser Leben erleuchtet und es auf den rechten Weg bringt“.

Diese Sätze sind in die Moderne, nicht gegen die Moderne gesprochen. Dazu gehört, daß der Papst Benedikt den Intellektuellen Joseph Ratzinger nicht verleugnen kann und will. Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte er sich vor allem in Deutschland den Ruf besonderer Unnachgiebigkeit erworben, noch vor kurzem schleuderte ihm ein grüner Politiker das Wort „unbarmherzig“ entgegen. Doch wer sich mit Ratzingers Werk beschäftigt hat, konnte es besser wissen. Er ist ein Mann der Argumentation und der Auseinandersetzung. Gerade weil er sich der Errungenschaften und all der Trümmer der Moderne bewußt ist, kann er ohne Blamage die großen Worte Gott und Liebe wieder in den Mund nehmen.

Wie lebt man Liebe?

Und selbstverständlich ist vom „christlichen“ Gott die Rede. Nicht aus fundamentalistischem Dünkel, sondern weil Gott selbst den Menschen der jüdisch-christlichen Kultur aufgetragen hat, sein liebevolles Handeln in und mit der Menschheit zu bezeugen. Das klingt nachhaltig fromm. Doch aller Voraussicht nach wird der öffentliche Diskurs in den Ländern mit christlichen Traditionen wieder religiöser - in den Vereinigten Staaten ist das in vollem Gang -, allein schon, weil immer mehr Zeitgenossen begreifen, welcher Reichtum des Menschlichen und der geschichtlichen Weisheit ihnen mit der Religion verlorenginge.

Die Gläubigen werden sich nicht länger wegen fehlender Aufgeklärtheit den Mund verbieten lassen, wenn der Papst so aufgeklärt ist. Die Nüchternen müssen dennoch keine Vergewaltigung fürchten; sie sind Nutznießer. Denn - das ist der zweite, gleichsam politische Teil der Enzyklika - wenn Gott Liebe ist, sollen die Menschen einander lieben und es dem Nächsten beweisen, so wie Christen stets in ihren sozialen Werken die „Caritas“ verwirklicht haben. Den von Johannes Paul II. oft verwendeten Begriff der „Zivilisation der Liebe“ füllt Benedikt mit theologischem Druck. Den Postulaten sexueller Freizügigkeit stellt er die Befreiung des zum „Sex“ degradierten Eros entgegen: die Grundfrage, wie man Liebe lebt.

Nebenbei wird auch der allfürsorgende Staat in seine Grenzen verwiesen. So wie die Kirche nicht die Macht des Staates, nicht die Aufgaben der Bürger beansprucht und sich nicht dem politischen Kampf um die gerechteste Gesellschaft verschreibt, muß der Staat, wenn er nicht eine „Räuberbande“ sein will, dem einzelnen Raum lassen, selbstlose Liebe in der „Caritas“ auszuüben. So wird das Fromme im Politischen konkret.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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