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Textänderung wird abgelehnt : Das Vaterunser bleibt

Der Vorschlag von Papst Franziskus, das Vaterunser zu ändern, wird in Deutschland sowohl von der katholischen als auch von der evangelischen Kirche abgelehnt. Bild: dpa

Die Kirchen in Deutschland wollen den Text des Vaterunsers nicht ändern und widersprechen dem Vorschlag des Papstes.

          Der Vorschlag von Papst Franziskus, das Vaterunser zu ändern, wird in Deutschland einhellig abgelehnt. Das gilt sowohl für die katholische als auch für die evangelische Kirche, wie Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ergaben. Beide sprechen dasselbe Gebet und sehen das auch als Zeichen ökumenischer Eintracht. Der Papst hatte vorige Woche in einem Interview mit einem italienischen Fernsehsender eine Bitte in dem Gebet gerügt: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Dies sei missverständlich übersetzt, richtig müsse es heißen: „Und lasse uns nicht in Versuchung geraten.“ Es sei nämlich nicht Gott, der die Menschen in Versuchung führe, sondern Satan. Franziskus schloss sich damit einer Änderung an, die für französische Katholiken seit dem ersten Advent verbindlich ist.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sagte am Freitag, er sehe keine Notwendigkeit, das Vaterunser zu ändern: „Ich habe den Eindruck, dass die meisten Bischöfe das so sehen wie ich und keinen Handlungsbedarf erkennen.“ Die Bischöfe von Mainz, Trier, Limburg und Regensburg haben sich auch schon offen in diesem Sinne geäußert. Auf Anfrage dieser Zeitung bekannte sich keines der 27 Bistümer zu dem Vorschlag des Papstes. Vielmehr verwiesen alle anderen auf die nächste Sitzung der Bischofskonferenz Ende Januar; dort wollen sie ihre Linie festlegen. Intern werden jedoch keinerlei Zweifel daran geäußert, dass man im Sinne von Marx entscheiden werde.

          Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, ist der Überzeugung, dass man den neutestamentlichen Text nicht verändern kann: „Der ist biblisch, der steht.“ Zudem könne bei näherer Betrachtung nicht die Rede davon sein, dass Gott den Menschen mit der Versuchung eine Falle stelle. „Wenn man davon ausgeht, dass Gott sowieso der ist, der das Leben lenkt und leitet, dann weiß ich, dass das, was mir begegnet, etwas ist, was in Gottes Hand steht.“

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          Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will das Vaterunser ebenfalls nicht ändern, jedoch mit einer anderen theologischen Begründung. Viele Menschen erlebten den Glauben „geprüft und unsicher angesichts von Leid und Tod“. Man tue den Menschen keinen Gefallen, wenn man die dunklen und unverständlichen Seiten Gottes ausblende. Das Gottesbild solle nicht weichgespült werden, schrieb er in einer Stellungnahme.

          Der Schriftsteller Martin Mosebach, selbst Katholik, findet, dass die Franzosen und der Papst „von allen guten Geistern verlassen“ seien. Der Papst habe keinen Instinkt dafür, was Tradition, was Überlieferung und was kollektiver Besitz sei. Aber: „Gott hat schon viele schlechte Päpste überstanden.“

          Auch die evangelische Kirche weist Kritik an der Formulierung des Vaterunsers zurück. Der frühere thüringische Landesbischof und Leiter der Revision der Lutherbibel, Christoph Kähler, sagt, der Wortlaut des Vaterunsers sei keine Frage der richtigen Übersetzung, sondern der angemessenen Deutung. Das Argument, ein aramäischer Text von den ersten Christen sei unangemessen übersetzt worden, findet er nicht schlüssig. Es sei schließlich keine Autorenübersetzung am Schreibtisch gewesen, sondern eine mündliche Überlieferung, die sich in zweisprachigen Gemeinden vollzog und dort von mehreren Gemeindemitgliedern kontrolliert wurde und gegebenenfalls verbessert werden konnte.

          Eine der wenigen, die dem Papst beispringen, ist die Theologin Johanna Rahner von der Universität Tübingen. Ein Diskurs über die korrekte Überlieferung und Übersetzung sei für die Menschen nicht von Bedeutung. Entscheidend sei, wie der Wortlaut heute verstanden werde; er sei missverständlich. Letztlich gehe es darum, welches Gottesbild dadurch in den Köpfen der Menschen entstehe.

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