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Uwe Barschel So viel ist sicher: Er wurde nicht erschossen

11.10.2007 ·  Vor 20 Jahren starb der frühere Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Uwe Barschel, im Genfer Hotel Beau Rivage. Noch immer sind die Todesumstände ungeklärt. Für die Selbstmord- wie auch für die Mordthese gibt es Indizien. Von Timo Frasch.

Von Timo Frasch
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Barschel wurde umgebracht, sagen die einen. Barschel hat sich selbst umgebracht, sagen die anderen. So geht das seit dem 11. Oktober 1987, dem Tag, an dem der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident in einem Zimmer des Hotels Beau Rivage am Genfer See tot aufgefunden wurde. Wegen einer Vergiftung, so viel ist immerhin klar.

Gut drei Wochen vor seinem Tod hatte Uwe Barschel versucht, sich bei seiner berühmten Ehrenwort-Pressekonferenz gegen die von der Zeitschrift „Spiegel“ erhobenen Vorwürfe unlauterer Wahlkampfmethoden zur Wehr zu setzen. Es stellte sich heraus, dass Barschel dabei teils falsche eidesstattliche Versicherungen vorlegte, zu denen er Mitarbeiter aus der Staatskanzlei angestiftet hatte.

Falsche und zweifelhafte Annahmen

Diese Vorgeschichte hat die Selbstmordthese befeuert. Sie basierte damals weniger auf Untersuchungsergebnissen - dafür hatten insbesondere die Genfer Behörden zu schlampig ermittelt - als vielmehr auf zwei Annahmen, von denen die eine sich inzwischen als falsch, die andere als zumindest zweifelhaft herausgestellt hat.

Die eine lautet: Barschel sei der Initiator einer schmutzigen Kampagne gegen die SPD gewesen, die in dem Versuch gipfelte, seinem Konkurrenten Björn Engholm mittels eines fingierten Aids-Bescheids seine angeblichen homosexuellen Neigungen nachzuweisen. Von Reiner Pfeiffer, so lautete damals die gängige Ansicht, einem geltungssüchtigen Boulevard-Journalisten, der seit kurzem in der Staatskanzlei als Medienreferent arbeitete, seien Barschels perfide Kampfmethoden lediglich umgesetzt worden. Schließlich - so lautet die zweite Annahme - habe sich der Ministerpräsident nach dem angeblichen Auffliegen seiner „Tricks“ nicht mehr anders zu helfen gewusst, als sich das Leben zu nehmen.

Hinweise sprechen gegen Selbstmord

Recherchen dieser Zeitung haben genauso wie die Ermittlungsergebnisse des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses aus dem Jahr 1995 gezeigt, dass diese Annahmen falsch waren. Tatsächlich hatte Pfeiffer zusammen mit einem notorischen Hochstapler namens Gert Postel in Eigenregie die abstrusen „Wahlkampfaktionen“ organisiert, die ihm - als Politiker oder Enthüllungsjournalist - einen Eintrag in die Geschichtsbücher sichern sollten.

Als ihm der erste Wunsch bei der CDU verwehrt zu bleiben schien, wandte er sich mit angeblich kompromittierendem Material über Barschel an die SPD und den „Spiegel“. Von Pfeiffers Methoden hat Barschel, der zunächst an ein organisiertes Komplott gegen ihn glauben musste, vor seinem Tod noch eine Ahnung bekommen. Es gibt auch genügend Hinweise dafür, dass er glaubte, zu seiner eigenen Entlastung beitragen zu können - vor einem neuen Untersuchungsausschuss, den er selbst mitbeantragt hatte und vor dem am 12. Oktober, einen Tag nach seinem Tod, seine Aussage erwartet wurde. Warum also hätte er sich umbringen sollen?

Politisches Überlebenstalent wie Strauß

Klar ist: Barschel dürfte nach seinem von der eigenen Partei geforderten Rücktritt politisch erledigt gewesen sein. Obwohl: Auch das wird nicht von jedem geteilt. Der Lübecker Oberstaatsanwalt Wille, der jahrelang die Ermittlungen im Fall Barschel leitete und von einem Mord ausgeht, ist etwa der Auffassung, Barschel hätte mit seinem Vorbild Franz Josef Strauß auch dessen politisches Überlebenstalent geteilt. Er sei 1987 jung genug gewesen, gerade 43, um sich in der Politik eine zweite Chance erhoffen zu dürfen.

Dennoch gibt es keine Zweifel daran, dass sich Barschel subjektiv in seiner Existenz massiv bedroht fühlte. Er, dem eine steile Karriere vom Sohn einer verwitweten Näherin zum zweifach promovierten Spitzenpolitiker gelungen war, mochte durchaus in der Politik die Bestätigung für die Richtigkeit seines Lebenswegs gesehen haben. Das war eine Ansicht, die in pointierter Weise der 1987 verantwortliche Chefredakteur des „Spiegel“, Erich Böhme, vertrat und sie mit der Selbstmordthese verknüpfte.

Nie von Lebensmüdigkeit die Rede

Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass Barschel schon vor der Wahl 1987 mit dem Gedanken gespielt hat, seine politische Karriere in Deutschland zugunsten einer wissenschaftlichen in Kanada aufzugeben, wo sich schon zuvor viele mit dem Familiennamen Barschel niedergelassen hatten.

Eine fertige Habilitationsschrift, schreibt Wolfram Baentsch in seinem Buch „Der Doppelmord an Uwe Barschel“, habe schon zu Ministerzeiten in seiner Schublade gelegen. Im Übrigen gibt es Personen aus dem Umfeld Barschels, die bezeugen, dass von Lebensmüdigkeit bei ihm auch im Oktober 1987 nicht die Rede gewesen sein konnte.

Selbstmordthese nach wie vor populär

Dennoch hielt sich die Selbstmordthese - und sei es, weil sich die Mordthese nicht oder nicht mehr beweisen ließ. Auch der Generalstaatsanwalt Schleswig-Holsteins, Rex, glaubt im Unterschied zu Wille an Selbstmord: Dass die Mordthese gegenwärtig Konjunktur hat, habe auch damit zu tun, dass sich Mord in den Medien besser verkaufe als Selbstmord. Das muss nicht sein. Schließlich ist die Selbstmordthese - erweitert um die Möglichkeit der Sterbehilfe - nach wie vor populär.

Mit ihr verknüpft sich häufig die Annahme, Barschel habe versucht, den Selbstmord wie einen Mord aussehen zu lassen. Verschlagen genug sei er dafür gewesen, sagen die einen; Barschel sei im Grunde naiv gewesen, entgegnen die anderen. Außerdem passe der Selbstmord nicht zum christlich-konservativen Weltbild des vierfachen Familienvaters. Sein Image war dennoch ein anderes: „Ein kalter Machtmensch inszeniert seinen Selbstmord als Mord, um Zwietracht in seinem Land zu säen“, schrieb etwa die Schweizer Tageszeitung „La Suisse“.

Treffen mit dem geheimnisvollen Roloff

Daran kann man ernsthafte Zweifel haben. Barschel hatte in der Nacht seines Todes Puppen in seinem Gepäck, die für seine Kinder gedacht sein mussten; er war am nächsten Morgen zum Frühstück bei seinem Bruder verabredet, der in der Nähe von Genf lebte und bei dem sich Barschels Kinder aufhielten; wohl zu diesem Zweck hatte er auch den Weckdienst des Hotels bestellt, was erst Jahre später von den Ermittlern zur Kenntnis genommen wurde.

Außerdem hat ihn ein Schweizer Journalist am Genfer Flughafen gesehen, wo er eigentlich nur sein konnte, wenn er sich tatsächlich mit jenem geheimnisvollen Roloff dort traf, der Barschel mit Informationen über die wahren Hintergründe der Kieler Affäre versorgt haben soll. Wer sich hinter Roloff verbirgt, ist nicht bekannt. Ihn halten aber die meisten Vertreter der Mordthese für Barschels Mörder.

Das alles schließt Selbstmord noch nicht aus: Barschel war tatsächlich ein Meister im Legen falscher Fährten. Nach Angaben seiner Mitarbeiter kam es immer wieder vor, dass er zum Teil durch Täuschungsmanöver für ein paar Stunden oder Tage ohne Hinweise auf seinen Verbleib von der Bildfläche verschwand. Andererseits: So viel Selbstinszenierung wie in den Oktobertagen hätte vielleicht noch der Phantasie des Hochstaplers Postel entspringen können. Aber der Barschels?

War die Stasi beteiligt?

Also doch Mord? Dafür spricht einiges: etwa das Gutachten eines Toxikologen, das besagt, Barschel - von anderen Medikamenten längst betäubt - sei wahrscheinlich nicht mehr in der Lage gewesen, das schließlich tödliche Präparat einzunehmen. Generalstaatsanwalt Rex überzeugt das allerdings nicht; die Reihenfolge der Einnahme könne heute nicht mehr nachgewiesen werden. Fraglich bleibt außerdem, wo die Medikamentenschachteln verblieben sind - im Hotelzimmer wurden sie nicht gefunden.

Oberstaatsanwalt Wille gibt zu bedenken, dass es sich auch um flüssige Lösungen gehandelt haben könnte. Aber was würde das ändern? Bei Barschel wurden überdies Hämatome festgestellt, die er sich - eigentlich - nicht selbst zugefügt haben kann. Schließlich stellt sich die Frage: Wo kam das nachgewiesene Medikament Pyrithyldion her, das damals nur noch in Dänemark und in der DDR erhältlich war? Spricht das für eine Beteiligung der Stasi, die Barschel einerseits observiert, andererseits - bei seinen auffällig häufigen Besuchen in der DDR - hofiert hat?

CIA, Mossad, BND: Alle sind verdächtig

Er könnte, lautet eine andere Mutmaßung, das Medikament auch auf dem grauen Markt in Gran Canaria erworben haben, wo er in den Tagen vor Genf im Urlaub war und wo er ständig nach neuen Medikamenten suchte. Warum? Etwa, weil zu diesem Zeitpunkt seine Tablettenabhängigkeit so groß war, gesteigert durch die Angst vor Angriffen auf sein Leben, von der er seiner Frau erzählt hatte? Oder wollte er sich auf Gran Canaria mit genügend Medikamenten eindecken, um dann seinen Selbstmord ausführen zu können?

Die Vertreter der Mordthese - Verschwörungstheoretiker wie ernsthafte Autoren - arbeiten sich seit Jahren an einer anderen Frage ab: Wer hat Barschels Leben auf dem Gewissen? Die Rede war von der Stasi, der CIA, vom Mossad, von der Bundesregierung, vom BND. Immer wieder geht es dabei um Genf, in dem sich in der Todesnacht auffällig viele Geheimdienstler und Waffenhändler aufgehalten haben sollen. Dazu ist zu sagen: In Genf halten sich immer viele Geheimdienstler und Waffenhändler auf. Außerdem gibt es die Aussage eines Reisebüromitarbeiters, dass Barschel nur nach Genf flog, weil es kein Ticket mehr für Zürich gab.

U-Boot-Geschäft mit Südafrika

Neuere Publikationen zum Komplex kreisen weiterhin um den Tatort Schweiz, wo sich der frühere Ministerpräsident häufiger aus geschäftlichen Gründen aufgehalten habe. Die Rede ist von Verstrickungen Barschels in ein U-Boot-Geschäft einer schleswig-holsteinischen Werft mit Südafrika, das damals von den UN wegen seines Apartheidregimes geächtet wurde. Das Geschäft ist angeblich erst von der Bundesregierung unterstützt, später gestoppt worden.

Wegen schon erhaltener Zahlungen soll Barschel in eine brenzlige Lage gekommen sein: den Südafrikanern verpflichtet, der Bundesregierung unliebsam geworden wegen seiner Mitwisserschaft. Andere wiederum behaupten, Barschel sei ein kleiner Fisch gewesen, der nur bei den großen mitschwimmen wollte. Warum dann also der Aufwand um ihn? Und: Warum hätte Barschel irgendetwas auspacken sollen, wenn er doch daran interessiert war, sich zu rehabilitieren? Hätte er sich dadurch politisch nicht noch unmöglicher gemacht, als er es ohnehin schon war?

Als Beweis für mögliche Enthüllungsabsichten wird ein angeblicher Satz Barschels zitiert: Wenn die in Bonn ihn nicht stützten, dann würden sie schon sehen, was sie davon haben. Ist das eine Drohung oder der übliche Reflex einer geschundenen Politikerseele?

Ein Mann mit rheinischem Akzent

Aber selbst wenn Barschel durch Verstrickungen und Mitwisserschaft in eine bedrohliche Lage geraten sein sollte, so lässt sich damit nicht unbedingt die Mordthese erhärten. Es ist immerhin möglich, dass Barschel selbst den Druck als zu groß empfand, so dass er seinem Leben ein Ende machen wollte. Fraglich bleibt aber, warum er dafür ausgerechnet ein Genfer Hotel gewählt haben soll, in dem er nach Kenntnis der Dinge nie zuvor war.

Manches spricht also doch dafür, dass er in das Hotel gebeten wurde. Ob von diesem Roloff, von dem er seinen engsten Vertrauten erzählte, dass er sich von ihm entlastendes Material für den Kieler Untersuchungsausschuss erhoffe? Wer war Roloff? Laut Aufzeichnungen Barschels, die sich im Hotelzimmer fanden, war er ein Mann, der am Telefon mit rheinischem Akzent gesprochen hat.

Wer war Barschels Informant?

Klar ist: Barschel muss kurz vor seinem Tod nähere Informationen über Pfeiffers Machenschaften erhalten haben. Sonst hätte er nicht wissen können, was er auf seine Notizzettel geschrieben hatte. Von wem konnte er die Informationen bekommen haben? Nur von Leuten, die Detailkenntnisse hatten.

Viele gab es davon nicht. Die Stasi etwa dürfte von Absprachen zwischen Postel und Pfeiffer nur zum Teil gewusst haben, von ausländischen Waffenhändlern ganz zu schweigen. Muss man also annehmen, dass Barschel die Informationen von einem Mann bekommen hat, der ein anderer war als der, der ihn ermordete - wenn er denn ermordet wurde?

Wie ein dilettantischer Mord

Wenn man sich heute das Hotelzimmer vor Augen führt, so wie es am 11. Oktober war - es gab keinen besseren Zeitpunkt für einen Mord, keinen besseren für einen Selbstmord -, dann sieht alles aus wie ein dilettantischer Mord. Oder wie ein dilettantisch verschleierter Selbstmord. Wenn Barschel doch von einem Killer umgebracht worden sein sollte, dann hat der seine Arbeit schlampig gemacht.

Vielleicht spielte die Qualität der Arbeit auch keine Rolle - weil sich der mögliche Mörder vor Strafverfolgung sicher wähnte. Dann hätte er Barschel aber auch erschießen können. Erschossen wiederum, so viel ist sicher, wurde er nicht - auch wenn selbst dieses Gerücht am 11. Oktober 1987 sein Unwesen trieb.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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