02.05.2011 · Al Qaida hat auf Verfolgungsdruck mit Dezentralisierung reagiert
FRANKFURT, 2, Mai. Für die Propaganda war es das perfekte Ende: In dschihadistischen Internetforen wird der Märtyrertod Usama Bin Ladins gefeiert, der den Al-Qaida-Führer unsterblich gemacht habe. In den vergangenen Jahren hörte man nur hin und wieder seine Stimme. Bin Ladin war schon lange von der Bildfläche verschwunden. Jetzt werden nach dem Tod des Al-Qaida-Führers auch die Audiobotschaften ausbleiben, mit denen Bin Ladin seine Bewegung ideologisch auf Kurs halten wollte. Der Gründer, die Symbolfigur, welche die großen Anschläge ins Werk gesetzt und die großen Linien vorgegeben hat, und die durch ihr bloßes Überleben den Amerikanern trotzte, ist jetzt nicht mehr am Leben. So sprachen am Mittwoch die Fachleute von einem "schweren Schlag", den die Amerikaner dem Terrornetz versetzt hätten. Der amerikanische Al-Qaida-Fachmann Peter Bergen ließ sich gar dazu hinreißen zu sagen, der Tod Bin Ladins sei das Ende des Kampfes gegen den islamistischen Terrorismus. Das wird allerdings gemeinhin bezweifelt.
Auf das operative Geschäft dürfte der Tod Bin Ladins kaum Auswirkungen haben, denn die verschiedenen "Filialen" Al Qaidas agieren schon lange weitgehend unabhängig von der "Zentrale". Auch seine Nachfolge scheint schon geregelt zu sein. Für Philipp Holtmann, Terrorismusfachmann der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, ist es ausgemacht, dass die bisherige Nummer Zwei von Al Qaida, der Ägypter Ayman al Zawahiri auf Bin Ladin folgen wird. In den gängigen Internetforen gebe es auch schon Stimmen, Zawahiri, viel Glück an der Qaida-Spitze wünschten, sagt er. Neben dem wenig charismatischen Zawahiri, der zuletzt eher hilflos gegenüber den Umwälzungen in der arabischen Welt wirkte, werden wohl auch andere ihren Einfluss in der Führung des Terrornetzes vergrößern. Die vergangenen Jahre haben einige Aufsteiger hervorgebracht. So hat sich zum Beispiel der Libyer Abu Yahya al Libi einen Platz in der saudisch-ägyptisch dominierten Qaida-Führung gesichert. Er gilt als fähiger und charismatischer Theologe und Ideologe. Der Ägypter Saif al Adl gilt als fähiger Militär, der kuweitische Islamist Suleiman Abu Ghaith als fähiger Propagandist. Auch der Name Ilyas Kashmiri wird immer wieder genannt. Der pakistanische Terrorist gilt als versierter Netzwerker, Anschlagsplaner und skrupelloser Erfüllungsgehilfe. "All diese Leute haben spezielle Qualitäten, ihnen fehlt aber der allgemeine strategisch-ideologische Weit- und Überblick eines Bin Ladin oder Zawahiri", sagt Holtmann.
Ohne Zawahiri hätte Bin Ladin seinen Feldzug weder beginnen noch führen können. Der 1951 geborene Arzt war der Gründer und der Kopf des "Islamischen Dschihads" in Ägypten. 1985 unternahm er die Pilgerfahrt nach Mekka, praktizierte dort ein Jahr als Arzt, bevor er nach Peschawar reiste, um sich den afghanischen Mudschahedin anzuschließen. Dort traf Zawahiri Bin Ladin, der das von dem radikalen palästinensischen Theologen Abdullah Azzam gegründete Büro "Maktab al Chadamat" leitete, das arabische Freiwillige für den Dschihad gegen die Sowjets anwerben sollte.
Die ideologische Grundlage für das Engagement der späteren Al-Qaida-Führung hatte der Publizist Sayyid Qutb (1906 bis 1966) gelegt, der den radikalen Islamismus wie kein zweiter prägte. Sein wichtigstes Werk "Meilensteine am Weg", das er während der Nasser-Herrschaft in einem ägyptischen Gefängnis geschrieben hat, inspirierte Generationen von Islamisten - auch Bin Ladin und Zawahiri. Durch den Dschihad solle die absolute "Herrschaft Gottes" errichtet werden, predigte Qutb. Dazu und um der Scharia Geltung zu verschaffen, müssten die Herrscher in der arabischen Welt, denen er den Abfall vom wahren Glauben - "Takfir" - unterstellte, notfalls mit Gewalt beseitigt werden. Er war der erste islamistische Denker, der den "Takfir"-Begriff auf die arabischen Herrscher anwendete. Der Kreis jener Fundamentalisten, die 1981 den ägyptischen Präsidenten Sadat ermordeten, berief sich auf das Werk von Qutb. Dschihadistische Gruppierungen in Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien, wo Bin Ladin damals noch lebte, studierten die Qutbs Schriften und wanden sie zunehmend an.
Zunächst waren Bin Ladin und Zawahiri lediglich ein - wenn auch für die Araber wichtiges - Element im Dschihad gegen die Rote Armee, die 1989 aus Afghanistan abzog. Bin Ladin, der 1989 getötete Azzam und Zawahiri gründeten für die "arabischen Afghanen" ihre eigenen Ausbildungslager in Afghanistan, die sie später erweitern sollten. Danach bauten Bin Ladin und Zawahiri eine Organisation auf, die über Afghanistan hinaus in andere Teilen der Welt für den Islam kämpfen sollte, vor allem in Palästina und Kaschmir. Die konstituierende Sitzung der damals geheim operierenden Organisation mit dem Namen Al Qaida soll am 11. August 1988 mit dem Ziel stattgefunden haben, den Dschihad in weitere Länder zu tragen. In den neunziger Jahren fanden die ersten Anschläge auf amerikanischem Boden statt.
1996 veröffentlichte Bin Ladin eine Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten, das die Vertreibung ausländischer Truppen aus allen Ländern der islamischen Welt forderte, was einer Kriegserklärung gegen die Vereinigten Staaten gleichkam. Am 23. Februar 1998 unterzeichneten Bin Ladin, Zawahiri und drei weitere Dschihadisten, die ausnahmslos keine Theologen waren, eine Fatwa, die zur Tötung von Amerikanern und deren Alliierten aufrief. Sie gründeten Al Qaida mit dem offiziellen Namen "Islamische Weltfront zur Bekämpfung der Juden und Kreuzfahrer".
Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erreichte Al Qaida ihren Zenit. Mit der einsetzenden Militärkampagne unter Führung der Vereinigten Staaten endeten die Zeiten, in denen Bin Ladin die Anschlagsziele festlegte, Geld bereitstellte, um dann seine Erfüllungsgehilfen walten zu lassen. Die Führer von Al Qaida verloren die unmittelbare Kontrolle über die Terrornetze, die in vielen Ländern der islamischen Welt auch ohne direkte Befehle von Bin Ladin selbständig zu agieren begannen. So entstanden die "Filialen" Al Qaida im Irak, Al Qaida im islamischen Maghreb und Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel.
Al Qaida wurde zu einem Markennamen, zu einer Inspiration und Ideologie, auf die sich Gleichgesinnte beriefen, auch wenn sie nicht mehr in direktem Kontakt zu Bin Ladin standen. Bin Ladin und Zawahiri wachten indes darüber, dass die Organisationen sich des Markennamens würdig erwiesen, und sie versuchten auch immer wieder in Führungsfragen der einzelnen Ableger Einfluss zu nehmen.
Eine breite, unüberschaubare Graswurzelbewegung von Dschihadisten entstand, zu denen auch die deutsche Sauerland-Gruppe zählte. Im Internet entstand eine Dschihadismus-Popkultur unter Jugendlichen. Diejenigen, die etwa auf die entbehrungsreiche Reise in die pakistanischen Stammesgebiete machen, werden dort wie Stars gefeiert. Je mehr das Duo Bin Ladin und Zawahiri bei all dem in den Hintergrund rückte, desto wichtiger wurden lokale Besonderheiten.
Einer der ersten, die innerhalb von Al Qaida diese Fragmentierung und neue Phase als erste erkannten und die Schlüsse daraus zogen, war der Syrer Mustafa Sitt Maryam Nassar, der sich den Kampfnamen Abu Musab al Suri zulegte. Die Amerikaner sollen ihn 2005 in Pakistan festgesetzt haben. Ihm wird vorgeworfen, die Bombenanschläge 2004 in Madrid und 2005 in London geplant zu haben. Nassar argumentierte, Al Qaida drohe als hierarchische Organisation als Folge der Angriffe aufgerieben zu werden. Daher müsse aufgrund der Möglichkeiten des Internetzeitalters rasch eine stark dezentralisierte Bewegung aufgebaut werden, bei der die einzelnen autonomen Zellen vor allem über das Internet miteinander in Verbindung stünden. Ein solcher Dschihad käme auch ohne Führer aus, wäre weniger anfällig. Die Zellen sollten sich nicht notwendigerweise direkt kennen.
Seine im Internet kursierenden Werke haben die Strategien des neuen Dschihad maßgeblich beeinflusst. Als sein Hauptwerk gilt das 1600 Seiten umfangreiche Buch "Aufruf zum globalen islamischen Widerstand" von Ende 2004. Al Qaida dürfte also auch nach dem Tod von Bin Ladin weiterbestehen - stark dezentralisiert und mit einer radikalen Ideologie. Die Bedrohung durch den dschihadistischen Terrorismus scheint somit nicht gebannt zu sein. Zuletzt ist sie vor allem komplexer geworden. Rainer Hermann und
Christoph Ehrhardt