08.12.2008 · Dass Demonstrationen in Griechenland häufig einen ziemlich ungeordneten Verlauf annehmen, ist nicht neu. Trotzdem führt die Intensität der Reaktion auf den Tod des Jugendlichen zu der Frage, ob hinter den Unruhen nicht mehr steckt.
Von Wolfgang Günter LerchDer von griechischen Polizisten erschossene Fünfzehnjährige war möglicherweise nicht das, was man unter einem Demonstranten versteht. Als Mitglied einer Gruppe von dreißig linksextremen "Autonomen" - so jedenfalls sagt die Polizei - habe er einen Wagen der Polizisten mit Steinen angegriffen. Es gibt jedoch auch andere Versionen über den Hergang des tragischen Ereignisses im Stadtviertel von Exarchia, das die griechische Regierung so rasch wie möglich aufklären sollte.
Die Suspendierung der beiden verdächtigen Polizisten reicht nicht aus, denn der Rechtsstaat hat möglicherweise schweren Schaden erlitten. Zuletzt war im Jahre 1985 ein Jugendlicher bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften getötet worden - und zwar im selben Viertel, in dem sich der jüngste Vorfall abspielte. Michalis Kaltezas war dadurch zum Märtyrer der linken Szene in Griechenland geworden. Exarchia gilt seit dem Ende der Obristenherrschaft (1967 bis 1974) unter dem damaligen Junta-Führer Papadopoulos als ein Zentrum der Linksextremen und "Autonomen" in Athen.
Der Tod des Jugendlichen hat, von der Hauptstadt Athen ausgehend, zu Aufruhr in fast allen großen Städten des Landes geführt: Thessaloniki, Patras, sogar Ioanina im Epirus, das eher abgelegen ist, war betroffen. Selbst in Kerkyra, auf der Ferieninsel Korfu, sowie in Heraklion, der Hauptstadt Kretas, kam es nach Bekanntwerden der Nachricht von den Zusammenstößen und dem gewaltsamen Tod des jungen Mannes zu Unruhen, die teilweise mit Brandstiftungen, Zerstörungen und Plünderungen von Geschäften verbunden waren. Dass Demonstrationen in Griechenland häufig einen ziemlich ungeordneten Verlauf annehmen, ist nicht neu. Trotzdem führt die Intensität der Reaktion auf das vermutete oder tatsächliche Fehlverhalten von Polizisten zu der Frage, ob hinter den Unruhen nicht mehr steckt.
In den vergangenen Monaten hat sich immer stärker eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Mitte-rechts-Regierung unter Ministerpräsident Kostas Karamanlis bemerkbar gemacht. Auch haben einige Skandale das Vertrauen in die Regierung untergraben. Doch vor allem die Wirtschaftspolitik ist in den Brennpunkt der Kritik geraten. In den Umfragen liegt die oppositionelle sozialistische Pasok mittlerweile vorne, über vorgezogene Wahlen im nächsten Jahr wird hier und da schon gesprochen.