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Unterricht im Zeichen der Missbrauchsdebatte Die Sache soll Schüler verführen, nicht die Person

13.05.2010 ·  Auch nach den Missbrauchsskandalen gilt: Erkenntnisvermittlung ist ohne die Zuwendung des Lehrers zum Kind nicht möglich. Dabei sollte gleichwohl die Sache - und nicht die Personen - die Verführerin bleiben. Es geht um ein entscheidendes Problem der Elitenerziehung.

Von Tilman Allert
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Im Sog der zurückliegenden Skandale droht eine ebenso triviale wie elementare Einsicht in die Kultur der pädagogischen Kommunikation in Vergessenheit zu geraten. Angesichts der folgenreichen Überzeichnung, die in einer Reihe von Internaten Kinder zu Opfern degradiert hat, gilt es daran zu erinnern, dass Zuwendung als das Medium eines gelingenden Umgangs mit der Neugier des Kindes nötig ist. Alle Zuwendung ist ambivalent, sozial fragil und psychisch durch Polarität bestimmt.

Der Streit der vergangenen Wochen betrifft ein Problem der Elitenerziehung. Die Motive von Eltern, die ihre Kinder der Obhut einer erzieherischen Stellvertretung anvertrauen, sind vielschichtig und lange nicht hinreichend erschlossen: Statusprätention, das Beste für die Besten, zu denen man die eigene Familie zählt, mischt sich mit dem Wunsch, sich den Zumutungen affektiver Ambivalenz zu entziehen und die Kinder Experten zu übergeben.

Von ihnen wird Affektkontrolle und Leistungsfähigkeit in erzieherischer Perfektion erwartet. Dass den jüngst bekanntgewordenen Geschichten zu Übergriffen erst nach Jahren des Schweigens Glauben geschenkt wurde, ist nicht so verwunderlich, wie der öffentliche Aufschrei nahelegt. Die Schuldgefühle von Eltern, die ihre Bedeutsamkeit in den eigenen Kindern fortsetzen wollen, den trivialen Alltag mit ihnen jedoch meiden, sind nur dadurch zu mildern, dass die Eltern von der Güte der delegierten Erziehung fest überzeugt sind.

Das soziale Exklusivitätsversprechen der Einrichtungen, deren erhabene Distanz zum vermuteten Trübsinn der Normalschule, tun ein Übriges, eine kümmernde Nachfrage oder ein Staunen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Was teuer ist, muss bekanntlich auch gut sein, schließlich lässt man sich die Investition einiges kosten, und am Ende steht der sportlich trainierte, moralisch geschulte und versuchungsdistante junge Erwachsene vor der Tür, bereit für das Leben.

Ein für die deutsche Oberschicht typischer antiinstitutioneller Affekt, amalgamiert mit Zivilisationskritik, liegt verklärend der Entscheidung zugrunde, die Kinder einer Art professionalisierter Überbehütung anzuvertrauen. „Adel durch Bildung“ ist das Ziel, dessen geistige Vernetzungen mit dem Bildungsprotestantismus Friedrich Wilhelm Graf nachgespürt hat.

Es betrifft auch die die Institution der Familie

Für den deutschen Liberalkatholizismus gelten ähnliche geistesaristokratische Missionsideen. Die Lebenserinnerungen von Golo Mann, Schüler des Salem-Internats, veranschaulichen biographisch das pädagogische Ideal delegierter Elternschaft. Doch derartige Bezüge lassen nur anklingen, dass es bei der „zivilisierten Nettigkeit“ (Golo Mann) der Gemeinschaftserziehung um mehr geht als um Pädophilie und unbewusste Komplizenschaft.

Das Thema, das im Lichte der Internatsschulen, ihrer erzieherischen Programmatik, aufgeworfen wird, ist weitreichender, es betrifft die Institution der Familie in Deutschland, ihr Verhältnis zur Abstraktionszumutung der modernen Gesellschaft und die Bereitschaft der Eltern, auf die Naturwüchsigkeit kindlicher Neugier und Erkenntnislust eine Antwort zu finden und bei dieser Aufgabe mit der Schule zu kooperieren.

Zwischen Reformpädagogik und Zölibat

Das die Schule anbetrifft, sollte man im Strudel der Debatte die Dinge auseinanderhalten. Keineswegs handelt es sich bei der Reformpädagogik um eine Leitidee, die Perversionen begünstigt. Auch das Zölibat zieht nicht zwangsläufig seelische Monstrosität nach sich, sondern bezeichnet nicht mehr als ein Element in der Ausbildung und Praxis des Priesterberufs. Perversionen gehen von Einzelpersonen aus. Deren seelische Verklemmtheit kann sich unter den Gegebenheiten eines Handlungsraums austoben, das können Prügel sein, sexuelle Verführungen oder deren perverse Kombination.

Um diesen Handlungsraum geht es, und zwar jenseits der zurückliegenden Aufgeregtheiten. Der sogenannte pädagogische Eros, ein inzwischen beschädigter Begriff, zählt dazu. Dass der Eros nicht der Person, sondern der Sache gilt, dass nicht etwa erotisierte pädagogische Beziehung gemeint ist, sondern eine sublimierte Hingabe an die Sache, die der Lehrer stellvertretend erläutert, droht bei der Kritik an den folgenreichen Konkretismen eines falsch verstandenen Umgangs mit Schulkindern, mit Kindern überhaupt, in Vergessenheit zu geraten.

Macht durch die Asymmetrie von Wissen und Erfahrung

Schüler sind abhängig und haben nur eingeschränkte Chancen, den Handlungsraum der Unterweisung zu verlassen. Die Schule begründet ein Machtverhältnis, das in der Asymmetrie von Wissen und Erfahrung Gestalt annimmt. Im Kommunikationsgeschehen unterliegt die Begegnung jedoch einer stillschweigenden Prämisse der Symmetrie: bezogen auf die Sache und der durch ihre Rätselhaftigkeit provozierten Herausforderung, ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen, begegnen sich Lehrer und Schüler als Gleiche, die Neugier und Erkenntnislust zusammengeführt hat. Nicht der Statusunterschied zwischen Lehrern und Schülern entscheidet über den Ausgang der großen Erkenntnissuche, sondern die Plausibilität des Arguments.

Die Ungleichheit in Erinnerung rufen

Im Horizont der Sache als einem Problem des Erkennens stehen sich in der pädagogischen Kommunikation Lehrende und Lernende somit als gleich und ungleich gegenüber, und es ist genau diese Synchronizität von sich gegenseitig ausschließenden Zugehörigkeiten, vor der manche Pädagogen die Flucht ergreifen. Die einen, indem sie sich ihrer Pflicht entziehen, die Ungleichheit in Erinnerung zu rufen und ihr durch Notengebung und Leistungsdifferenzierung Ausdruck zu verleihen. Sie missverstehen die Gleichheit, die nicht mehr als eine produktive Fiktion darstellt, indem sie diese kumpelhaft aufladen. Die anderen fliehen die bedrohliche Fiktion der Gleichheitsprämisse, indem sie ihre Differenz zu den Schülern mit Härte, mit dem Rohrstock, mit zynischer oder blasierter Distanz als unüberwindbar zu unterstreichen versuchen.

Mit der Gleichheit aller Neugierigen ist die Ungleichheit derjenigen verbunden, die sich - wiederum sachvermittelt - voneinander unterscheiden und nach ihren Beiträgen zu beurteilen sind. Die Schulklasse bildet eine Leistungsgemeinschaft, die sich in der Art und Weise, wie sie sich die Sache erschließt, voneinander unterscheidet und die sich in diesen Unterschieden zu artikulieren und anzuerkennen lernt. Diese elementare Funktion der Anerkennung von Unterschieden in der erreichten fachlichen Kundigkeit und dem gleichzeitigen Zusprechen eines Würdeanspruchs als Mitglied der Klasse als einer Gruppe Gleicher zählt zu den wichtigsten Basiserfahrungen des Schulunterrichts: Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft von Ungleichen, aber um die Sache in der Fiktion der Gleichheit versammelt, dieses Elixier für den Eintritt in Beruf und bürgerschaftlicher Verantwortung wird fächerübergreifend in den Schulen mitgegeben. Die Sache - und nicht die Personen - ist systematisch die Verführerin.

Lehren bedeutet, mehr als sachvermittelte Zuwendung zum Kind

Pädagogische Kommunikation bezieht sich auf eine Kunst des Umgangs. Kriminell wird es in dem Moment, in dem die Beteiligten, Lehrer oder Schüler, das Potential an Bindungen, das die Beziehung aufrechterhält, also Zwang, Zuwendung, Gleichheit und Ungleichheit wörtlich nehmen. Die Kommunikation zerfällt, wenn das Dritte - die Sache - verabschiedet wird, seine sublimierende Funktion einbüßt.

Lehren bedeutet, daran ändert die gegenwärtige Aufregung nichts, nicht mehr als sachvermittelte Zuwendung zum Kind, und die geschieht in einem Kommunikationsraum, der fragil und gefährdet ist, also in hohem Maße ambivalent.

Haarsträubende Übergriffe in einem gefährdeten Raum gelebter erzieherischer Praxis weisen darauf hin, dass Institutionen zu schützen sind, dass insbesondere Institutionen der intellektuellen Schulung und moralischen Reifung einer Pflege bedürfen und auf eine kontinuierliche Bewährung angewiesen sind. Das geschieht nicht durch Lässigkeit, auch nicht durch Überwachung, nicht durch einen Bildungsheroismus und strapaziöse Perfektionserwartungen und auch nicht durch das Plädoyer, die Rollendistanz gegenüber dem prinzipiell ambivalenten Bildungsprozess junger Menschen zu kultivieren, sondern durch kontinuierliche Professionalitätsschulung - anders als es im Portfolio-Wahn der gegenwärtigen Lehrerbildung geschieht.

Wenn die Sache als solche Entfaltungschancen durch die konzentrierte Arbeit einer Gemeinschaft von Neugierigen hat, dann tritt, in der schönen Formulierung von Luhmann, die Organisation zurück, dann wird das in die Begegnung eingelagerte affektive Potential sublimiert und gibt den Weg frei für das Ziel, zu dem man in einer Klasse überhaupt zusammengekommen ist: Erkenntniszuwachs.

Institutionen ist eine Ambivalenz eigen, die es zu erkennen und im eigenen Handeln zu berücksichtigen gilt - Ambivalenz kann nicht beseitigt werden, sie bedeutet nicht etwa Gefahr, sondern sie bildet, so gefährdet sie ist, das höchste Gut der Moderne: an ihr und in ihr eröffnen sich Gestaltungsspielräume, die als solche zu erhalten sind. Hieran soll erinnert werden, ehe irgendjemand auf die Idee kommt, die Schulen nicht nur mit Computern zu bestücken, sondern die Unterrichtskommunikation durch videogesteuerte Unterweisung zu ersetzen.

Zentral ist daher nicht so sehr der Umgang der Lehrer mit neuen Medien, der derzeit im Taumel der Wissensgesellschaft allseits gefordert wird, sondern vielmehr das Verständnis und der kundige Umgang mit dem alten, aber elementaren Medium des Erziehens: dem Sprechen mit dem Kind über das Unbekannte, das die Welt ist.

Der Autor lehrt Soziologie und Sozialpsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt und ist dort in der Lehrerbildung tätig

Quelle: F.A.Z.
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