11.08.2004 · Die Gewalt im Irak hält an: Im Südirak starben bei britischen Luftangriffen 20 Menschen. In der Nähe von Bagdad kamen bei einem Anschlag mindestens sechs Menschen ums Leben.
Bei Luftangriffen der britischen Armee auf Stellungen von Aufständischen in der südirakischen Stadt Amara starben in der Nacht zum Mittwoch 20 Menschen, mehr als 50 wurden verletzt. Die Angriffe auf Stellungen der Anhänger des radikalen Schiitenpredigers Moqtada al Sadr seien „gezielt und präzise“ gewesen, sagte ein britischer Armeesprecher. Genaue Angaben zur Zahl der Opfer lägen ihm nicht vor.
Ein Bombenanschlag in der Nähe eines überfüllten Marktplatzes hat in einer irakischen Kleinstadt mindestens sechs Menschen in den Tod gerissen. Neun Passanten wurden nach Klinikangaben verletzt. Die Wucht der Explosion in Chan Bani Saad, nordöstlich von Bagdad in der Nähe der Stadt Baquba gelegen, riß einen tiefen Krater in die Straße. Nach Angaben der Polizei befanden sich zum Zeitpunkt des Anschlags weder irakische Polizisten noch amerikanische Soldaten in der Nähe.
Schiitenführer getötet
Ein Führer der größten Schiiten-Partei im Irak ist bei einem Attentat getötet worden. Ali Saadi vom Obersten Rat der Islamischen Revolution (Sciri) sei in Mahmudijah südlich von Bagdad von „Terroristen“ erschossen worden, die „im Namen des Islam handelten“, sagte ein Sciri-Sprecher in Teheran.
Saadi war Kommandant der früheren Badr-Brigaden, dem militärischen Arm der von Iran unterstützten Schiiten-Partei. Im August vergangenen Jahres war der damalige Sciri-Chef, der Geistliche Mohammed Bakr al Hakim, bei einem Anschlag in Nadschaf getötet worden.
Weiter Kämpfe in Nadschaf
In der Stadt Nadschaf, der Hochburg schiitischer Rebellen, verstärkten die amerikanischen Truppen ihren militärischen Druck auf die Kämpfer von Muqtada al Sadr. Soldaten forderten die Rebellen in Lautsprecher-Durchsagen auf, sich zu ergeben und Nadschaf zu verlassen. Andernfalls müßten sie mit ihrem Tod rechnen. Al Sadr rief seine Anhänger in einer Erklärung jedoch auf, ihren Widerstand selbst dann fortzusetzen, wenn er getötet oder gefangen genommen werden sollte.
Truppen, die in das weitläufige Gelände des Friedhofs am Imam-Ali-Schrein vorstießen, wurden am Mittwoch mit Granaten angegriffen. Über der Stadt flogen Kampfflugzeuge. Kampfhubschrauber feuerten Raketen auf ein mehrstöckiges Gebäude in der Nähe des Schreins ab, in dem sich Kämpfer der Mahdi-Miliz al Sadrs verschanzt hielten. Die amerikanischen Streitkräfte haben die Zahl der von Donnerstag bis Sonntagabend getöteten Aufständischen mit 360 angegeben. Dies wird von den Rebellen als überhöht bezeichnet.
Internes Pentagon-Papier
Das amerikanische Verteidigungsministerium geht laut einer internen Analyse davon aus, daß der Kampf gegen die Besatzungstruppen noch lange anhalten kann. Die irakischen Aufständischen könnten langfristig durchhalten, solange Geld und Nachschub in den Irak geschleust würden, heißt es in einem Papier aus dem Pentagon, das der Hamburger Wochenzeitung „Die ZEIT“ vorliegt.
Nach dieser Einschätzung attackieren im Wesentlichen vier größere Gruppen im Irak die Soldaten der internationalen Militärkoalition: ehemalige Mitglieder von Saddam Husseins Regime, sunnitische Araber und Nationalisten (die große Teile der ehemaligen irakischen Oberschicht ausmachten), strenggläubige Schiiten um den Geistlichen Muqtada al-Sadr (die so genannte Mahdi-Armee), und einheimische wie zugewanderte islamische Extremisten (Al-Qaida-Anhänger).
„Sie wollen die Koalition aus dem Land treiben. Unterschiede zwischen den Gruppen beginnen zu verschwimmen, da sich Allianzen je nach Zweck verschieben. Sogar Gruppen, die letztlich gegeneinander sind können mitunter Zweckbündnisse auf Zeit schließen“, heißt es in dem Pentagon-Papier"