17.08.2005 · Angela Merkels Wahlkampf-Team ist kein Schattenkabinett im eigentlichen Sinne, vielmehr sollen die wichtigen Themen ein Gesicht bekommen. Ein Kurzportrait der neun Persönlichkeiten, die in Merkels „Kompetenzteam“ sind.
Das Wahlkampf-Team, das Unionskanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch vorgestellt hat, ist kein Schattenkabinett im eigentlichen Sinne. Mit dem Team sollen vielmehr Schwerpunkte und Themen ein Gesicht bekommen.
Ein Kurzportrait der neun Persönlichkeiten, die in Merkels „Kompetenzteam“ sind:
Peter Müller
Dem saarländischen Ministerpräsidenten sind die Bereiche Wirtschaft und Arbeit zugeordnet, aber auch für Soziales und sogar Inneres wurde er bereits als ministrabel gehandelt. Der 49 Jahre alte Jurist aus dem saarländischen Eppelborn zählt zu den „Linken“ in der CDU, der er nach eigenem Bekunden seinerzeit vor allem wegen Heiner Geißler beigetreten war. Der katholische Vater dreier Kinder gilt als bodenständig, hat aber aus seinen bundespolitischen Ambitionen keinen Hehl gemacht und kandidiert auch für ein Bundestagsmandat.
Direkt nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident 1999 hatte er im Saarland trotz heftiger Kritik aus anderen Unionsländern die Kindergartengebühren für das letzte Jahr abgeschafft. Nach der Niederlage bei der vergangenen Bundestagswahl bezeichnete er Merkels Haltung zum Irak-Krieg als Fehler. Seine Popularität an der Saar ist allerdings zurückgegangen: 54 Prozent finden seine Arbeit in Ordnung, vor einem Jahr waren es noch fast drei Viertel. Der Jurist gilt als konfliktfreudiger „liberaler Konservativer“, der sich zur „christlichen Soziallehre“ bekennt.
Ursula von der Leyen
Die 46 Jahre alte niedersächsische Sozialministerin, Ärztin und Mutter von sieben Kindern betreut die Themen Soziales, Familie, Gesundheit, Pflege, Senioren und Rente. Die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht hat eine politische Blitzkarriere hingelegt. 2001 übernahm sie ein erstes kommunalpolitisches Mandat für die CDU. Vor zweieinhalb Jahren war sie noch Vorsitzende der CDU-Ratsfraktion in Sehnde, und jetzt hat sie, im Fall eines Wahlsiegs, beste Aussichten auf ein Ministeramt in einem Kabinett Merkel.
Ihren Weg zur Bundes-CDU ebnete sich von der Leyen, indem sie der Parteivorsitzenden im Streit mit dem CSU-Gesundheitsfachmann Horst Seehofer über die Kopfpauschale zur Seite stand. Beim unverhofften Aufstieg in das Parteipräsidium kam im vorigen Jahr noch Glück hinzu. Auf dem Düsseldorfer Parteitag fiel der damalige Vertreter des CDU-Arbeitnehmerflügels, Hermann-Josef Arentz, wegen seiner Nebeneinkünfte bei der Präsidiumswahl durch. Von der Leyen ergriff die Chance und wurde auf Anhieb mit einem Ergebnis von 94,1 Prozent in die Parteispitze gewählt.
Paul Kirchhof
Er sorgte für den Überraschungseffekt: Der 62 Jahre alte ehemalige Bundesverfassungsrichter, der zu den führenden Juristen und Finanzfachleuten Deutschlands gerechnet wird, ist für die Schlüsselbereiche Finanzen und Haushalt zuständig. Der parteilose Kirchhof ist Verfechter eines radikal vereinfachten Steuerkonzeptes - Seine Vorschläge sorgten für Furore: Alle Steuersubventionen sollen gestrichen, dafür der Steuersatz deutlich auf maximal 25 Prozent Spitzensteuersatz gesenkt werden.
Ein weiteres großes Anliegen sind ihm die Rechte von Familien mit Kindern: Das Karlsruher Urteil von 1999, das den Gesetzgeber zu einer steuerlichen Entlastung von Eltern aufforderte, trägt seine Handschrift. Kirchhof gehörte dem Verfassungsgericht auf Vorschlag der Union von 1987 bis 1999 an. Nach seinem Ausscheiden kehrte er an die Universität Heidelberg zurück. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Wolfgang Schäuble
Der CDU-Politiker ist der Experte für Außen- und Sicherheitspolitik. Der frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende, der am Wahltag 63 Jahre alt wird, reiste im Juli für Merkel in die USA. Dort traf er auch mit Präsident George W. Bush zu einem Gespräch zusammen. Spannungen zwischen ihm und Merkel gab es, als sie 2003 nicht ihn, sondern Horst Köhler für das Amt des Bundespräsidenten vorschlug. Später wies er ihr Angebot zurück, die Nachfolge des Finanzexperten Friedrich Merz zu übernehmen.
Der in Freiburg geborene Jurist war Kanzleramtschef von Helmut Kohl in den achtziger Jahren. Sein Meisterstück lieferte er als Bundesinnenminister mit dem deutsch-deutschen Einigungsvertrag 1990 ab. Kurz nach der Wiedervereinigung wurde er Opfer eines Attentats und sitzt seitdem im Rollstuhl. 1997 ersah ihn Kohl als Nachfolger aus. Nach dem Wahlfiasko 1998 übernahm er von Kohl den CDU-Vorsitz. 2000 mußte er wegen der CDU-Spendenaffäre seine Ämter als Fraktions- und Parteichef wieder abgeben.
Günther Beckstein
Schon 2002 war der CSU-Politiker ins „Kompetenzteam“ des damaligen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber berufen worden. Der Franke sorgt seit zwölf Jahren als Innenminister in Bayern für Recht und Ordnung. Er gilt als aussichtsreichster Anwärter des Postens auf Bundesebene. Beckstein, der 1943 in Hersbruck geboren wurde, gelang der Marsch durch die Polit-Bürokratie. Nach dem Jura-Studium und der Promotion arbeitete Beckstein als Rechtsanwalt.
Nachdem er 1974 in den Landtag gewählt wurde, ging die Karriere immer nur bergauf: Beckstein wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender, später Staatssekretär im Innenministerium und 1993 schließlich Innenminister des Freistaats. Seit 2001 ist er stellvertretender Ministerpräsident. Seine Rezepte gegen Gewalt und Kriminalität bringt er auf griffige Formeln: „Wehret den Anfängen“, „Deeskalation durch Stärke“, „Keine rechtsfreien Räume“. In seiner elfjährigen Amtszeit machte Beckstein vor allem durch seine kompromißlose Rhetorik gegenüber Ausländern von sich reden. Im privaten Kreis tritt der Vater von drei Kindern hingegen humorvoll, selbstkritisch und bodenständig auf.
Gerda Hasselfeldt
Die Bayerin soll die Ressorts Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz vertreten. In Sachen Regierung hat die gebürtige Straubingerin bereits Erfahrung: Bei Helmut Kohl war sie von 1989 bis 1991 Bauministerin, von 1991 bis 1992 Gesundheitsministerin. Nachdem sie von ihrem CSU-Kollegen Horst Seehofer abgelöst wurde, arbeitete Hasselfeldt als Bundestagsabgeordnete weiter.
Die 55 Jahre alte CSU-Frau studierte nach dem Abitur Volkswirtschaftslehre und arbeitete danach bei der Bundesanstalt für Arbeit. Seit 1969 ist die Mutter zweier Kinder in der CSU, bekleidete verschiedene Positionen in der Jungen Union und der Frauen-Union. Seit 1995 ist sie Kreisvorsitzende der CSU im Ortsverband Fürstenfeldbruck, seit 1996 auch noch Kreisrätin.
Annette Schavan
Baden-Württembergs Kultusministerin ist, wie schon im Wahlkampfteam von Edmund Stoiber, für Bildung und Wissenschaft zuständig. Die 50 Jahre alte stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende bewirbt sich auch um ein Bundestagsmandat. Eigentlich wollte sie wieder in den Stuttgarter Landtag, aber: „Ungewöhnliche Zeiten verlangen manchmal neue Entscheidungen“.
Die gebürtige Rheinländerin war 1995 als Seiteneinsteigerin in den Südwesten gekommen und erwarb sich den Ruf einer reformfreudigen Bildungspolitikerin mit festem christlichem Weltbild. Gerne wäre sie die erste Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg geworden. In der Konkurrenz um die Nachfolge von Erwin Teufel setzte sich jedoch ihr Widersacher Günther Oettinger klar durch. Schavan gilt als Vertraute der Kanzlerkandidatin. Die promovierte Theologin und Philosophin hielt Merkel stets den Rücken frei, auch wenn die CDU-Chefin stark unter Druck war.
Dieter Althaus
Der thüringische Ministerpräsident soll Ost-Kompetenz in Merkels Team einbringen, ohne daß damit ein späterer Ministerposten verbunden wäre. Den 47 Jahre alten CDU-Politiker zieht es nicht nach Berlin, weil er in Thüringen, wie er sagt, noch eine ganze Reihe von Problemen zu lösen habe. Vom „Kronprinz“ des langjährigen Regierungschefs Bernhard Vogel ist er zu einem der bekanntesten Ministerpräsidenten der östlichen Bundesländer geworden. Er mahnte Kompromisse mit Rot-Grün an und scherte auch beim Thema Arbeitsmarktpolitik und Ostförderung mit seiner Meinung aus - ohne allerdings die offene Konfrontation mit der Unionsführung zu suchen.
Die politische Wende hatte auch dem Lebensweg des Katholiken aus dem Eichsfeld eine neue Richtung gegeben. Der Kreisschulrat und einstige Lehrer für Mathematik und Physik trat der CDU-Blockpartei der DDR fünf Jahre vor der Wiedervereinigung bei. 1990 wurde Althaus in den Landtag gewählt. Schon zwei Jahre später erhielt der Vater zweier Töchter das Amt des Kultusministers. 1999 wurde er Fraktionsvorsitzender, von 1993 bis 2000 stellvertretender Vorsitzender der Landespartei. 2000 übernahm er den Parteivorsitz und 2003 das Ministerpräsidentenamt von Vogel.
Norbert Lammert
Der Vorsitzende der CDU-Landesgruppe Nordrhein-Westfalens im Bundestag gilt als einer der einflußreichsten Politiker in der Unionsfraktion. Im Kompetenzteam soll er für Kultur zuständig sein. Seit 1980 ist der aus Bochum stammende Lammert Mitglied des Bundestages. Er war bereits parlamentarischer Staatssekretär für Bildung, für Verkehr und für Wirtschaft. In der vergangenen Legislaturperiode leitete er als Bundestagsvizepräsident die Parlamentssitzungen, oft mit einer gehörigen Portion Humor.
Doch die Liebe des 56 Jahre alten CDU-Manns gehört der Kultur. Seine Kontakte zu Intellektuellen und Kulturschaffenden sind vielfältig. In zahlreichen Schriften setzte sich der promovierte Sozialwissenschaftler mit Fragen der Kulturpolitik auseinander. Auch das von Rot-Grün geschaffene Amt des Kulturstaatsministers verteidigte er gegen Kritik aus den eigenen Reihen.