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UN in Haiti Traumatische Erinnerungen an Bagdad

 ·  Schon jetzt haben viele wieder die Bilder des 19. August 2003 vor Augen, als 22 UN-Mitarbeiter bei einem Anschlag in Bagdad starben: Das Erdbeben von Port-au-Prince dürfte noch mehr UN-Angestellten das Leben gekostet haben.

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Für die Vereinten Nationen bedeutet jede Naturkatastrophe einen unwägbaren Großeinsatz. In diesem Fall zeichnet sich zusätzlich ab, dass das Beben von Port-au-Prince als die Katastrophe in die UN-Geschichte eingeht, bei der am meisten UN-Mitarbeiter ums Leben kamen. Ein markantes Gebäude der haitianischen Hauptstadt, das „Hotel Christopher“, hatte das Hauptquartier der UN-Stabilisierungsmission für Haiti (Minustah) beherbergt, bis es am Dienstagabend zur Hälfte kollabierte. Zwar wurde im New Yorker UN-Generalsekretariat zunächst nicht bestätigt, dass auch der tunesische Minustah-Leiter Hédi Annabi zu den Toten zählt - aber der haitianische Präsident René Préval sagte genau dies.

Etwa 150 ausländische und einheimische UN-Mitarbeiter gelten noch als vermisst. Das gilt auch für eine Delegation chinesischer Polizisten, die Annabi gerade empfing, als die Erde bebte. Auch vom stellvertretenden Minustah-Chef, dem Brasilianer Luiz Carlos da Costa, gab es am Donnerstag kein Lebenszeichen. Erschwerend kommt hinzu, dass auch das Hotel „Montana“ eingestürzt ist, in dem etliche Mitarbeiter des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) einquartiert waren. Generalsekretär Ban Ki-moon erzählte Reportern dafür von einem estnischen Wachmann der Minustah, der in der Nacht lebend geborgen werden konnte

Erinnerungen an Bagdad 2003

Darüber hinaus können die UN nur Trost suchen in dem Umstand, dass weder die Stützpunkte der etwa 7000 Blauhelmsoldaten im Land durch das Beben zerstört wurden noch der Logistik- und Polizei-Stützpunkt außerhalb des Stadtzentrums. Er fungiert nun als Hauptquartier der Helfer. Etwa 3000 der Blauhelmsoldaten sind im Großraum von Port-au-Prince stationiert. Bestätigt wurde zwar der Tod von 22 UN-Soldaten und -Polizisten; 18 Polizisten werden überdies noch vermisst. Doch konnten Pioniere der UN-Truppe offenbar schon Hauptstraßen räumen; außerdem hoffen die Verantwortlichen in New York, dass die Blauhelmsoldaten in der Lage sein werden, die Sicherheit zu gewährleisten. Daraus, dass die Kräfte als Bergungshelfer nicht ausgebildet sind und deshalb nur langsam vorankommen, wurde in New York kein Hehl gemacht. Unversehrt ist offenbar der brasilianische Kommandeur der UN-Truppe, General Floriano Peixoto Vieira Neto.

Noch am Mittwoch hat sich der stellvertretende Chef der Abteilung für „Peacekeeping“, der Guatemalteke Edmont Mulet, in Bans Auftrag nach Haiti aufgemacht, um die Koordinierung zu übernehmen. Mulet und der vermutlich umgekommene Annabi hatten vor gut zwei Jahren ihre Ämter getauscht: Der Tunesier, den Ban Ki-moons Vorgänger Kofi Annan am Donnerstag als seine „rechte Hand“ würdigte, verließ nach zehn Jahren als Beigeordneter Generalsekretär in der Abteilung für Friedenssicherung New York und löste Mulet in Port-au-Prince ab. Dorthin kehrte der Guatemalteke nun in höchster Not zurück, um die sogenannte integrierte Mission Minustah mit ihren vor dem Beben gut 7000 Soldaten, 2000 Polizisten und 1700 zivilen Mitarbeitern (von denen knapp 500 aus dem Ausland kommen) vorübergehend zu führen.

Zu befürchten ist, dass er bald nicht nur Erschreckendes über die Verwüstungen in der haitianischen Hauptstadt in die Zentrale meldet, sondern eben auch eine Hiobsbotschaft über das Minustah-Personal. Schon jetzt haben viele UN-Mitarbeiter wieder die Bilder des 19. August 2003 vor Augen. Damals war Bagdad der Schauplatz einer Tragödie: Ausgerechnet im Hauptquartier der Vereinten Nationen, die sich dem Einmarsch in den Irak so heftig widersetzt hatten, aber nun beim Wiederaufbau helfen wollten, tötete ein Selbstmordattentäter 22 Mitarbeiter. Unter ihnen war - wie es vergleichbar auch in Haiti zu befürchten ist - der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs, Sergio Vieira de Mello. Das hatte damals spürbare Folgen auch für UN-Mitarbeiter an anderen Orten der Welt: Überall wurden die Sicherheitsmaßnahmen erheblich verschärft. Viele UN-Mitarbeiter beklagen dies als Abschottung. Doch bewiesen islamistische Terroristen den Sicherheitschefs seither immer wieder die Notwendigkeit. So kamen im Dezember 2007 in Algier 18 UN-Leute durch Bomben ums Leben und im vorigen Oktober insgesamt elf in Afghanistan und Pakistan.

Sorgen über Sicherheit von UN-Hotel

Die im Rückblick allzu laxen Sicherheitsvorkehrungen in Bagdad hatten sich als zusätzlicher Schatten über die letzten Amtsjahre Kofi Annans gelegt, der seit dem Irak-Krieg ohnehin angeschlagen war. So konnte Ban Ki-moon am Mittwochnachmittag in New York eigentlich nicht über den Reporter-Reflex überrascht sein, Fragen zur Erdbebensicherheit des „Hotel Christopher“ zu stellen. Die Antwort blieb Mulet überlassen, der als vorletzter Hausherr von einem „sehr soliden Betongebäude“ sprach.

Von Port-au-Prince aus wird Mulet nun nicht nur zu Generalsekretär Ban, sondern auch zu dem Briten John Holmes, dem UN-Nothilfekoordinator. Holmes kommt zupass, dass es seit vorigem Jahr auch noch einen „Sondergesandten des Generalsekretärs für Haiti“ - nämlich Bill Clinton - gibt. Der hatte seine Fähigkeit, Geld und Sympathien zu sammeln, eigentlich dem Wiederaufbau und der Wirtschaftsförderung widmen sollen - also jenen Zutaten für eine Zukunftsfähigkeit des armen Staates, die nicht Gegenstand des UN-Mandats für die Minustah sind.

Diese seit 2004 bestehende Mission - sie ist nur die jüngste in einer langen Reihe von Haiti-Missionen seit 1993 - hat vom Sicherheitsrat den Auftrag, sich um die Sicherheit zu kümmern sowie den „politischen Prozess“ und die Einhaltung der Menschenrechte zu fördern. Es wird noch lange dauern, bis klar ist, wie viele der dazu angestoßenen Projekte das Beben überstehen.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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