08.07.2003 · Wie kann Deutschland bei der Lebensqualität so viel schlechter abschneiden als andere OECD-Länder? Tröstlich nur, daß wenigstens Italien noch schlechter abschneidet.
Deutschland ist im Vergleich zu anderen Industrienationen gerade mal Durchschnitt. Dieser Befund des UN-Entwicklungsprogramms deckt sich inzwischen mit der Befindlichkeit im Land. In früheren Jahren hatte das mäßige Abschneiden der Bundesrepublik beim „Human Development Index“ (HDI) regelmäßig für Unverständnis und Ungläubigkeit gesorgt.
Wie kann einer der reichsten Staaten der Welt bei der Lebensqualität so viel schlechter abschneiden als andere OECD-Länder? Dieses Mal aber mag der 18. Platz - noch ein Rang schlechter als vor 12 Monaten - dem subjektiven Empfinden vieler Deutscher tatsächlich entsprechen. Tröstlich nur, daß wenigstens Italien mit Platz 21 noch schlechter abschneidet.
Norwegen, Island ... Niger, Sierra Leone
Am besten lebt es sich demnach in Norwegen, gefolgt von Island und Schweden. Die Skandinavier führen den Index schon seit einigen Jahren an; sie haben den früheren Spitzenreiter Kanada langsam abgedrängt. Der nördliche Nachbar der Vereinigten Staaten muß sich inzwischen mit Rang 8 zufrieden geben. Am wenigsten Lebensqualität genießen die afrikanischen Länder Sierra Leone, Niger, Burkina Faso, Mali und Burundi - am unteren Ende der Skala bewegt sich wenig.
Der Index mißt absichtlich nicht nur die Wirtschaftsleistung eines Landes, sondern er berücksichtigt auch andere Faktoren, die das Lebensgefühl fördern oder negativ beeinträchtigen können. Die Erhebung, die wegen ihrer Datenerfassung immer wieder Anlaß zur Kritik gibt, hat sich nichtsdestotrotz als fester Bewertungsschlüssel im UN-System etabliert. Und die Mitgliedstaaten sind trotz gelegentlicher Kritik immer wieder erpicht darauf, ihren Rang zu erfahren, ihn mit Nachbarn und Konkurrenten zu vergleichen.
Lebenserwartung, Bildung, Einkommen
Der Index besteht aus drei Komponenten: Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt, Ausbildungsniveau (Einschulungs- und Alphabetisierungsgrat) und Pro-Kopf-Einkommen. Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahr noch einmal abgerutscht, weil sich Irland durch seine gestiegene Wirtschaftskraft auf Platz 12 vorgeschoben hat. Dagegen liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland mit 23.350 Dollar unter dem Schnitt der OECD-Staaten.
Deutlich größere Fortschritte hat die Bundesrepublik dagegen in der Frauenförderung gemacht: Beim „Gender Empowerment Measure“, den das UNDP seit kurzem ebenfalls berechnet, belegt die Bundesrepublik Platz 8, unter anderem, weil es mit mehr als 30 Prozent Frauenanteil in seinen Parlamenten den Europäischen Schnitt um fast das Doppelte übersteigt. In dieser Kategorie schlägt Deutschland sogar die beim HDI besser plazierten Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Irland. Die Skandinavier schneiden aber auch hier - wie gewohnt - allesamt besser ab.