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Umstrittenes Israel-Gedicht Grass: Ich werde an den Pranger gestellt

Der Schriftsteller Günter Grass fühlt sich nach der heftigen Kritik an seinem Israel-Gedicht missverstanden und unterstellt seinen Gegnern Methoden, die von den Nazis verwendet wurden. Zugleich bekräftigt er in Fernsehinterviews seine Israel-Kritik: „Widerrufen werde ich auf keinen Fall.“

© dpa Vergrößern Will nichts zurücknehmen: Literaturnobelpreisträger Günter Grass

Der Schriftsteller Günter Grass hat sich in Fernsehinterviews über die Kritik an seinem israelkritischen Text beklagt. Im ARD-Fernsehen sprach er von einer Kampagne einer „fast wie gleichgeschalteten Presse“, im Zweiten Deutschen Fernsehen sagte er, er werde „an den Pranger“ gestellt. Er versicherte, er handele aus Freundschaft mit Israel. Grass hatte in dem in Gedichtform publizierten Text Israel den Vorwurf gemacht, es gefährde mit seiner Atommacht den Weltfrieden. Er bezog sich damit auf Spekulationen und Drohungen, Israel könnte iranische Atomanlagen angreifen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, schrieb auf „Handelsblatt Online“, Grass’ Gedicht sei ein Pamphlet von Hass und Hetze. „Wer antisemitisch agitiert, wer judenfeindlich argumentiert, wer antisemitische Klischees zuhauf verwendet – was wäre der denn anderes als ein Antisemit?“ Auch der israelische Ministerpräsident Netanjahu kritisierte Grass. „Anständige Leute auf der ganzen Welt sollten diese ignoranten und verwerflichen Aussagen verurteilen“, sagte er laut einer Erklärung, die sein Büro am Donnerstag veröffentlichte.

Ihn überrasche nicht, dass ein Schriftsteller, der sechzig Jahre lang seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS verschwiegen habe, den einzigen jüdischen Staat für die größte Bedrohung des Weltfriedens halte und ihm das Recht abspreche, sich selbst zu verteidigen. Der „peinliche“ Vergleich, den Grass zwischen Israel und Iran gezogen habe, sage viel über den Autor und wenig über Israel aus.

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, nahm Grass im „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor dem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz, warf ihm aber Einseitigkeit vor. „In dem Text geht die Gefahr ausschließlich von der Atommacht Israel aus.“ Die Grünen-Außenpolitikerin Kerstin Müller sagte, dass Grass den iranischen Präsidenten Ahmadineschad für seine für Israel bedrohlichen Äußerungen als „Maulhelden“ abtue und gleichzeitig Israel vorwerfe, es – und nicht Iran – gefährde den Weltfrieden, „verkennt auf dramatische Weise die Bedrohungslage im Nahen Osten“. Die Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck (Grüne), Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sagte: „Dieser Text offenbart die ganze Wahrheit des Satzes ,Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.‘“

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe (SPD), forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, Position in der Debatte zu beziehen. Regierungssprecher Seibert hatte eine Bewertung der Regierung mit Verweis auf die Freiheit der Kunst abgelehnt. Für die CDU hatte sich Generalsekretär Gröhe über den Grass-Text „entsetzt“ geäußert. Verständnis für Grass zeigte der Linkspartei-Abgeordnete Gehrcke.

„Widerrufen werde ich auf keinen Fall“

„Widerrufen werde ich auf keinen Fall“, sagte Grass dem Sender 3sat. Er habe mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen sollten, sagte Grass der Nachrichtenagtenur dpa. Sollte Israel - vermutlich mit konventionellen Bomben und Sprengköpfen - Irans Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen, warnte Grass.

Der Schriftsteller verwies auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Allerdings bezeichnete Grass es als Fehler, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe. „Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht“, betonte Grass zugleich. „Das ist Nibelungentreue, und wir wissen, wohin das führt“.

„Gehässigkeit ohnegleichen“

„In einer der Springer-Zeitungen stand, der ewige Antisemit, das ist eine Umkehrung des ’ewigen Juden’“, sagte Grass. „Das ist schon verletzend und einer demokratischen Presse nicht würdig.“ Im ZDF beklagte Grass eine „Gehässigkeit ohnegleichen“. „Ich werde hier an den Pranger gestellt“, sagte er.

Den Vorwurf des Antisemitismus wies er zurück. Angst vor Beifall von der falschen Seite, etwa von der rechtsextremen NPD, habe er nicht. „Dann wäre einem ja gleich das Maul versperrt, daran habe ich mich nie gehalten.“

Grass hatte am Mittwoch den Text „Was gesagt sein muss“ als Gedicht veröffentlicht. Darin heißt es: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dies hatte eine Welle der Empörung ausgelöst.

Klarsfeld verweist auf Hitler-Rede

Die ehemalige Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Beate Klarsfeld attackierte Grass unterdessen mit einem Verweis auf Adolf Hitler. In einer Mitteilung am Freitag zitierte Klarsfeld aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ gehalten habe. Sie fuhr fort, wenn man den Ausdruck „das internationale Finanzjudentum“ durch „Israel“ ersetze, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“. 

„Wenn Grass sich mit seiner magischen Brille im Spiegel anblickt, sieht er heute den Literaturnobelpreisträger oder einen alten Waffen-SS?“, schrieb Klarsfeld. Klarsfeld sagte, Iran drohe ständig damit, den Staat Israel auslöschen zu wollen, und arbeite an der Entwicklung einer Atombombe. „Der jüdische Staat ist verpflichtet, diese Drohungen Ernst zu nehmen. Nachdem gleiche Drohungen gegen neun Millionen europäische Juden ausgesprochen wurden, hat Nazi-Deutschland es nicht geschafft, Zweidrittel von ihnen zu vernichten?“

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Quelle: F.A.Z./löw./hcr./dpa/Reuters

 
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Veröffentlicht: 05.04.2012, 15:06 Uhr

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