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Ulrich Walker : Freundlicher Aufräumer

  • -Aktualisiert am

Ulrich Walker wirkt nicht wie ein Kostenkiller, nicht wie einer, der über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen. Sympathisch, umgänglich, locker sind die Attribute, die seinen Wegbegleitern einfallen.

          Ulrich Walker wirkt nicht wie ein Kostenkiller, nicht wie einer, der über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen. Sympathisch, umgänglich, locker sind die Attribute, die seinen Wegbegleitern einfallen. Das ist um so bemerkenswerter, als Walker in den vergangenen Jahren nie die schönen Jobs hatte, bei denen man sich im Glanz einer erfolgreichen Marke sonnen konnte. Bei Mitsubishi Motors habe er gute Arbeit in Sachen Marketing, Markenführung und Kundendienst geleistet, bescheinigt man ihm - doch bekanntermaßen reichte das nicht aus. Jetzt muß Walker den Sanierer von Smart spielen, und schon bevor er seine Arbeit antrat, war klar, daß diese Aufgabe von der ganz besonders unangenehmen Sorte sein würde. Manfred Gentz, der frühere Finanzvorstand von Daimler-Chrysler, hatte im vergangenen Herbst die Zukunftsfähigkeit von Smart in Frage gestellt, indem er sagte, man müsse für diese Marke alle Optionen prüfen. Seither war klar, daß harte Schnitte notwendig sein würden. Nun hat der sympathische, umgängliche, lockere Walker einen Plan aufgestellt, der den Konzern 1,2 Milliarden Euro kosten wird. Das wäre ein dicker Batzen für große Sparten wie Mercedes-Benz oder Chrysler, für Smart ist es eine unvorstellbare Menge Geld, wenn man sich die Relationen betrachtet: Nur mit Mühe sind im vergangenen Jahr überhaupt 140000 von diesen Klein- und Kleinstwagen verkauft worden. Allerdings dürfte Walker, so freundlich sein Wesen auch ist, klargemacht haben, daß es um die letzte Chance für Smart geht und er halbe Sachen nicht akzeptiert. Bei Mitsubishi hat Walker gelernt, daß es fatal ist, sich durchzuwursteln, selbst wenn es eine Zeitlang gutgeht.

          Auffälligster Wesenszug des Smart-Chefs ist seine Fähigkeit, sich in jeder Umgebung zurechtzufinden und Kontakte zu knüpfen. Obwohl er vom Typ her eher locker ist und gern auch ohne Krawatte im Büro sitzt, kam er auch in der streng formalisierten japanischen Welt zurecht, und zwar bei den Hierarchen ebenso wie bei den Arbeitnehmern, zu denen er sich ans Fließband begeben hat, um genau zuzuschauen und zuzuhören. Er bildet sich erst seine Meinung, wenn er die Fakten kennt, was seinen Gesprächspartnern das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden. Das dürfte ein Grund dafür sein, daß Ulrich Walker immer wieder auch als einer der Kandidaten für den Posten des Mercedes-Chefs genannt wurde, geschätzt vom früheren Mercedes-Chef Hubbert ebenso wie von den Arbeitnehmervertretern.

          Auch in der Smart-Belegschaft hat sich Walker schnell Anerkennung verschafft. Er zeigt Präsenz, er speist in der Kantine, er geht die Treppen zu Fuß, er fährt einen silberfarbenen Smart Forfour Brabus. Als Ulrich Walker merkte, daß ihn der tägliche Weg aus seiner Geburtsstadt Tübingen in die Smart-Zentrale in Böblingen zuviel Zeit kostete, bezog er in der Nähe Quartier. Lieber nutzt er die gewonnene Zeit zum Joggen. So wird der 53 Jahre alte Vater zweier Kinder dem Bild vom schwäbischen Schaffer gerecht, der bei Mitsubishi morgens sogar vor den fleißigen Japanern im Büro war. Jetzt steht er vor der wohl unangenehmsten Phase seines Auftrags bei Smart: den Sanierungsplan umzusetzen. "Ich gebe Ihnen mein Wort: Ich werde jeden einzelnen Fall genau anschauen", verkündete Walker gestern in der Betriebsversammlung bei Smart - und er wirkte glaubhaft dabei, auch wenn das für die Beschäftigten nur ein schwacher Trost ist: Letztlich müssen doch 700 von ihnen gehen, jeder dritte verliert seine Arbeit.

          Quelle: F.A.Z., 02.04.2005, Nr. 76 / Seite 18

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