26.06.2006 · Der WM-Gastgeber wird in Kiew vor allem daran gemessen, was er auf dem Laufsteg der Selbstinszenierung so an Zeichen von nationaler Potenz und Leistungskraft präsentieren kann. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten schneidet Deutschland nicht schlecht ab.
Von Konrad SchullerDie Ukraine vergöttert Statussymbole. Gerade weil die meisten in diesem Land, das gerade erst Gehversuche in Demokratie macht, bitter arm sind, verkörpern die kostspieligen Geländewagen, die Golduhren und kostbar ausgestatteten Frauen der Superreichen im kollektiven Bewußtsein den Traum vom Erfolg. Der Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft wird in Kiew deshalb vor allem daran gemessen, was er auf dem Laufsteg der Selbstinszenierung so an Zeichen von nationaler Potenz und Leistungskraft präsentieren kann. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten schneidet Deutschland nicht schlecht ab.
Zwar gibt es in der ukrainischen Presse durchaus Einwände gegen die Art, wie die Deutschen Feste feiern. Anders als in der Ukraine, wo sich an schönen Sommerabenden öffentliche Plätze und Parks sehr schnell in bierflaschenübersäte Schlachtfelder der alkoholischen Geselligkeit verwandeln, ist nämlich nach der Beobachtung der Zeitung „Ukraina Moloda“ die deutsche Polizei ganz unverständlich humorlos, wenn es endlich zur Sache geht. „Nicht einmal Plastikflaschen“ erlaube sie an den Fan-Treffpunkten, und überall würden „die Taschen betastet“.
Üppigkeit überzeugt
Auch die Meldung des ukrainischen Dienstes der Deutschen Welle, daß eigens für die Weltmeisterschaft „40.000 Prostituierte“ aus Osteuropa nach Deutschland gekommen seien, wird nicht als rundweg erfreulich betrachtet, weil der Sender vermutet, viele dieser Frauen seien „nicht freiwillig“ angereist, sondern „unter dem Druck von Kriminellen“.
Für all diese Bedenklichkeiten entschädigt allerdings die Üppigkeit der sportlichen Großbauten, mit denen sich Deutschland der Welt präsentiert. Das neue Stadion im Münchener Norden etwa beschreibt der Reporter der Lemberger Zeitung „Postup“ (Fortschritt) als veritable „Perle“, als unübertroffenes „Wunder der Architektur“. Zwar besäßen auch andere Stadien in Deutschland die Gabe, das „Fluidum der Freude“ zu generieren, doch die Allianz-Arena stelle alles andere in den Schatten. Wie ein strahlendes „Ufo, das seine Farbe wechseln kann“, mache sie die Nacht zum Tage, und in ihrem Inneren bringe sie „Emotionen der Begeisterung“ von solcher Intensität hervor, daß am Ende eine veritable „Glückswolke“ die Tribünen fülle.
Ein revolutionäres „neues Verfahren der Graszüchtung“ halte überdies die Spielfläche „immer trocken und weich“. Deutschland kann also mithalten, auch in ukrainischen Augen.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
Jüngste Beiträge