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Gefechte : Von Tschetschenen und anderen Reisenden

Ihre Herkunft ist nicht bekannt: Bewaffnete ohne Abzeichen sichern ein von Separatisten eingenommenes Gebäude in Slawjansk Bild: AFP

Die ukrainische Regierung beschuldigt Moskau, Kämpfer in die Krisengebiete zu entsenden, um die Lage dort weiter zu destabilisieren. Russland wehrt sich mit anderen Vorwürfen.

          In Berlin sprach der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk am Mittwochabend vor eindrucksvollen Überbleibseln aus sowjetischen Zeiten: In den holzvertäfelten Räumen des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes, dort, wo heute Managementkurse gegeben werden, hängen an den Wänden noch die Kacheln mit den sowjetischen Helden der Arbeit. Jazenjuk sieht nicht aus wie ein Held: ein schmaler Mann mit großer Brille und schütterem Haar. Doch in Berlin schleuderte er kämpferische Worte in Richtung Moskau, das „Lastwagen voller Guerrillakämpfer und von Russland trainierter Verbrecher“ über die Grenze in die Ostukraine bringe, um die Situation dort weiter zu destabilisieren. Russland habe internationales Recht gebrochen und einen Teil eines unabhängigen Landes besetzt. Kiew habe wie jeder Staat die Verantwortung, seine Bürger zu schützen und „Terroristen“ zu bekämpfen, sagte Jazenjuk.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Unter den Zuhörern auf der Konferenz in Berlin, bei der es eigentlich um Energiesicherheit ging, war auch Serhij Taruta. Der Unternehmer und Multimillionär ist seit März Gouverneur des Gebiets Donezk, wo mittlerweile der selbsternannte „Volksgouverneur“ Pawel Gubarew herrscht. Unter den Separatisten seien Kämpfer aus Ossetien und aus Berg Karabach, sagte Taruta der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – Söldner, die für Geld kämpften. Es sei sinnlos, mit ihnen einen Dialog zu suchen, man müsse sie „ausschalten“.

          „Im Krieg ist kein Platz für Sentimentalitäten“

          Jazenjuk sagte: „Wenn Russland nicht Teil des Problems wäre, könnten wir es in einer oder zwei Wochen lösen.“ Der Schlüssel für eine Lösung seien „Friedensgespräche“. Diese werde Kiew „mit jedem, der Frieden will und das Land vereint sehen will“ suchen. Doch Russland gehört aus Sicht Jazenjuks offensichtlich nicht dazu. Der Ministerpräsident sagte, auch die ukrainische Führung habe Fehler gemacht; dazu gehöre die – freilich alsbald gestoppte – Initiative, das Sprachgesetz aufzuheben, das Minderheitensprachen, etwa das Russische, begünstigt. „Aber Fehler sind keine Verbrechen.“ Verbrecherisch gehe allein Moskau vor, dessen Ziel es sei, den ukrainischen Staat zu „eliminieren“. Dazu diene dem Kreml nicht nur die Drohung, die Gaslieferung zu stoppen – das Gas sei für Russland eine „politische Waffe“, sagte Jazenjuk –, sondern auch die Unterstützung der Separatisten.

          Immer wieder wird über Russen berichtet, die in der Ukraine auf Seiten der Separatisten kämpfen. Auch in Russland und nicht nur in sozialen Netzwerken. Über den „Kommandierenden der Selbstverteidigungskräfte“ der von Separatisten kontrollierten Stadt Slawjansk, Igor Strelkow – eigentlich heißt er Girkin und soll dem russischen Militärgeheimdienst GRU angehören –, erschien am Donnerstag ein ausführliches Porträt in der Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomoljez“, das den Moskauer als „Helden“ darstellt: Er trinke nicht, rauche nicht, lebe fern seiner Moskauer Familie ganz für die Sache, denn im Krieg sei kein Platz für „Sentimentalitäten und stille häusliche Freude“. Strelkows Lebensgeschichte habe „vom Bücherwurm zum Feldherrn“ geführt, der nun dem „einfachen Volk“ beibringe, sich zu „schützen“.

          Doch offiziell reagiert Moskau auf die ukrainischen Vorwürfe, ganze Trupps bewaffneter Männer in die Südostukraine zu schicken, nicht, sondern erhebt seinerseits Vorwürfe gegen die ukrainische Seite. So konterten die Streitkräfte am Donnerstag mit dem Vorwurf, „ungefähr 300 ukrainische Söldner“, die in Syrien gegen das Assad-Regime gekämpft hätten, nähmen nun an der „Strafoperation“ (so nennt die russische Regierung das militärische Vorgehen Kiews gegen Separatisten) in der Südostukraine teil.

          Tschetschenische Kämpfer gelten als besonders brutal

          Anfang der Woche zeigte der amerikanische Sender CNN eine Gruppe gut bewaffneter Männer auf einem Truppentransportlastwagen in Donezk. Zwei von ihnen erklärten, sie kämen aus Russland und seien „Kadyrowzi“, Gefolgsleute des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow. Sie seien als „Freiwillige“ in die Ukraine gekommen, um russische „Interessen zu schützen“. Kadyrow teilte daraufhin mit, wenn „jemand im Konfliktgebiet einen Tschetschenen gesehen hat“, sei das „seine private Angelegenheit“. Es gebe drei Millionen Tschetschenen. „Wir können und wir dürfen nicht wissen, wer von ihnen wohin fährt.“

          Dazu schrieb der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow, in Tschetschenien fliege nicht einmal eine Mücke ohne die Erlaubnis Kadyrows, es sei also schlicht undenkbar, dass eine Abteilung von „Mördern“ ohne dessen Kenntnis in die Ukraine geschickt werde. Auch hätten die russischen Grenzschützer die „bis an die Zähne bewaffneten Leute“ offenbar nicht gestoppt, sondern schlicht passieren lassen. Nemzow schrieb weiter, auch Putin „log, dass auf der Krim keine russischen Soldaten sind“. Der Grund für diese Lügen sei, dass die „offene Beteiligung“ von Soldaten am „Krieg in Donezk“ unvermeidlich zu neuen Sanktionen führe.

          Tschetschenische Kämpfer stehen im Ruf, besonders rücksichtslos und brutal zu sein. Doch fassten die prorussischen Separatisten ihre Präsenz auch als Signal auf, dass Russland die ukrainischen Sicherheitskräfte aktiv bekämpfe, sagte Alexej Makarkin vom Moskauer Zentrum für Politische Technologien der Zeitung „Moscow Times“. Schließlich sei Kadyrow eng mit Präsident Wladimir Putin verbunden.

          Unterdessen rief der amerikanische Außenminister John Kerry Moskau auf, auf den neu gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zuzugehen. Dies habe Kerry in einem Telefonat mit seinem russischen KollegenLawrow gefordert, teilte das Außenamt in Washington mit. Kerry habe sich in dem Gespräch zugleich besorgt darüber geäußert, das tschetschenische Kämpfer,  über Russland in die Ukraine kommen.

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