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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Ukraine Düsterer Trotz im Reich des Gubernators

02.12.2004 ·  Während in Kiew die Revolution als „Volksfest“ gefeiert wird, herrscht in der östlichen Malochermetropole Donezk eine gewisse Starrköpfigkeit: „Westlich“ gesinnte Propheten wie Juschtschenko sind verpönt.

Von Konrad Schuller, Donezk
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Anatoli Michailowitsch Blisnjuk tritt auf wie ein altrussischer Bojar. Herrisch, geröteten Hauptes, das Doppelkinn in Falten gelegt, hat der „Gubernator“ von Donezk zur Audienz geladen. Zwölf Zugstunden weiter westlich, in der Hauptstadt Kiew, ist Revolution.

Die Macht ist in Gefahr, und so hat Donezk zusammen mit Charkiw, Lugansk und einem Dutzend weiterer „Oblaste“ im Osten der Ukraine eine „Interregionale Union“ regierungstreuer Gebiete beschlossen. Ministerpräsident Janukowitsch, ein Kind der Region, dem die Opposition aus dem fernen Westen Wahlfälschung vorwirft, muß verteidigt werden. Für den Notfall behält man sich vor, mit „schärfsten Maßnahmen“ die Interessen des Ostens zu verteidigen.

Rußlands helfende Hand

Rußland hat in Gestalt des Moskauer Oberbürgermeisters Luschkow und des Kiewer Gesandten Korsun eine helfende Hand im Spiel, und Gouverneur Blisnjuk soll das künftige „Exekutivkomitee“ der neuen Union führen. Die Opposition unter ihrem Führer Juschtschenko hält das für kriminellen Separatismus und ruft nach dem Staatsanwalt.

Michailowitsch gehört zu jener Gattung Mensch, die nicht reden kann, ohne bald zu brüllen. Wo er eigentlich nur zart mit der Fingerspitze auf die Tischplatte tippen wollte, wird binnen kurzem seine Faust herabsausen, daß die Gläser klirren. „Habe ich je gelogen?“ schleudert er dann hervor oder: „Ich will, daß Sie das schreiben! Genau das!“

Kein Verrat, sondern Rettung der Heimat

„Das“ nun ist folgendes: Er, der Gouverneur von Donezk, reiche allen Ukrainern, selbst den Unruhestiftern aus Kiew, „die Hand“. Schiere Verleumdung sei der Vorwurf, die frischgeschaffene Union der Ostregionen sei ein Versuch, das Land zu spalten. Nicht Verrat an der Heimat habe er im Sinn, sondern ihre Rettung, nicht Abspaltung, sondern „Föderalisierung“.

Weil der Westen vom Osten des Landes, Kiew von Donezk, in „Ideologie und Glauben“ so verschieden sei wie Feuer und Wasser, weil man sich nur vertragen könne, wenn jeder nach seiner Fasson sich selbst regiere, müsse die Ukraine zum Bundesstaat werden, nach dem Muster so blühender Gemeinwesen wie der Schweiz oder der Vereinigten Staaten. Am 9. Januar werde in seinem Oblast Volksabstimmung gehalten.

Kohlenmetropole des Donbass

Vor den Panoramafenstern im elften Stock seines spätsowjetischen Gouverneurspalastes liegt Donezk im Schnee, die Kohlenmetropole des Donbass. Ein Raster von Magistralen senkt sich zum Fluß, Fördertürme säumen den Horizont. Ein neues Florida? Ein zweites Tessin? In dieser Stadt tragen Taxifahrer beulige Trainingshosen und unter der Achsel Revolver im Schulterhalfter. An leeren Geldautomaten gestikulieren gereizte Menschenpfropfen im Schneematsch. Mitten am Tag haben die Banken die Gitter vorgezogen, weil die Menschen ihre Konten plündern.

In jährlichen Statistiken werden hier die verbrannten, erstickten oder zerquetschten Bergleute der heillos veralteten Minen mit den geförderten Tonnenmillionen verrechnet, und wenn ein Arbeiter einmal Besuch aus dem Ausland hat, faßt ihn bei Nacht die Angst vor den Blicken der Nachbarn. Dann führt er die Gäste fort, nicht durch den Haupteingang, sondern durch glitschige Hinterhöfe im Schutz der Dunkelheit.

Janukowitsch ist mächtiger Freund der Hauptstadt

Die Fernsehsender der Kiewer Opposition sind abgeschaltet. Lokalpotentaten wie der Kohlemogul Rinat Achmetow empfangen im „Donbass Palace“, dem wohl glanzvollsten Hotel östlich des Dnjepr, zwischen weißen Lilien, Wasserspielen und Säulenrotunden, und Männer in schwarzen Lederjacken treiben an wilden Kohleminen Schutzgelder ein, um für ihre Herren die Miliz zu besolden. Mächtige Freunde in der Hauptstadt wie Ministerpräsident Janukowitsch sorgen dafür, daß die Region im Haushalt 2004 nur 14,7 Millionen Griwna an das Staatsbudget abführt, dafür aber 946,3 Millionen an Kohlesubventionen aus Kiew erhält.

Blau und Weiß, die Farben Janukowitschs, herrschen unumschränkt auf den Straßen. Auf dem Leninplatz ist täglich Kundgebung für die Regierung - nicht den ganzen Tag über wie im feindlichen Kiew, denn die Minen dürfen nicht stillstehen, aber immerhin von fünf Uhr an. Dann würden die Arbeiter direkt ab Werk herangebracht, berichten die wenigen Oppositionellen, die hier noch ausharren.

Am Leninplatz gebe es dann Bier für alle und Hiebe für jeden, der aussieht, als gehöre er nicht dazu. Erst am Dienstag hat die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) berichtet, in Donezk seien mehrere Reporter beim Filmen einer politischen Versammlung überfallen worden, unter ihnen ein Team der ARD.

Revolution als permanentes Happening

Donezk ist anders als Kiew, in der Ideologie wie im Glauben, da hat er nicht unrecht, der Gouverneur. Während die Hauptstadt ihre Revolution als permanentes Happening feiert, weitgehend friedlich und trotz allem immer noch euphorisch, herrscht in der Malochermetropole des Ostens düsterer Trotz.

Dabei ist unbestritten, daß die Menschen hier ebenso überzeugt an ihrem Kandidaten hängen wie die Hauptstädter. Selbst Vertreter der „orangefarbenen“ Opposition wie Olexander Demtschenko von der Jugendorganisation Pora bestreiten nicht, daß „die Macht“ selbst in ungefälschten Wahlen hier wohl 80 bis 85 Prozent bekäme.

„Westlich“ gesinnte Propheten sind Feinde

Die Gegend ist hart, und sie denkt hart. Alle leiden zwar unter der Korruption und der Macht der Mogule, aber jeder weiß auch: Ohne die Achmetows und Janukowitschs, ohne die erschlichenen Subventionen, ohne die Ströme von Schwarzgeld, neben denen alle sichtbaren Finanzströme hier wie Rinnsale wirken, ohne die ständige Plünderung des Staatshaushalts müßten die Minen schließen, und die Bakschischtüten blieben leer. „Westlich“ gesinnte Propheten von Markt und Rechtsstaat gelten deshalb als Feinde, sei es nun der Oppositionsführe Juschtschenko, oder seien es Besucher aus Westeuropa.

Angst vor dem Westen und aggressives „Slawentum“ sind hier deshalb Massensyndrome. Beliebige Passanten schildern mit freundlichem Lächeln die Machenschaften von „Djeduschka Sam“, der Tag und Nacht nichts anderes plane, als unter dem Deckmantel der Wirtschaftsreform Donezk in den Ruin zu treiben.

Junge Männer am Straßenrand erzählen von Verschwörungen mit dem Ziel, die slawischen Völker zu knechten, und in Janukowitschs Stabsetage empfängt den Besucher eine drei Quadratmeter große Fotografie des Ministerpräsidenten beim Händedruck mit dem russischen Präsidenten Putin. Aus den Megaphonen der Versammlungsplätze tönt eine Frauenstimme, die dem Volk eröffnet, die Filzstiefel, mit welchen die Kiewer Opposition der Kälte trotze, entstammten amerikanischer Fertigung.

„Ziel ist die Rückkehr zu Rußland“

Das Lager Juschtschenkos deutet die Zeichen auf seine Weise. „Das Ziel ist die Rückkehr zu Rußland“, sagt der Donezker Pora-Aktivist Demtschenko. Allzu deutlich seien die Zeichen: Putins Wahlkampfinterventionen zugunsten der Macht ebenso wie die Anwesenheit russischer Emissäre beim Gründungskongreß der „Interregionalen Union“ am Sonntag. Nur „zwei Tage“ nach einer sogenannten Föderalisierung der Ukraine werde man den Anschlußvertrag mit Moskau unterzeichnen.

Doch es gibt noch ein zweites Modell. Wo Rußland in den vergangenen Jahren alte Sowjetrepubliken unter Kontrolle zu bekommen suchte, hat es nicht den offenen Gebietsgewinn angestrebt, sondern die Destabilisierung der Nachbarn durch russisch beeinflußte Territorrialherrschaften halbmafiosen Charakters im Inneren seiner Nachbarn. Abchasien in Georgien oder Transnistrien in der Moldau liefern dafür die Modelle.

Reservat der Oligarchen

Dieses Muster hat Vorteile. Es ist weniger auffällig als ein offener Anschluß, und es entspricht auch besser den Interessen der lokalen Potentaten. Männer wie der Kohlebaron Achmatow, einer Donezker Legende nach ein früherer Hütchenspieler, oder sein Schützling Janukowitsch, ein vorbestrafter Mann, in dessen Brust ein Hang zur Weichheit ebenso wohnt wie eine Neigung zu körperlicher Gewalt, haben kein Interesse, sich unter die harte Hand Präsident Putins zu begeben. Ein Reservat der Oligarchen, nah genug an der Ukraine, um das Staatsbudget weiter zu plündern, aber weit genug, um weiter zwischen Lilien zu residieren, wäre mehr nach ihrem Geschmack.

Anatoli Michailowitsch Blisnjuk, der Gouverneur, der niemals lügt, hat also wieder einmal die Wahrheit gesagt: Separation kommt nicht in Frage, allenfalls ein bißchen mehr Selbständigkeit.

Und daß dann ein Knastbruder regiert, der Schläger Janukowitsch? Für den Taxifahrer mit dem Revolver ist das kein Problem. Wer hoch hinaus will, muß hart sein. „Und Sie? Schlagen Sie nicht auch zu, wenn einer dumm kommt?“ Natürlich täte auch der Gast das gelegentlich, warum also nicht der Präsident? „Er ist wie wir“, sagt der Bewaffnete, „und darum mögen wir ihn.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2004, Nr. 282 / Seite 3
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