Home
http://www.faz.net/-gpf-pkfs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ukraine Die seltsame Wandlung des Wiktor Janukowitsch

21.12.2004 ·  Der beurlaubte Ministerpräsident beklagt die „Korruption“ in der Ukraine, biedert sich im TV-Duell dem sichtlich verdutzten Juschtschenko an und wirft Präsident Kutschma ein Komplott vor.

Von Konrad Schuller, Kiew
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wiktor Janukowitsch, der beurlaubte Ministerpräsident der Ukraine, ist den Weg der Schmetterlinge gegangen. Nachdem die Fälschung der Präsidentenwahl vom 21. November zu seinen Gunsten zuerst von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und dann vom obersten Gericht der Ukraine bestätigt wurde, puppte er sich ein und wurde unsichtbar.

Oppositionsschef Juschtschenko hatte mit seiner fröhlichen Revolution von Kiew die Initiative an sich gerissen und Präsident Kutschma, den Erfinder und Beschützer der politischen Gestalt Janukowitsch, zu einer Wahlwiederholung bewegt, deren Modalitäten neue Fälschungen erheblich erschweren.

Kutschma war der Versuchung der Gewalt nicht erlegen und hatte sich damit nach den Worten Janukokwitschs, eines gerichtsnotorischen Gewaltmenschen, nicht nur als „Verräter“ entpuppt, sondern auch als „Feigling“.

Ein fröhlich flatternder Falter

Jetzt hat Janukowitsch auf den Kompromiß zwischen Kutschma und seinem Feind Juschtschenko die aus seiner Sicht adäquate Reaktion gefunden. Nach einem verpufften Marschbefehl an die Truppen des Innenministeriums am 27. November zog er sich zunächst in seine russophonen Hochburgen im Kohle-und Stahlrevier Donbass zurück und schmiedete mit der Hilfe Moskaus Pläne für eine regionale Loslösung. Ukraine: Der Schießbefehl wurde nicht befolgt

Spätestens seit Montag abend aber ist Janukowitsch wieder da - in neuer Gestalt. Bei einer Fernsehdebatte gegen Juschtschenko zeigte sich statt des geschmähten finsteren Engerlings ein fröhlich flatternder Falter. Der hünenhaft gebaute Ministerpräsident im Urlaub scherzte und spaßte, erbat lächelnd Vergebung für die Beschreibung seiner Gegner als „Ziegenböcke“ - im Gefängnisjargon eine Bezeichnung für Opfer homosexüllen Vergewaltigungen. Er beklagte die „Korruption“ der von ihm selbst bis vor kurzem geführten „höheren Ebenen“ und äußerte Verständnis für die gerade noch als Putschisten beschimpften Demonstranten vom „Maidan“.

Fraternisierungsangebote

Dem sichtlich verdutzten Juschtschenko trug er unter Zurufen wie „Seien Sie ein Mann!“ Bruderschaft an, sprach einmal von einem „Forum der nationalen Einheit“, dann wieder von einer „Regierung der nationalen Eintracht“, die unverzüglich zu schaffen sei. Auf jeden Fall müsse man sich noch vor der Wahl unbedingt zusammensetzen, um das Land zu retten.

Frühere Anschuldigungen gegen Juschtschenko, dieser sein ein „Faschist“ im Solde Washingtons, wischte Janukowitsch mit der Beteuerung vom Tisch, er habe „vor der Ikone geschworen“, seinen Gegner nicht zu beleidigen, Gott sei sein Richter. Mit seinen Fraternisierungsangeboten reagiert der bisherige Regierungschef auf seine fast vollständige Isolation in den Labyrinthen der ukrainischen Clanpolitik.

Kutschma soll an allem schuld sein

Seit klar ist, daß Kutschma die von ihm favorisierte Gewaltlösung vorerst nicht unterstützt, seit der Präsident mit Juschtschenko eine schnelle Wahlwiederholung unter strengen Kontrollregeln ausgehandelt hat, gilt Janukowitsch als verbrannt. Nun sucht er die Rettung in einer Strategie, welche die Schuld für Korruption und Verbrechen allein Kutschma zuschreibt, während er selbst als verfolgter Ehrenmann emporsteigt.

Die Revolution vom Maidan erfährt in dieser Darstellung eine grundlegend neue Deutung. Nach Janukowitsch ist sie keine authentische Erhebung gegen ein korruptes Regime, sondern eine von Präsident Kutschma bewußt geschürte Zustpitzung, mit dem Ziel, das Land so tief ins Chaos zu stürzen, daß zuletzt nur der präsidiale Ausnahmezustand als Rettung bleibt.

Ein minutiöser Palastkomplott

Juschtschenko erscheint in diesem Libretto als Helfershelfer einer gesetzwidrigen Machtübernahme. „Was nach der Stichwahl vom 21. November geschehen ist, war geplant, und Kutschma wußte davon“, hat Janukowitsch seinem Herausforderer Juschtschenko am Montag im Fernsehen zugerufen, „und Sie wußten es auch, Wiktor Andrejewitsch!“

Noch deutlicher wird die Struktur der Weltdeutung à la Janukowitsch, wenn man mit seinen Beratern spricht. Sein Stabschefs Taras Tschornowil ist jederzeit bereit, jenes minutiöse Palastkomplott, das die Revolution erfunden hat, in allen Details zu erläutern. Kutschma, heißt es hier, habe es zutiefst mißfallen, daß sein Janukowitsch als Regierungschef allen Verstrickungen widerstanden und statt dessen Korruption der Oligarchenwirtschaft bekämpft habe.

Janukowitsch-Berater: „Bürgerkrieg“droht

Um ihn zusammen mit Juschtschenkos orangener Opposition loszuwerden, sei der Präsident auf den Gedanken verfallen, die beiden in einer Folge von ergebnislosen Wahlen gegeneinander zu hetzen. Am Ende werde das Land vor dem „Bürgerkrieg“ stehen: „Ich weiß nicht, ob „wir unsere Anhänger stoppen können, wenn Juschtschenko die verfassungswidrige Wahl am 26. Dezember gewinnt“, sagt Tschornowil im Ton der Besorgnis.

In seinen Hochburgen würden schon jetzt Kampfgruppen gebildet, bereit, bei einem Wahlsieg der „Orangenen“ zur Gewaltzu greifen. Dann aber, wenn das Land vor der Katastrophe stehe, werde „Amerika und Europa“ Kutschma um Intervention bitten, „um ein neues Jugoslawien zu vermeiden“. Eine unbegrenzte Autokratie mit dem Segen des Auslands werde die Folge sein.

Imagewechsel vom Paten der Mafia zum Vereiner des Volkes

Das Konstrukt ist der polit-mythologische Hintergrund für den verzweifelten Versuch eines fallengelassenen Kindes der Macht, sich als Robin Hood darzustellen, während der Oppositionskandidat Juschtschenko als Rädchen in den Maschinerie des Präsidenten erscheint.

Mit dem Angebot, eine „Regierung der nationalen Eintracht“ zu bilden, versucht Janukowitsch den Imagewechsel vom Paten der Mafia zum Vereiner des Volkes. Juschtschenko hat Zeit gebraucht, bis er den Ton fand, zu reagieren. Die Schlußphase seines Wahlkampfs steht unter dem weihnachtlichen Motto „Friede Euch“ und soll vor allem den russisch sprechenden östlichen Hochburgen Janukowitschs die Angst vor einer Diktatur des ukrainisch empfindenden Westens nehmen. Ein Versönhnungsangebot, und selbst ein vergiftetes, auszuschlagen, kann ihm deshalb nicht leichtfallen.

Juschtschenko nutzt de Gaulle und die Bibel

Am Montag abend im Fernsehen hat er daher zunächst immer wieder versucht, das Thema zu wechseln, um Janukowitsch nicht rundheraus zurückweisen zu müssen. Erst gegen Ende fand er in den Tiefen der politischen Schatzkisten - bei General De Gaulle - die Formel, die paßte. „Die Opposition ist auch Frankreich“, habe der große Franzose seinerzeit gesagt, und auch er sei bereit, dem Osten die Hand zu reichen.

Janukowitsch selbst, den flatternden Schwergewichtler, aber hat Juschtschenko von diesem Angebot ausdrücklich ausgenommen: „Als früherer Regierungschef tragen sie für die Wahlfälschung vom 21. November persönlich Verantwortung,“ beschied er ihn. „Sie und Ihr Team haben drei Millionen Stimmen gestohlen.“ Juschtschenko schloß, als späte Antwort auf Janukowitschs Ikonen-Schwüre, mit einem Bibelwort: „Du sollst nicht stehlen“.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2004
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

Jüngste Beiträge

Die Scheu vor der Staatsräson

Von Berthold Kohler

Der Bundespräsident will zum Einstehen Deutschlands für die Sicherheit Israels nichts anderes gesagt haben als die Bundeskanzlerin. Warum sagte er dann etwas anderes? Mehr 6 22